by Conrad Ferdinand Meyer (1825 - 1898)

Reisephantasie
Language: German (Deutsch) 
Available translation(s): ENG FRE
 Mittagsruhe haltend auf den Matten
 In der morschen Burg gezacktem Schatten,
 Vor dem Türmchen eppichübersponnen,
 Hab ich einen Sommerwunsch gesonnen,
 Während ich ein Eidechsschwänzchen blitzen
 Sah - und husch, verschwinden durch die Ritzen...
 Wenn es lauschte... wenn es meiner harrte...
 Wenn - das Pförtchen in der Mauer knarrte...
 Dem Geräusche folgend einer Schleppe,
 Fänd' ich eine schmale Wendeltreppe
 Und, von leiser Hand emporgeleitet,
 Droben einen Becher Wein bereitet...
 Dann im Erker säßen wir alleine,
 Plauderten von nichts im Dämmerscheine,
 Bis der Pendel stünde, der da tickte,
 Und ein blondes Haupt entschlummernd nickte,
 Unter seines Lides dünner Hülle
 Regte sich des blauen Quelles Fülle...
 Und das unbekannte Antlitz trüge
 Ähnlichkeiten und Geschwisterzüge
 Alles Schönen, was mir je entgegen
 Trat auf allen meinen Erdewegen...
 Was ich Tiefstes, Zartestes empfunden,
 Wär' an dieses blonde Haupt gebunden
 Und in eine Schlummernde vereinigt,
 Was mich je beseligt und gepeinigt...
 Dringend hätt' es mich emporgerufen
 Dieser Wendeltreppe Trümmerstufen,
 Daß ich einem ganzen, vollen Glücke
 Stillen Kuß auf stumme Lippen drücke...
 Einmal nur in einem Menschenleben -
 Aber nimmer wird es sich begeben!

Authorship

Musical settings (art songs, Lieder, mélodies, (etc.), choral pieces, and other vocal works set to this text), listed by composer (not necessarily exhaustive)

Available translations, adaptations or excerpts, and transliterations (if applicable):

  • ENG English (Emily Ezust) , "Journey-fantasy", copyright ©
  • FRE French (Français) (Pierre Mathé) , "Fantasme de voyage", copyright © 2021, (re)printed on this website with kind permission


Researcher for this text: Emily Ezust [Administrator]

This text was added to the website between May 1995 and September 2003.
Line count: 32
Word count: 177