by August Wilhelm Schlegel (1767 - 1845)

Die verfehlte Stunde
Language: German (Deutsch) 
Qual des ungestillten Sehnen
Pocht mir in empörter Brust.
Liebe, die mir Seel' und Sinnen
Schmeichelnd wußte zu gewinnen!
Wiegt dein zauberisches Wähnen
Nur in Träume kurzer Lust
Und erweckt zu Thränen?
  Süß berauscht in Thränen
  An des Lieben Brust mich lehnen,
  Unsre Arme, Lippen, Zungen,
  Fest gesogen, fest geschlungen:
  Das nur stillt mein Sehnen!

Ach! ich gab ihm keine Kunde,
Wußt' es selber nicht zuvor;
Und nun beb' ich so beklommen:
Wird der Traute, wird er kommen?
Still und günstig ist die Stunde;
Nirgends droht ein horchend Ohr
Dem geheimen Bunde.
  Treu im sel'gen Bunde
  An des Lieben Brust mich lehnen,
  Unsre Arme, Lippen, Zungen
  Fest gesogen, fest geschlungen:
  Das nur stillt mein Sehnen.

Hör' ich leise Tritte rauschen,
Denk' ich: »Ha! da ist er schon!
Ahndnung hat ihm wohl verkündet,
Daß die schöne Zeit sich findet,
Wonn' um Wonne frei zu tauschen.«
Doch sie ist schon halb entflohn
Bei vergebnem Lauschen.
  Mit entzücktem Lauschen
  An des Lieben Brust mich lehnen,
  Unsre Arme, Lippen, Zungen
  Fest gesogen, fest geschlungen:
  Das nur stillt mein Sehnen.

»Täuschen wird vielleicht mein Sehnen«
Hofft' ich »des Gesanges Lust.
Ungestümer Wünsche Glühen
Lindern sanfte Melodien.«
Doch das Lied enthob mit Stöhnen
Tief erathmend sich der Brust,
Und erstarb in Thränen.
  Süß berauscht in Thränen
  An des Lieben Brust mich lehnen,
  Unsre Arme, Lippen, Zungen
  Fest gesogen, fest geschlungen:
  Das nur stillt mein Sehnen!

Confirmed with Taschenbuch und Almanach zum geselligen Vergnügen - von W.G. Becker für 1796. mit Churfürstl. Sächs. Privilegio. Leipzig bei Voß und Comp., pages 235-237.

This is the first version of Schlegel's poem. Later versions differ in the refrain, and, still later, in the first line; see below.


Authorship

Musical settings (art songs, Lieder, mélodies, (etc.), choral pieces, and other vocal works set to this text), listed by composer (not necessarily exhaustive)

    [ None yet in the database ]

Set in a modified version by Hans Georg Nägeli, Christian Schreiber, Franz Peter Schubert, August Heinrich von Weyrauch.


Researcher for this text: Peter Rastl [Guest Editor]

Text added to the website: 2017-07-23 00:00:00
Last modified: 2017-07-23 07:48:06
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Word count: 229