by Johann Gabriel Seidl (1804 - 1875)

Mein Glück
Language: German (Deutsch) 
So Mancher sieht mit finstrer Miene,
Die weite Welt sich grollend an;
Des Lebens wunderbare Bühne
Liegt ihm vergebens aufgethan.
Da weiß ich besser mich zu nehmen,
Und fern, der Freude mich zu schämen,
Genieß' ich froh den Augenblick: -
Und das ist doch gewiß ein Glück!

Um manches Herz hab' ich geworben,
Doch dauerte mein Sieg nicht lang,
Da mir die Blödheit oft verdorben,
Was kaum mein Frohsinn mir errang.
Drum bin ich auch dem Netz entgangen,
Denn weil kein Wahn mich noch umfangen,
Kam ich von keinem auch zurück,
Und das ist doch gewiß ein Glück.

Kein Lorbeer grünte meinem Scheitel,
Mir leuchtete kein Ehrenglanz;
Doch ist mein Thun darum nicht eitel:
Ein stiller Dank ist auch ein Kranz.
Wem, weit entfernt von kecken Flügen,
Des Thals bescheidne Freuden gnügen,
Dem bangt auch nicht für sein Genick: -
Und das ist doch gewiß ein Glück!

Und ruft der Both' aus jener Ferne
Mir einst, wie Allen, ernst und hohl,
Dann sag' ich willig jedem Sterne
Des Erdenhimmels Lebewohl.
Zum Troste drücken doch am Ende
Die Hand mir treue Freundeshände,
Und segnend stärkt mich Freundesblick:
Das, Bruder, ist doch wohl ein Glück!

Confirmed with Der Wanderer auf das Jahr 1829. Erster Band. Jänner bis Ende Juny. Wien, 1829. Gedruckt und im Verlage bey Anton Strauß's sel. Witwe. Nro. 26. Montag, den 26. Jänner 1829.

Note: Schubert received an earlier version of this poem from Seidl in handwritten form; see below.


Authorship

Musical settings (art songs, Lieder, mélodies, (etc.), choral pieces, and other vocal works set to this text), listed by composer (not necessarily exhaustive)

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Set in a modified version by Franz Peter Schubert.


Researcher for this text: Peter Rastl [Guest Editor]

Text added to the website: 2017-10-09 00:00:00
Last modified: 2017-10-09 21:00:35
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