by Johann Wolfgang von Goethe (1749 - 1832)

Heraus in eure Schatten, rege Wipfel
Language: German (Deutsch) 
Available translation(s): ENG
IPHIGENIE
 Heraus in eure Schatten, rege Wipfel
 Des alten, heil'gen, dichtbelaubten Haines,
 Wie in der Göttin stilles Heiligtum,
 Tret' ich noch jetzt mit schauderndem Gefühl,
 Als wenn ich sie zum erstenmal beträte,
 Und es gewöhnt sich nicht mein Geist hierher.
 So manches Jahr bewahrt mich hier verborgen
 Ein hoher Wille, dem ich mich ergebe;
 Doch immer bin ich, wie im ersten, fremd.
 Denn ach! mich trennt das Meer von den Geliebten,
 Und an dem Ufer steh' ich lange Tage,
 Das Land der Griechen mit der Seele suchend;
 Und gegen meine Seufzer bringt die Welle
 Nur dumpfe Töne brausend mir herüber. 

 Weh dem, der fern von Eltern und Geschwistern
 Ein einsam Leben führt! Ihm zehrt der Gram
 Das nächste Glück vor seinen Lippen weg,
 Ihm schwärmen abwärts immer die Gedanken
 Nach seines Vaters Hallen, wo die Sonne
 Zuerst den Himmel vor ihm aufschloß, wo
 Sich Mitgeborne spielend fest und fester
 Mit sanften Banden aneinander knüpften.

 Ich rechte mit den Göttern nicht; allein
 Der Frauen Zustand ist beklagenswert.
 Zu Haus und in dem Kriege herrscht der Mann,
 Und in der Fremde weiß er sich zu helfen.
 Ihn freuet der Besitz; ihn krönt der Sieg!
 Ein ehrenvoller Tod ist ihm bereitet.
 Wie eng gebunden ist des Weibes Glück!
 Schon einem rauhen Gatten zu gehorchen,
 Ist Pflicht und Trost; wie elend, wenn sie gar
 Ein feindlich Schicksal in die Ferne treibt!

 So hält mich Thoas hier, ein edler Mann,
 In ernsten, heil'gen Sklavenbanden fest.
 O wie beschämt gesteh' ich, daß ich dir
 Mit stillem Widerwillen diene, Göttin,
 Dir, meiner Retterin! Mein Leben sollte
 Zu freiem Dienste dir gewidmet sein.
 Auch hab' ich stets auf dich gehofft und hoffe
 Noch jetzt auf dich, Diana, die du mich,
 Des größten Königs verstoßne Tochter,
 In deinen heil'gen, sanften Arm genommen.
 Ja, Tochter Zeus', wenn du den hohen Mann,
 Den du, die Tochter fordernd, ängstigtest,
 Wenn du den göttergleichen Agamemnon,
 Der dir sein Liebstes zum Altare brachte,
 Von Trojas umgewandten Mauern rühmlich
 Nach seinem Vaterland zurückbegleitet,
 Die Gattin ihm, Elektren und den Sohn,
 Die schönen Schätze, wohl erhalten hast,
 So gib auch mich den Meinen endlich wieder
 Und rette mich, die du vom Tod errettet,
 Auch von dem Leben hier, dem zweiten Tode!

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Researcher for this text: Emily Ezust [Administrator]

This text was added to the website: 2007-11-21
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