by Friedrich Rückert (1788 - 1866)

O wie lieblich locken
Language: German (Deutsch) 
O wie lieblich locken
Sonntagskirchenglocken
Mich von weitem an,
Rührender Gelindheit,
Wie sie's in der Kindheit
Einst mir angethan! 

Soll ich näher gehen,
Soll ich drinnen stehen
In dem kalten Bau? 
Er vertreibt mich schüchtern,
Haucht mich an so nüchtern,
Sieht mich an so grau. 

Meine Andacht lodert,
Nicht wo Grabduft modert,
Sondern Bergluft weht;
Dennoch könnt' ich neiden
Jeden, der bescheiden
In die Kirche geht.

In die engen Stühle
Drängt im Volksgewühle
Sich mit Fuß und Hand,
Eins mit seinem Putze,
Eins mit seinem Schmutze
Jed's mit seinem Stand. 

Meinen Tempel bauen
Kann ich mir im Blauen
Um den Felsaltar,
Wo das Opfer zündet, 
Sonne, die verkündet,
Was an Anfang war. 

Hier stell' ich alleine
Priester und Gemeine
Mit der Gottheit vor;   
Besser eint' und trennte
Glaubenselemente
Dort der vollen Chor. 

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Confirmed with Friedrich Rückert's Gedichte, neue Auflage, Frankfurt am Main: J. D. Sauerländer's Verlag, 1847. Appears in Haus- und Jahrslieder, in Vierte Reihe, page 539.


Authorship

Musical settings (art songs, Lieder, mélodies, (etc.), choral pieces, and other vocal works set to this text), listed by composer (not necessarily exhaustive)


Researcher for this text: Melanie Trumbull

This text was added to the website: 2019-02-06
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