Faust part 2: Drei Lieder des Turmwächter Lynceus

by Carl Loewe (1796 - 1869)

Word count: 537

1. Turmwächter Lynceus zu den Füßen der Helena [sung text checked 1 time]

Laß mich knieen, laß mich schauen,
laß mich sterben, laß mich leben,
denn schon bin ich hingegeben
dieser gottgegebnen Frauen!

Harrend auf des Morgens Wonne,
östlich spähend ihren Lauf,
ging auf einmal mir die Sonne
wunderbar im Süden auf.

Zog den Blick nach jener Seite,
statt der Schluchten, statt der Höhen,
statt der Erd' und Himmelsweite,
sie, die Einzige, zu spähen.

Augenstrahl ist mir verliehen
wie dem Luchs auf höchstem Baum;
doch nun muß ich mich bemühen
wie im allertiefsten Traum.

Wüßt' ich irgend mich zu finden?
Zinne? Turm? geschlossnes Tor? 
Nebel schwanken, Nebel schwinden,
solche Göttin tritt hervor.

Aug' und Brust ihr zugewendet,
sog ich an den milden Glanz.
Diese Schönheit, wie sie blendet,
blendete mich Armen ganz.

Ich vergaß des Wächters Pflichten,
völlig, völig das beschworne Horn:
Drohe nur mich zu vernichten,
Schönheit bändigt allen Zorn.

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2. Lynceus, der Helena seine Schätze darbietend [sung text checked 1 time]

Du siehst mich, Königin, zurück.
Der Reiche bettelt einen Blick,
er sieht dich an, und fühlt sogleich
sich bettelarm und fürstenreich!

Was war ich erst? was bin ich nun?
was ist zu wollen? was zu tun?
was hilft der Augen schärfster Blitz?
er prallt zurück an deinem Sitz.

Von Osten kamen wir heran,
und um den Westen war's getan;
ein lang und breites Volksgewicht,
der erste wußte vom letzten nicht.

Der erste fiel, der zweite stand,
des dritten Lanze war zur Hand,
ein jeder hundertfach gestärkt,
Erschlagne, Tausend unbemerkt.

Wir drängten fort, wir stürmten fort,
wir waren Herrn von Ort zu Ort,
und wo ich herrisch heut befahl,
ein andrer morgen raubt' und stahl.

Wir schauten, eilig war die Schau;
der griff die allerschönste Frau,
der griff den Stier von festem Tritt,
die Pferde mußten alle mit.

Ich aber liebte zu erspäh'n
das Seltenste, was man gesehn,
und was ein andrer auch besaß,
das war für mich gedörrtes Gras.

Den Schätzen war ich auf der Spur,
den scharfen Blicken folgt' ich nur,
in alle Taschen blickt' ich ein,
durchsichtig war mir jeder Schrein.

Und Haufen Goldes waren mein,
am herrlichsten der Edelstein;
nun der Smaragd allein verdient,
daß er an deinem Herzen grünt.

Nun schwanke zwischen Ohr und Mund
das Tropfeney aus Meeresgrund;
Rubinen werden gar verscheucht,
das Wangenrot sie niederbleicht.

Und so den allergrößten Schatz
versetz' ich hier auf deinen Platz,
zu deinen Füßen sei gebracht
die Ernte mancher blut'gen Schlacht.

So viele Kisten schlepp' ich her,
der Eisenkisten hab' ich mehr;
erlaube mich auf deiner Bahn,
und Schatzgewölbe füll' ich an.

Denn du bestiegest kaum den Thron,
so neigen schon, so beugen schon
Verstand und Reich, tum und Gewalt
sich vor der einzigen Gestalt.

Das alles hielt ich fest und mein,
nun aber lose, wird es dein,
ich glaubt' es würdig, hoch und baar,
nun seh' ich, daß es nichtig war.

Verschwunden ist, was ich besaß,
ein abgemähtes, welkes Gras.
O gib mit einem heitern Blick
ihm seinen ganzen Wert zurück!

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3. Lynceus, der Türmer, auf Faust's Sternwarte singend [sung text checked 1 time]

Zum [Sehen]1 geboren,
Zum Schauen bestellt,
Dem Turme geschworen
Gefällt mir die Welt.
Ich blick' in die Ferne,
Ich seh' in der Näh'
Den Mond und die Sterne,
Den Wald und das Reh.

So seh' ich in allen
Die ewige Zier,
Und wie mir's gefallen,
Gefall' ich auch mir.
Ihr glücklichen Augen,
Was je ihr gesehn,
Es sei, was es wolle,
Es war doch so schön!

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  • CAT Catalan (Català) (Salvador Pila) , copyright © 2020, (re)printed on this website with kind permission
  • DUT Dutch (Nederlands) [singable] (Lau Kanen) , "Voor turen geboren", copyright © 2013, (re)printed on this website with kind permission
  • ENG English (Emily Ezust) , "Born to watch", copyright ©
  • FRE French (Français) (Guy Laffaille) , "Chant de Lyncée, le veilleur", copyright © 2013, (re)printed on this website with kind permission
  • ITA Italian (Italiano) (Amelia Maria Imbarrato) , "Linceo della torre", copyright © 2006, (re)printed on this website with kind permission

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1 Lassen: "Schenken"; further changes may exist not shown above.

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