Drei Goethe-Gesänge

Song Cycle by Hermann Simon (1896 - 1948)

Word count: 1581

1. Urworte-Dämon [sung text checked 1 time]

ΔΑΙΜΩΝ, Dämon
 Wie an dem Tag, der dich der Welt verliehen,
 Die Sonne stand zum Gruße der Planeten,
 Bist alsobald und fort und fort gediehen
 Nach dem Gesetz, wonach du angetreten.
 So mußt du sein, dir kannst du nicht entfliehen,
 So sagten schon Sibyllen, so Propheten;
 Und keine Zeit und keine Macht zerstückelt
 Geprägte Form, die lebend sich entwickelt.
 
ΤΥΧΗ, das Zufällige
 Die strenge Grenze doch umgeht gefällig
 Ein Wandelndes, das mit und um uns wandelt;
 Nicht einsam bleibst du, bildest dich gesellig,
 Und handelst wohl so, wie ein andrer handelt:
 Im Leben ists bald hin-, bald widerfällig,
 Es ist ein Tand und wird so durchgetandelt.
 Schon hat sich still der Jahre Kreis geründet,
 Die Lampe harrt der Flamme, die entzündet.
 
ΕΡΩΣ, Liebe
 Die bleibt nicht aus! – Er stürzt vom Himmel nieder,
 Wohin er sich aus alter Öde schwang,
 Er schwebt heran auf luftigem Gefieder
 Um Stirn und Brust den Frühlingstag entlang,
 Scheint jetzt zu fliehn, vom Fliehen kehrt er wieder:
 Da wird ein Wohl im Weh, so süß und bang.
 Gar manches Herz verschwebt im Allgemeinen,
 Doch widmet sich das edelste dem Einen.
 
ΑΝΑΓΚΗ, Nötigung
 Da ists denn wieder, wie die Sterne wollten:
 Bedingung und Gesetz; und aller Wille
 Ist nur ein Wollen, weil wir eben sollten,
 Und vor dem Willen schweigt die Willkür stille;
 Das Liebste wird vom Herzen weggescholten,
 Dem harten Muß bequemt sich Will und Grille.
 So sind wir scheinfrei denn, nach manchen Jahren
 Nur enger dran, als wir am Anfang waren.
 
ΕΛΠΙΣ, Hoffnung
 Doch solcher Grenze, solcher ehrnen Mauer
 Höchst widerwärtge Pforte wird entriegelt,
 Sie stehe nur mit alter Felsendauer!
 Ein Wesen regt sich leicht und ungezügelt:
 Aus Wolkendecke, Nebel, Regenschauer
 Erhebt sie uns, mit ihr, durch sie beflügelt,
 Ihr kennt sie wohl, sie schwärmt durch alle Zonen –
 Ein Flügelschlag – und hinter uns Äonen!	

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2. Lynceus der Türmer [sung text checked 1 time]

Zum [Sehen]1 geboren,
Zum Schauen bestellt,
Dem Turme geschworen
Gefällt mir die Welt.
Ich blick' in die Ferne,
Ich seh' in der Näh'
Den Mond und die Sterne,
Den Wald und das Reh.

So seh' ich in allen
Die ewige Zier,
Und wie mir's gefallen,
Gefall' ich auch mir.
Ihr glücklichen Augen,
Was je ihr gesehn,
Es sei, was es wolle,
Es war doch so schön!

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Available translations, adaptations or excerpts, and transliterations (if applicable):

  • CAT Catalan (Català) (Salvador Pila) , copyright © 2020, (re)printed on this website with kind permission
  • DUT Dutch (Nederlands) [singable] (Lau Kanen) , "Voor turen geboren", copyright © 2013, (re)printed on this website with kind permission
  • ENG English (Emily Ezust) , "Born to watch", copyright ©
  • FRE French (Français) (Guy Laffaille) , "Chant de Lyncée, le veilleur", copyright © 2013, (re)printed on this website with kind permission
  • ITA Italian (Italiano) (Amelia Maria Imbarrato) , "Linceo della torre", copyright © 2006, (re)printed on this website with kind permission

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3. Die Lobpreisung des Doctor Marianus [sung text checked 1 time]

[ ... ]

Doctor Marianus
(in der höchsten, reinlichsten Zelle).
[    Hier ist die Aussicht frei,
    Der Geist erhoben.
    Dort ziehen Frau’n vorbei,
    Schwebend nach oben;
    Die Herrliche mitteninn
    Im Sternenkranze,
    Die Himmelskönigin,
    Ich seh’s am Glanze.]2
(Entzückt.)
 Höchste Herrscherin der Welt!
 Lasse mich, im blauen,
 Ausgespannten Himmelszelt
 Dein Geheimniß schauen.
 Billige was des Mannes Brust
 Ernst und zart beweget
 Und mit heiliger Liebeslust
 Dir entgegen träget.
 Unbezwinglich unser Muth
 Wenn du hehr gebietest,
 Plötzlich mildert sich die Gluth
 Wie du uns befriedest.
[ Jungfrau, rein im schönsten Sinn,
 Mutter, Ehren würdig,
 Uns erwählte Königin,
 Göttern ebenbürtig.]2
[ Um sie verschlingen
 Sich leichte Wölkchen,
 Sind Büßerinnen,
 Ein zartes Völkchen,
 Um Ihre Knie
 Den Aether schlürfend,
 Gnade bedürfend.]2 3

[ ... ]

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Confirmed with Johann Wolfgang von Goethe, Faust. Der Tragödie zweiter Teil, Stuttgart, 1832.

Note: Hermann Simon's setting begins "Höchste Herrscherin der Welt!"; the settings by Mojsisovics-Mojsvár and Röntgen begin "Alles Vergängliche", line -8 (or 8 from the end).

1 R. Schumann:
Ich spür' soeben,
 Nebelnd um Felsenhöh',
 Ein Geisterleben.
 Regend sich in der Näh'
 Seliger Knaben,
 Seh' ich bewegte Schar
2 Omitted by H. Simon.
3 Omitted by R. Schumann.
4Schumann: "Glück"

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