by Ludwig Gotthard Theobul Kosegarten (1758 - 1818)
Schwangesang
NOTE: the footnotes have been removed from this text; return to general view
Language: German (Deutsch)
Endlich stehn die Pforten offen, Endlich winkt das kühle Grab, Und nach langem Fürchten, Hoffen, Neig' ich mich die Nacht hinab. Durchgewacht sind nun die Tage Meines Lebens. Süße Ruh Drückt nach ausgeweinter Klage Mir die müden Wimper zu. Auge schleuß dich. Strahl der Sonnen, Wecke nicht den Schläfer mehr. Seine Sanduhr ist verronnen; Seiner Kräfte Sprudel leer. Durchgerannt sind seine Schranken, Durchgekämpfet ist sein Kampf. Seht, der Erde Pfeiler wanken. Seht, die Welt verwallt wie Dampf. Dunkel wird mein Blick und trübe, Taub das Ohr, und starr das Herz. In ihm klopft nicht mehr die Liebe; In ihm bebt nicht mehr der Schmerz. Ausgeliebet, ausgelitten Hab' ich, und die Leidenschaft Tobt nicht mehr, und abgeschnitten Dorrt mein Reben, eis't mein Saft. Oeffne deine Schattenpforten, Oeffne, Engel Tod sie nun. Lange will ich, lange dorten Bey dir in der Kammer ruhn. Süß, geräuschlos, kühl und stille Soll's in deiner Kammer seyn. O so eile, Trauter, hülle In dein Schlafgewand mich ein. Die mich gern und liebend schauten, Mond und Sonne, lebet wohl! Die mir süße Wehmuth thauten, Früh- und Spatroth, lebet wohl! Lebet wohl ihr grünen Felder, Du mein Tausendschönchenthal! Düstre, feyerliche Wälder, Bäch' und Hügel allzumal! Die ihr zärtlich mich umschlanget, Mit mir theiltet Weh und Wohl, Mit mir kämpftet, mit mir ranget, Lebet Freunde, lebet wohl! Die du meinen Staub erschufest, Und ihn heut in deinen Schooß, Mutter Erde, wiederrufest, Hüll' ihn sanft und störunglos. Ewig wird die Nacht nicht dauern, Ewig dieser Schlummer nicht. Hinter jenen Gräberschauern Dämmert unauslöschlich Licht. Aber bis das Licht mir funkle, Bis ein schön'rer Tag mir lacht, Sink' ich ruhig in die dunkle, Stille, kühle Schlummernacht.
View text with all available footnotes
Research team for this page: Emily Ezust [Administrator] , Peter Rastl [Guest Editor]
Confirmed with L.T.Kosegarten's Poesieen, Neueste Auflage, Zweyter Band, Berlin 1803, pages 152-154.
Note: An early version of this poem has been published anonymously by Kosegarten in 1777; see below.
Text Authorship:
- by Ludwig Gotthard Theobul Kosegarten (1758 - 1818), "Schwangesang", written 1775, appears in Gedichte, in Jugendversuche [author's text checked 1 time against a primary source]
Go to the general view
Research team for this page: Emily Ezust [Administrator] , Peter Rastl [Guest Editor]
This text was added to the website between May 1995 and September 2003.
Line count: 56
Word count: 277