by Johann Gottfried Herder (1744 - 1803)

Das Flüchtigste
Language: German (Deutsch) 
Tadle nicht der Nachtigallen
bald verhallend süßes Lied;
Sieh, wie unter allen, allen
Lebensfreuden, die entfallen,
stets zuerst die schönste flieht.

[Sieh, wie dort]1 im Tanz der Horen
Lenz und Morgen schnell entweicht;
wie die Rose, mit Auroren
[jetzt]2 im Silbertau geboren,
[jetzt]3 Auroren gleich erbleicht.

[Höre]4, wie im Chor der Triebe
bald der [zarte]5 Ton verklingt.
[Sanftes]6 Mitleid, Wahn der Liebe,
Ach das er uns ewig bliebe!
Aber ach! Sein Zauber sinkt.

Und die Frische dieser Wangen,
[deines Herzens]7 rege Glut,
und die ahnenden Verlangen,
die am Wink der Hoffnung hangen -
Ach, ein fliehend, fliehnd Gut!

Selbst die Blüte deines Strebens,
aller Musen schönste Gunst,
jede höchste Gunst des Lebens,
Freund, du fesselst sie vergebens;
sie entschlüpft, die Zauberkunst.

Aus dem Meer der Götterfreuden
ward ein Tropfe uns geschenkt,
ward gemischt mit manchen Leiden,
leerer Ahnung, falschen Freuden,
ward im Nebelmeer ertränkt.

Aber auch im Nebelmeere
ist der Topfe Seligkeit;
einen Augenblick ihn trinken
rein ihn trinken und versinken,
ist Genuss der Ewigkeit.

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1 Nägeli: "Siehe, wie"
2 Nägeli: "Zart"
3 Nägeli: "Auch"
4 Nägeli: "Siehe"
5 Nägeli: "zärteste"
6 Nägeli: "Holdes"
7 Nägeli: "Und der Jugend"

Authorship

Musical settings (art songs, Lieder, mélodies, (etc.), choral pieces, and other vocal works set to this text), listed by composer (not necessarily exhaustive)


Research team for this text: Emily Ezust [Administrator] , Melanie Trumbull

Text added to the website: 2008-11-23 00:00:00
Last modified: 2019-12-10 15:50:40
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