by Joseph Viktor von Scheffel (1826 - 1886)

Herbstschwermut
Language: German (Deutsch) 
Der Tag verglüht, des Hochwalds Wipfel schweigen 
Derweil in goldnem Dunst die Halde schwimmt; 
Ich steh am Rain, wo wir den Frühlingsreigen 
So oft aus hellsten Kehlen angestimmt  . . . 
Die Nachtigall schlug damals in den Zweigen
Und pries mit uns des ersten Veilchens Blüh'n 
Und manchen Mund sah man zum Kuß sich neigen, 
Wenn sich die Tänzer lagerten im Grün. 

Wer küßt ihn heut?  Gelb sind der Blätter Farben, 
Die Nachtigall flog aus in and're Land, 
Die Veilchen welkten und die Frauen starben, 
Die klaren Ritter deckt der welsche Sand. 
Gebeugt am Stab und wohlgeschult im Darben 
Keuch' ich des Wegs, fahl und spätherbstiglich, 
Und Niemand weiß Bescheid, wo Wein und Garben 
Gekellert und gespeichert sind für mich.  

Ich klag' es nicht.  --  Ich hab' mit meinem Pfunde
Gewuchert wie ein andrer frommer Knecht. 
Zwar wuchs nur wenig Korn auf meinem Grunde
Und viel Geblüm zu Strauß und Kranzgeflecht . . . 
Doch Mancher dankt mir eine gute Stunde, 
Manch goldnen Preis gewann mein Lautenklang 
Und manch ein Herz schuf meine Kunst gesunde . . . 
Wo Reinmar singt, da währt kein Jammer lang. 

Confirmed with Josef Viktor von Scheffel, Frau Aventiure: Lieder aus Heinrich von Ofterdingens Zeit, zweite Auflage, Stuttgart: J. G. Metzler'schen Buchhandlung, 1869. Appears in Reinmar der Alte, pages 34 - 35.


Authorship

Musical settings (art songs, Lieder, mélodies, (etc.), choral pieces, and other vocal works set to this text), listed by composer (not necessarily exhaustive)

  • by Arnold Krug (1849 - 1904), "Herbstschwermut", op. 19 ([Acht] Lieder und Romanzen für 1 Singstimme mit Pianofortebegleitung) no. 7, published 1879 [ voice and piano ], Hamburg, Thiemer [sung text not yet checked]

Researcher for this text: Melanie Trumbull

Text added to the website: 2020-01-10 00:00:00
Last modified: 2020-01-10 13:40:08
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