Sechs Lieder mit Begleitung des Pianoforte. 2 Heft

by Johann Christian Baldewein (1784 - 1848)

Word count: 1131

1. Beruhigung [sung text checked 1 time]

Sanft geht die dunkle Bahn hinab,
und unten ist's so kühl.
Birgt nicht das tiefe, stille Grab
der liebsten Wünsche Ziel?

Nur Wieg' ist dieses Leben ja
der kindlichen Natur;
die [treue]1 Mutter ist uns nah',
[zeigt uns]2 die lichte Spur.

Der Tag ist lang' und unruhvoll,
[doch freundlich]3 trifft ein Strahl
aus ihren milden Augen wohl
des Kindes Wieg' einmal.

[Und]4 wenn die stille Nacht beginnt,
dann nimmt ans weiche Herz
sie liebend ihr verlass'nes Kind
und stillt des Kleinen Schmerz.

[Dann]5, unter süßen Melodien,
schläft sanft das Kindlein ein;
die Blumen gold'ner Träume blüh'n
in seinen Schlaf hinein.

Drum still, [mein Herz]6, vielleicht einmal
tönt noch mit leisem Klang
auch dir, beim letzten Sonnenstrahl,
ein sanfter Schlafgesang.

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Confirmed with Auserlesene Dichtungen von Louise Brachmann, Bd. 1, Leipzig, 1824.

1 Baldewein: "sanfte"
2 Baldewein: "wir seh'n"
3 Baldewein: "zuweilen"
4 Baldewein: "Doch"
5 Baldewein: "Und"
6 Baldewein: "o Schmerz"

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2. Kahnlied [sung text checked 1 time]

Fröhlich gleitet unser Kahn
in der Spiegelquelle,
durch des Bächleins Silberbahn
auf der kleinen Welle.
Sanft führt er die leichte Last
durch den grünen Flieder;
ohne Segel, ohne Mast
schwebt er auf und nieder.

Seht, so tanzt das Leben hin
über grüne Auen.
und der Freude Engelsinn
scheucht des Grames Grauen.
Lyrisch schwebt der Jugend Kahn
durch der Hoffnung Schatten,
wo sich mit der dunklen Bahn
lichte Stellen gatten.

Schwimme denn auf kleiner Flut,
liebes Schifflein, weiter!
Wo des Haines Dunkel ruht,
wird das Schifflein breiter,
und im heil'gen Dunkel dort
blüht am grünen Lande
uns ein sich'rer Blumenport
am umbüschten Strande.

In dem Laubgewölbe spricht
zu dem Freudelosen
blühend ein Vergissmeinnicht
und ein Kranz von Rosen.
Blumenwelten steh'n beseelt
um die Rasenstellen,
und ihr holdes Bild vermählt
sich den Silberwellen.

Schifflein, schweb' im raschen Gang
auf nun und hernieder!
Ringsum tönt der Hochgesang
frohbeseelter Brüder,
und der Kreis von Schwestern bückt
sich zum Heiligtume,
wo die Blumen steh'n, und pflückt
sich der Freundschaft Blume.

Authorship

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3. Die Kindheit [sung text checked 1 time]

Sanft, wie um Blumenstellen
ein Bienenvölkchen schwirrt,
und an den Silberquellen
die Turteltaube girrt;
so selig 
entschwebt im  Kleide
der holden Freude
der Kindheit Traum
und schwebt auf Rosenflügeln
durch ihren lichten Raum.

Im jugendlichen Kleide,
mit sanftem Engelsinn,
hüpft froh das Kind zur Weide,
zu jedem Blümchen hin
und spiegelt 
sich in der Quelle,
die silberhelle
durch Blumen schwimmt
und durch die grünen Wiesen
sich rauschend krümmt.

Sieh, wie's am Arm der Mutter
froh Blum' um Blume reiht
und Kränze flicht, und Futter
dem Hühnerschwarme streut!
Es lächelt, 
und Friedenshoren,
aus Ruh' geboren,
aus Ruh' und Scherz,
umgaukeln froh und leise
das unschuldsvolle Herz.

Die blauumwund'ne Pflaume,
die ihrem Ast entfiel,
die Kirsch' auif hohem Baume
ist seiner Wünsche Ziel.
Es eilet 
auf Windesflügeln
zu bunten Hügeln,
zur Lenznatur,
und hangt mit heil'gen Trieben
an Gottes Blumenflur.

Wenn Unmut, Gram und Klage
mir meinen Busen schwellt,
dann, Phantasie, dann trage
mich hin zur Kinderwelt!
Da säuselt
noch Ruh' und Frieden,
die, ach, hienieden
so schnell verblüh'n
und meine ganze Seele
magnetisch an sich zieh'n.

Authorship

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4. Der Einsame [sung text checked 1 time]

Ich ging im Erlenschatten
am Bach den Wald entlang;
die Amsel rief den Gatten
mit schmeichelndem Gesang.

Er flog, im Schnabel Speise,
zu dem belaubten Bett;
ach! sehnt' ich mich da leise,
wenn ich ein Liebchen hätt'!

Ich ging an Rosenzweigen,
sah immer zwei und zwei
sich zueinander neigen
mit fester Lieb' und Treu'.

Und eine wollt' ich brechen,
da fühlt' ich ihren Stich;
nun pflückt' ich, mich zu rächen,
sie beide, ach, für mich.

Denn keine will die Blume!
Ich schließe, muss es sein,
im stillen Heiligtume
des Herzens mich nun ein.

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5. Die Sterne [sung text not yet checked]

Wie wohl ist mir im Dunkeln!
Wie weht die laue Nacht!
Die Sterne Gottes funkeln
In feyerlicher Pracht!
Komm, [Ida]1, komm ins Freye,
Und laß in jene Bläue
Und laß zu jenen Höhn
Uns staunend aufwärts sehn.

Sieh, wie die Leyer schimmert!
Sieh, wie der Adler glüht!
Sieh, wie die Krone flimmert,
Und Gemma Funken sprüht!
Die hellen Wächter winken,
Die goldnen Wagen blinken,
Und stolz durchschwimmt der Schwan
Den blauen Ocean.

O Sterne Gottes, Zeugen
Und Boten beßrer Welt,
Ihr heißt den Aufruhr schweigen,
Der [unsern]2 Busen schwellt.
Ich seh' hinauf, ihr Hehren,
Zu euren lichten Sphären,
Und [Ahnung beßrer]3 Lust
Stillt die empörte Brust.

O Ida, wenn die Schwermuth
Dein sanftes Auge hüllt,
Wenn dir die Welt mit Wermuth
Den Lebensbecher füllt;
So geh hinaus im Dunkeln,
Und sieh die Sterne funkeln,
Und leiser wird dein Schmerz,
Und freyer schlägt dein Herz.

[Und wenn im öden Staube
Der irre Geist erkrankt;
Wenn tief in dir der Glaube
An Gott und Zukunft schwankt;]4
Schau auf zu jenen Fernen
Zu jenen ew'gen Sternen!
Schau auf und glaub an Gott,
Und segne Grab und Tod.

O Ida, wenn die Strenge
Des Schicksals einst uns trennt,
Und wenn das Weltgedränge
Nicht Blick noch Kuß [uns gönnt]5;
So schau hinauf ins Freye,
In jene weite Bläue!
In jenen lichten Höhn,
Dort, dort ist Wiedersehn!

Und wenn ich einst, o Theure,
Von allem Kampf und Krieg
Im stillen Grabe feyre,
So schau empor und sprich:
»In jenen hohen Fernen,
Auf jenen goldnen Sternen,
Dort, wo's am hellsten blitzt,
Wallt mein Verlorner itzt.« 

O Sterne Gottes, Boten
Und Bürger beßrer Welt,
Die ihr die Nacht der Todten
Zu milder Dämmrung hellt!
Umschimmert sanft die Stätte,
Wo ich aus stillem Bette
Und süßem Schlaf erwach
Zu Edens schönerm Tag!

Authorship

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Available translations, adaptations or excerpts, and transliterations (if applicable):

  • CAT Catalan (Català) (Salvador Pila) , "Les estrelles", copyright © 2018, (re)printed on this website with kind permission
  • DUT Dutch (Nederlands) [singable] (Lau Kanen) , "De sterren", copyright © 2010, (re)printed on this website with kind permission
  • ENG English (Malcolm Wren) , "The stars", copyright © 2011, (re)printed on this website with kind permission
  • FRE French (Français) (Guy Laffaille) , "Les étoiles", copyright © 2012, (re)printed on this website with kind permission

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Confirmed with L.T.Kosegarten's Poesieen, Neueste Auflage, Zweyter Band, Berlin 1803, pages 6-9; and with Ludwig Theoboul Kosergarten's Poesieen. Zweiter Band. Leipzig bei Heinrich Gräff. 1798, pages 301-304. Kosegarten's poem is slightly different in later editions (see below).

First published (only stanzas 1-4 and 6) in Musen-Almanach für das Jahr 1796. Herausgegeben von Schiller. Neustrelitz, bei dem Hofbuchhändler Michaelis, pages 174-176.

1 Harder, Zumsteeg: "Mädchen"
2 Schiller's Musenalmanach, and Harder: "meinen"
3 Schiller's Musenalmanach: "Ahndung ewger"; Harder: "Ahnung ew'ger"
4 omitted by Harder.
5 Schiller's Musenalmanach, and Harder: "vergönnt"

Research team for this text: Emily Ezust [Administrator] , Peter Rastl [Guest Editor]

6. Die Bitte [sung text not yet checked]

Teures Mädchen, wenn ein andrer Himmel,
Doch kein schön'rer einstens [um dich wallt]1;
Wenn der Stadt zerstreuendes Getümmel
Lauter itzt, itzt dumpfer um dich schallt;
Wenn die bunten Gecken um dich gaukeln,
Kräuseln gleich, sich um dich drehn und schaukeln,
Ekeln Weihrauch deiner Schönheit streun,
Dann, Geliebte, denke mein!

Wenn du satt des [seelelosen]2 Lärmens
Abends in dein einsam Zimmer eilst;
In der Wonne dann des süßen Schwärmens
Noch ein stilles Stündchen staunend weilst;
Dann dem Genius der Ruhe winkest,
Dann dem Schlummer in die Arme sinkest,
Der dich wiegt in holde Träumerein,
Edle Seele, denke mein!

Wenn, dieweil die müde Schöpfung feiert,
Und die Dämmerung die Welt verhüllt,
Sanfte Schwermut deinen Geist umschleiert,
Und von Ahndungen dein Busen schwillt,
Zarte Sorgen dann dein Herz beklemmen,
Tränen deine Wimper überschwemmen,
Süße Tränen, die die Neugier scheu'n -
Edle, so gedenke mein!

Ich [gedenk']3 an dich in meiner Wildniß,
In der Einsamkeit vertrautem Arm.
Durch das tiefe Dunkel glänzt dein Bildniß,
Täuscht mit holdem Lächeln meinem Harm.
Wenn das Spätrot mein Gemach durchschimmert,
Heßperus in meine Fenster flimmert,
Früh mich weckt Aurorens roter Schein - 
Immer, Edle, denk' ich dein!

Wenn ich lese, funkelt mir aus jeder
Zeile deines Namens teurer Zug.
Wenn ich schreibe, zeichnet meine Feder
Unwillkührlich den geliebten Zug.
Wenn ich lieg' und träume, horch! so schwimmen
Um mich ferne leise süße Stimmen.
Ach, die Stimmen nennen dich allein.
Immer, Edle, denk' ich dein.

Wenn ich einst das helle Land erfliege,
Draus die Wahrheit und die Freiheit stammt,
Selig mich in jenen Räumen wiege,
Wo Orion und die Lyra flammt,
Öfter schweb' ich aus der hohen Ferne
Dann herab zum blassen Erdensterne,
Wiege dich in süßes Staunen ein -
Ewig, Edle, denk' ich dein!

Authorship

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Confirmed with Ludwig Gotthard Theobul Kosegarten, Poesieen, zweyter Band, Leipzig: Heinrich Gräff, 1798, pages 213 - 215.

1 Zumsteeg: "dich umwallt"
2 Zumsteeg: "seelenlosen"
3 Zumsteeg: "gedenkt"

Research team for this text: Emily Ezust [Administrator] , Melanie Trumbull