by Conrad Ferdinand Meyer (1825 - 1898)

Die gefesselten Musen
Language: German (Deutsch) 
Es herrscht' ein König irgendwo  
In Dazien oder Thrazien,  
Den suchten einst die Musen heim,  
Die Musen mit den Grazien.  
                            
Statt milden Nektars, Rebenblut  
Geruhten sie zu nippen,  
Die Seele des Barbaren hing  
An ihren sel'gen Lippen.  
                            
Erst sang ein jedes Himmelskind  
Im Tone, der ihm eigen,  
Dann schritt der ganze Chor im Takt  
Und trat den blühenden Reigen.  
                            
Der König klatschte: "Morgen will  
Ich wieder euch bestaunen!"  
Die Musen schüttelten das Haupt:  
"Das hangt an unsern Launen. "  
                            
"An euren Launen? ... " Der Despot  
Begann zu schmähn und lästern.  
"Ihr Knechte", schrie er, "Fesseln her!"  
Und fesselte die Schwestern.  
                            
Der König wacht', um Mitternacht  
Vernahm er leises Schreiten,  
Geflüster: "Seid ihr alle da?"  
Und Schüttern zarter Saiten.  
                            
Er fuhr empor: "Den hellen Chor  
Ergreift, getreue Wächter!"  
Die Schergen griffen in die Luft  
Und silbern klang Gelächter.  
                            
Am Morgen war der Kerker leer,  
Der Reigen über die Grenze -  
Drin hingen statt der Ketten schwer  
Zerrißne Blumenkränze.

Authorship

Musical settings (art songs, Lieder, mélodies, (etc.), choral pieces, and other vocal works set to this text), listed by composer (not necessarily exhaustive)

  • by Hermann Behn (1857?9 - 1927), "Die gefesselten Musen", op. 8 (Vier Gedichte für Bariton mit Pianoforte) no. 4 (189-?), published 1895 [baritone and piano], Leipzig, Kistner [
     text not verified 
    ]

Researcher for this text: Emily Ezust [Administrator]

This text was added to the website: 2005-01-12
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