by Johann Gottfried Herder (1744 - 1803)

An den Schlaf
Language: German (Deutsch) 
Gott des Schlafes, Freund der Ruh,
Dessen dunkle Schwingen
Uns in sanftem süßem Nu
Zu den Auen bringen,
Die ein schöner Licht erhellt,
Wo in einer andern Welt
Harmonien klingen.

Frend der Menschen, holder Gott!
Unser halbes Leben
Ward, dem Ungemach zum Spott,
Deiner Hand gegeben,
Und sie herrscht im Reich der Ruh;
Purpurblumen läßest du
Auf uns nieder schweben.

Schönbekränzter Jüngling, sei
Sei auch mir willkommen!
Der so oft dem Sklaven treu
Seine Last entnommen,
Der die Fessel ihm zerschlug
Und durch neuen süßen Trug
Sein Gemüt entglommen.

Meiner Hoffnung Flügel hebt
Sich nur noch in Träumen.
Du, der sie mit Mut belebt,
Warum willst du säumen?
Komm mit deiner süßen Macht;
Laß, wie in der letzten Nacht,
Mich Verwandlung träumen.

Denn seit Psyche niedersank
In des Himmels Auen,
Sehnt sie sich, Äonen lang
Wieder aufzuschauen;
Und dem Flügel, den sie regt,
Den sie, ach, zerknickt bewegt,
Mag sie nimmer trauen.

Holder Schlaf, mit deinem Tau
Heilst du ihre Schwingen,
Mutig auf zur Lebensau
In das Land zu dringen,
Wo in reinem süßem Ton -
Augen sinkt! ich höre schon
Harmonien klingen.

Authorship

Musical settings (art songs, Lieder, mélodies, (etc.), choral pieces, and other vocal works set to this text), listed by composer (not necessarily exhaustive)


Researcher for this text: Emily Ezust [Administrator]

Text added to the website between May 1995 and September 2003.
Last modified: 2014-06-16 10:01:33
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