Als ich zum letzten Mal dich sah,
Da sprach mein Mund kein Wort,
Kein' Thräne fiel aus meinem Aug',
Stillschweigend ging ich fort.
Ich habe mich nicht umgekehrt,
Dich noch einmal zu sehn;
Der weite Weg, er liegt vor mir,
Ich muß ihn einsam gehn.
An keines Freundes Busen wein'
Ich meine Schmerzen aus;
Allein kam ich zum Thor herein,
Allein geh' ich hinaus.
Der Wald ergrünt nicht mehr für mich,
Die Quelle bleibt mir stumm,
Die Nachtigall, sie ruft mir nach,
Ich kehre mich nicht um.
...
Dein Weg ist dort, der meine hier;
Einst trafen sie sich fast.
Geh immer hin, so leicht und frei!
Vergiß den finstern Gast!
Seh' ich dich einst nach manchem Jahr,
So spricht mein Mund kein Wort,
Kein' Thräne fällt aus meinem Aug',
Stillschweigend geh' ich fort.
Vier Gesänge , opus 21
by Walther von Goethe (1818 - 1885)
Translations available for the entire opus: ENG
1. Abschied
Text Authorship:
- by (Friedrich) Viktor von Strauss und Torney (1809 - 1899), "Abschied", appears in Gedichte, in Lieder
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Available translations, adaptations or excerpts, and transliterations (if applicable):
- ENG English (Sharon Krebs) , "Farewell", copyright © 2025, (re)printed on this website with kind permission
Note to stanza 2, line 3: the Walther von Goethe score contains an error ("von" instead of "vor") which has been corrected above.
2. Der Schlaf unter der Eiche
O rausche nur sanft und leise Du schattiger Eichenbaum, Daß du die arme Waise Nicht weckest aus ihrem Traum! Ihre Ältern sind schlafen gegangen Ins letzte Kämmerlein; Mit stummer Liebe Verlangen Ist sie auf Erden allein. Empor aus dem Todtenreiche Ihr alter Vater wallt; Der Traum verwandelt die Eiche In seine liebe Gestalt. Mit seinen Armen vertauschen Die Äste sich, streicheln das Kind; Als Wörtlein der Liebe rauschen Die grünen Blätter im Wind. Noch schlafend giebt sie ihm Antwort: "Ach, mache den Heinrich mir gut, Sonst nimm mich in's Todtenland fort, Weil so weh mein Herze mir thut!" Was knistert da? geht doch leiser, Sonst wird ihr Schlummer gestört. Heinrich schleicht über die Reiser; Der hat wol Alles gehört? Er beugt sich behutsam nieder Auf seinen köstlichen Fund Und drückt auf die Augenlieder sic Ihr sanft den glühenden Mund. "Ach! Heinrich!" -- Rausche nur, Eiche! Sie schweigen stille vor Lust: Sind offen die Himmelreiche, Dann schweigt ja das Herz in der Brust.
Text Authorship:
- by Wilhelm Jordan (1819 - 1904), "Der Schlaf unter der Eiche"
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Available translations, adaptations or excerpts, and transliterations (if applicable):
- ENG English (Sharon Krebs) , "Asleep under the oak tree", copyright © 2025, (re)printed on this website with kind permission
3. Die goldene Schnur
Als Waise kamst du in unser Haus, Als Waise sollst du nicht ziehn hinaus, Nicht ohne Gabe von hinnen gehn, Daß Fraun dich kennen, das soll man sehn. Nimm drum die Kraus' und die goldene Schnur, Und nimm es an für den Willen nur: Sehn's ferne die Mädchen, wol nennen sie's fein, Und denken, das mag von der Schwester sein. So schied der Bursch mit Lieb' aus dem Haus, Und wanderte nun in die Fremd' hinaus. Der Alte bracht' ihn bis an das Thor, Sie sah ihm nach, bis sie ihn verlor. Drei Bursche gingen vorbei danach, Zu den Wandrern so das Mädchen sprach: Geht schnell, so holt ihr noch einen ein, Der wird ein lieber Genoß euch sein. Eine Goldschnur trägt er auf seiner Brust, In feiner Krause das Haupt mit Lust, Und trefft ihr ihn, grüßet ihn noch von mir. Die drei Bursche die versprachen es ihr. Und wieder kamen nach einem Jahr Die drei Bursche, da es Abend war, Da stand das Mädchen vor ihrer Thür, Sie fragte: Grüßtet ihr ihn von mir? Und trägt er noch die goldene Schnur, Und sagt mir, ob er viel Gutes erfuhr. Da sagten sie: Räuber ergriffen ihn, Weil er von uns allen der feinste schien. Und alles gern er den Räubern bot, Nur eins nicht, und ging drum in den Tod: Das war ein fein goldenes Schnürelein, Das mochte von seiner Liebsten sein. Da weinte das Mädchen ach viele Jahr: O warum schnitt ich nicht ab mein Haar Und flocht aus dem Haar nicht die Schnur für ihn, So hätten ihn die Mörder lassen ziehn. Doch hätt es verrathen mein Herz zu laut, Ach, schmücken durft' ich ja nur mein Traut, Und den schönsten Schmuck den ich ihm bot, Der brachte dem Liebsten so den Tod.
Text Authorship:
- by Otto Friedrich Gruppe (1804 - 1876), "Die goldene Schnur", appears in Gedichte, in 2. Zweites Buch, no. 1
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Available translations, adaptations or excerpts, and transliterations (if applicable):
- ENG English (Sharon Krebs) , "The golden cord", copyright © 2025, (re)printed on this website with kind permission
4. Trost
Als ich jüngst am frühen Morgen Von der Quelle wiederkam Und des braunen Rosses Wiehern Aus dem Stalle her vernahm, Hab' ich meinen blanken Eimer Vor die Thüre hingesetzt. Drinnen fand ich meinen Selmas, Doch sein Auge war benetzt. "Sprich, was weinst Du, lieber Jüngling? Schöner Reiter, sag' es mir! Meine Liebe wend' ich nimmer, Nimmer wieder ab von Dir!" "Mädchen, wie die Lilie bist Du, Die im offnen Garten steht, Welche Jeder, dem es einfällt, Unbarmherzig pflücken geht. Ach, sie haben dich verläumdet Und gesagt: sie hat beim Tanz Ihren Ring verschenkt, im Gasthaus Gar verloren ihren Kranz!" "Sieh, die Hand, die jetzt Dich streichelt, Glänzt am Finger nicht Dein Ring? Frag', ob in der Mutter Kammer Wohlverwahrt mein Kranz nicht hing. Wasser in der reinen Quelle Bleibet ja doch immer rein: Wird nicht immer treu die Liebe In dem treuen Herzen sein?"
Text Authorship:
- by Wilhelm Jordan (1819 - 1904), "Trost"
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Available translations, adaptations or excerpts, and transliterations (if applicable):
- ENG English (Sharon Krebs) , "Comfort", copyright © 2025, (re)printed on this website with kind permission
Confirmed with Litthauische Volkslieder und Sagen bearbeitet von Wilhelm Jordan, Berlin: Verlag von Julius Springer, 1844, pages 26-27.