Seht den Felsenquell, Freudehell, Wie ein Sternenblick; Über Wolken Nährten seine Jugend Gute Geister Zwischen Klippen im Gebüsch. Jünglingfrisch Tanzt er aus der Wolke Auf die Marmorfelsen nieder, Jauchzet wieder Nach dem Himmel. Durch die Gipfelgänge Jagt er bunten Kieseln nach, Und mit frühem Führertritt Reißt er seine Bruderquellen Mit sich fort. Drunten werden in dem Thal Unter seinem Fußtritt Blumen, Und die Wiese Lebt von seinem Hauch. Doch ihn hält kein Schattenthal, Keine Blumen, Die ihm seine Knie' umschlingen, Ihm mit Liebes-Augen schmeicheln: Nach der Ebne dringt sein Lauf, Schlangenwandelnd. Bäche schmiegen Sich gesellig an. Nun tritt er In die Ebne silberprangend, Und die Ebne prangt mit ihm, Und die Flüsse von der Ebne Und die Bäche von den Bergen Jauchzen ihm und rufen: Bruder! Bruder, nimm die Brüder mit, Mit zu deinem alten Vater, Zu dem ewgen Ocean, Der mit ausgespannten Armen Unser wartet, Die sich ach! vergebens öffnen, Seine Sehnenden zu fassen; Denn uns frißt in öder Wüste Gier'ger Sand; die Sonne droben Saugt an unserm Blut; ein Hügel Hemmet uns zum Teiche! Bruder, Nimm die Brüder von der Ebne, Nimm die Brüder von den Bergen Mit, zu deinem Vater mit! Kommt ihr alle! - Und nun schwillt er Herrlicher; ein ganz Geschlechte Trägt den Fürsten hoch empor! Und im rollenden Triumphe Gibt er Ländern Namen, Städte Werden unter seinem Fuß. Unaufhaltsam rauscht er weiter, Läßt der Thürme Flammengipfel, Marmorhäuser, eine Schöpfung Seiner Fülle, hinter sich. Cedernhäuser trägt der Atlas Auf den Riesenschultern; sausend Wehen über seinem Haupte Tausend Flaggen durch die Lüfte, Zeugen seiner Herrlichkeit. Und so trägt er seine Brüder, Seine Schätze, seine Kinder, Dem erwartenden Erzeuger Freudebrausend an das Herz.
Confirmed with Goethe's Werke. Vollständige Ausgabe letzter Hand. Zweyter Band. Stuttgart und Tübingen, in der J.G.Cotta'schen Buchhandlung. 1827, pages 55-57; and with Goethe's Schriften, Achter Band, Leipzig, bey Georg Joachim Göschen, 1789, pages 183-186. Note: in many older editions, the spelling of the capitalized word "über" becomes "Ueber", but this is often due to the printing process and not to rules of orthography; so since the lower-case version is not "ueber", we use "Über".
Note: the poem was first published under the title "Gesang" in Göttinger Musenalmanach auf das Jahr 1774. The text was attributed to "E. O."
Note: in Schubert's D 549, in stanza 1, Schubert inserts a copy of the third line before the second line so lines 1,3,2,3 are sung before continuing with the rest of the stanza. And in stanza 2, the words "nieder, jünglingfrisch" are added after line 2.
Note: Schubert's fragment of the second setting (D 721) breaks off at the end of stanza 2. His fragment of the first setting (D 549) breaks off in the middle of stanza 6, in line 9 after the words "Mit zu deinem alten".
Text Authorship:
- by Johann Wolfgang von Goethe (1749 - 1832), "Mahomets Gesang", written 1772-73, first published 1773 [author's text checked 2 times against a primary source]
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