O Miserere

Song Cycle by Günter Bialas (1907 - 1992)

Word count: 478

1. Nicht gedacht soll seiner werden! [sung text checked 1 time]

"Nicht gedacht soll seiner werden!"
Aus dem Mund der armen alten
Esther Wolf hört ich die Worte,
Die ich treu im Sinn behalten.

Ausgelöscht sein aus der Menschen
Angedenken hier auf Erden,
Ist die Blume der Verwünschung -
Nicht gedacht soll seiner werden!

Herz, mein Herz, ström aus die Fluten
Deiner Klagen und Beschwerden,
Doch von ihm sei nie die Rede -
Nicht gedacht soll seiner werden!

Nicht gedacht soll seiner werden,
Nicht im Liede, nicht im Buche -
Dunkler Hund im dunkeln Grabe,
Du verfaulst mit meinem Fluche!

Selbst am Auferstehungstage,
Wenn, geweckt von den Fanfaren
Der Posaunen, schlotternd wallen
Zum Gericht die Totenscharen,

Und alldort der Engel abliest
Vor den göttlichen Behörden
Alle Namen der Geladnen -
Nicht gedacht soll seiner werden!

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2. Der Scheidende [sung text checked 1 time]

Erstorben ist in meiner Brust
jedwede weltlich eitle Lust,
schier ist mir auch erstorben drin
der Haß des Schlechten, sogar der Sinn
für eigne wie für fremde Not -
Und in mir lebt nur noch der Tod!

Der Vorhang fällt, das Stück ist aus,
und gähnend wandelt jetzt nach Haus
mein liebes deutsches Publikum,
die guten Leutchen sind nicht dumm;
das speist jetzt ganz vergnügt zu Nacht,
und trinkt sein Schöppchen, singt und lacht -
Er hatte recht, der edle Heros,
der weiland sprach im Buch Homeros':
Der kleinste lebendige Philister
zu Stukkert am Neckar1, viel glücklicher ist er
als ich, der Pelide, der tote Held,
der Schattenfürst in der Unterwelt.

Authorship

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1 i.e., Stuttgart on the Neckar

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3. Miserere [sung text checked 1 time]

Die Söhne des Glückes beneid ich nicht
Ob ihrem Leben, beneiden
Will ich sie nur ob ihrem Tod,
Dem schmerzlos raschen Verscheiden. 

Im Prachtgewand, das Haupt bekränzt,
Und Lachen auf der Lippe,
Sitzen sie froh beim Lebensbankett -
Da trifft sie jählings die Hippe.

Im Festkleid und mit Rosen geschmückt,
Die noch wie lebend blühten,
Gelangen in das Schattenreich
Fortunas Favoriten.

Nie hatte Siechtum sie entstellt,
Sind Tote von guter Miene,
Und huldreich empfängt sie an ihrem Hof
Zarewna Proserpine.

Wie sehr muß ich beneiden ihr Los!
Schon sieben Jahre mit herben,
Qualvollen Gebresten wälz ich mich
Am Boden, und kann nicht sterben!

O Gott, verkürze meine Qual,
Damit man mich bald begrabe;
Du weißt ja, daß ich kein Talent
Zum Martyrtume habe.

Ob deiner Inkonsequenz, o Herr,
Erlaube, daß ich staune:
Du schufest den fröhlichsten Dichter, und raubst
Ihm jetzt seine gute Laune.

Der Schmerz verdampft den heitern Sinn
Und macht mich melancholisch;
Nimmt nicht der traurige Spaß ein End',
So werd ich am Ende katholisch.

Ich heule dir dann die Ohren voll,
Wie andre gute Christen - 
O Miserere! Verloren geht
Der beste der Humoristen!

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4. Wo? [sung text checked 1 time]

Wo wird einst des Wandermüden
Letzte Ruhestätte sein?
Unter Palmen in dem Süden?
Unter Linden an dem Rhein?

Werd' ich wo in einer Wüste
Eingescharrt von fremder Hand?
Oder ruh' ich an der Küste
Eines Meeres in dem Sand?

Immerhin! Mich wird umgeben
Gotteshimmel, dort wie hier,
Und als [Totenlampen]1 schweben
Nachts die Sterne über mir.

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Available translations, adaptations or excerpts, and transliterations (if applicable):

  • ENG English (Emily Ezust) , "Where, for one who is weary of travel", copyright ©
  • FRE French (Français) (Guy Laffaille) , "Où?", copyright © 2011, (re)printed on this website with kind permission
  • ITA Italian (Italiano) (Ferdinando Albeggiani) , "In quale luogo, chi più vagare non vuole", copyright © 2009, (re)printed on this website with kind permission

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Confirmed with Heinrich Heine's Sämmtliche Gedichte. Zweiter Band, in Letzte Gedichte und Gedanken, Tiel, H. C. A. Campagne, 1846, page 172.

1 Rubinstein: "Totenlampe"

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