Acht Lieder

Song Cycle by Béla Reinitz (1878 - 1943)

Word count: 875

1. Im Bruch [sung text checked 1 time]

Fest zugeschnürt der Hosengurt;
der Darm ist leer, der Magen knurrt.
Auf morschem Rock glänzt Fleck bei Fleck,
darunter starrt das Hemd von Dreck.
Aus Pfützen schlürft das Sohlenloch.
Wer pumpt mit einen Taler noch?

Kein Geld, kein Schnaps, kein Fraß, kein Weib;
in mürben Knochen kracht der Leib.
Die Nacht ist kalt. Es kratzt das Stroh.
Die Laus marschiert. Es hupft der Floh.
Die Welt ist groß, der Himmel hoch.
Wer pumpt mir einen Taler noch?

Noch einen einz'gen Taler nur
für einen Schnaps, für eine Hur'!
Für eine Hur', für eine Braut!
Das Leben ist versaut, versaut!
Nur einen Taler! Helft mir doch!
Wer pumpt mir einen Taler noch?

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Researcher for this text: Johann Winkler

2. Lumpenlied [sung text checked 1 time]

Kein Schlips am Hals, kein Geld im Sack;
wir sind ein schäb'ges Lumpenpack,
auf das der Bürger speit.
Der Bürger, blank von Stiebellack,
mit Ordenszak-
ken auf dem Frack,
der Bürger mit dem Chapeau claque,
fromm und voll Redlichkeit.

Der Bürger speit und hat auch recht.
Er hat Geschmeide gold und echt.
Wir haben Schnaps im Bauch.
Wer Schnaps im Bauch hat, ist bezecht,
und wer bezecht 
ist, der erfrecht
zu Dingen sich, die jener schlecht
und niedrig findet auch.

Der Bürger kann gesittet sein,
er lernte Bibel und Latein.
Wir lernen nur den Neid.
Wer Porter trinkt und Schampuswein,
lustwandelt fein 
im Sonnenschein,
der bürstet sich, wenn unserein'
ihn anrührt mit dem Kleid.

Wo hat der Bürger alles her,
den Geldsack und das Schießgewehr?
Er stiehlt es g'rad wie wir,
bloß macht man uns das Stehlen schwer,
doch er kriegt mehr 
als sein Begehr.
Er schröpft dazu die Taschen leer
von allem Arbeitstier.

O wär' ich doch ein reicher Mann,
der ohne Mühe stehlen kann,
gepriesen und geehrt.
Träf' ich euch auf der Straße dann,
ihr Strohkumpan-
e, Fritz, Johann,
ihr Lumpenvolk, ich spie' euch an,
das seid ihr Hunde wert!

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Researcher for this text: Johann Winkler

3. Der Revoluzzer [sung text checked 1 time]

War einmal ein Revoluzzer,
im Zivilstand Lampenputzer,
ging im Revoluzzerschritt
mit den Revoluzzern mit,
und er schrie: Ich revolüzze,
und die Revoluzzermütze
schob er auf das linke Ohr,
kam sich höchst gefährlich vor;
doch die Revoluzzer schritten
mitten in der Straßenmitten,
wo er sonsten unverdrutzt
alle Gaslaternen putzt.
Sie vom Boden zu entfernen,
rupfte man die Gaslaternen
aus dem Straßenpflaster aus,
zwecks des Barrikadenbaus.
Aber unser Revoluzzer 
schrie: Ich bin der Lampenputzer
dieses guten Leuchtelichts,
bitte, bitte, tut ihm nichts!
Wenn wir ihn'n das Licht ausdrehen
kann kein Bürger nicht mehr sehen.
Lasst die Lampen steh'n, ich bitt',
denn sonst spiel' ich nicht mehr mit.
Doch die Revoluzzer lachten,
und die Gaslaternen krachten,
und der Lampenputzer schlich
fort und weinte bitterlich.
Dann ist er zu Haus' geblieben
und hat dort ein Buch geschrieben,
nämlich, wie man revoluzzt
und dabei doch Lampen putzt.

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4. Vater [sung text checked 1 time]

Um die Mitternacht in dem Glanz der Sterne,
als ich heimwärts ging zur späten Ruh',
da klang auf ein Ruf, den ich nie vergesse,
da vernahm ich dich dunkle Klage du.
"Vater, Vater!" rief eine Kinderstimme
tief aus Traum und Schlaf, und verklang,
und im fernen Land zur gleichen Stunde
tausend, tausend Väter lagen starr im Sand.

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5. Trotziger Abschied [sung text checked 1 time]

Wenn das Eisen mich mäht,
wenn mein Atem vergeht,
sollt ihr stumm unterm Rasen mich breiten.
Lasst das Wortegespiel,
's war kein Held, der da fiel,
war ein Opfer verlorener Zeiten.
'S war einer, der nie
nach Völkerblut schrie,
war ein Bürger kommender Zeiten.

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6. Erntelied [sung text not yet checked]

Es steht ein goldnes Garbenfeld,
das geht bis an den Rand der Welt.
Mahle, Mühle, mahle!

Es stockt der Wind im weiten Land,
viel Mühlen stehn am Himmelsrand.
Mahle, Mühle, mahle!

Es kommt ein dunkles Abendrot,
viel arme Leute schrein nach Brot.
Mahle, Mühle, mahle!

Es hält die Nacht den Sturm im Schooß,
und morgen geht die Arbeit los.
Mahle, Mühle, mahle!

Es fegt der Sturm die Felder rein,
es wird kein Mensch mehr Hunger schrein.
Mahle, Mühle, mahle!

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Available translations, adaptations or excerpts, and transliterations (if applicable):

  • ENG English (Sharon Krebs) , "Harvest song", copyright © 2015, (re)printed on this website with kind permission
  • FRE French (Français) (Pierre Mathé) , "Chant des moissons", copyright © 2011, (re)printed on this website with kind permission

Researcher for this text: Harry Joelson

7. Arbeiterlied [sung text not yet checked]

Bet' und arbeit'! ruft die Welt.
Bete kurz! Denn Zeit ist Geld,
An die Türe pocht die Not;
Bete kurz! Denn Zeit ist Brot.

Und du ackerst und du säst,
Und du nietest und du nähst,
Und du hämmerst und du spinnst,
Sag', o Volk, was du gewinnst!

Wirkst am Webstuhl Tag und Nacht,
Schürfst im Erz- und Kohlenschacht,
Füllst des Überflusses Horn,
Füllst es hoch mit Wein und Korn.

Doch wo ist dein Mahl bereit?
Doch wo ist dein Feierkleid?
Doch wo ist dein warmer Herd?
Doch wo ist dein scharfes Schwert?

Mann der Arbeit, aufgewacht
Und erkenne deine Macht!
Alle Räder stehen still,
Wenn dein starker Arm es will!

Brecht das Doppeljoch entzwei!
Brecht die Not der Sklaverei!
Brecht die Sklaverei der Not!
Brot ist Freiheit, Freiheit Brot!

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Researcher for this text: Emily Ezust [Administrator]

8. Es wird gehn... [sung text checked 1 time]

Was will das Proletariat?
Dass keiner zu herrschen hat.
Kein Herr soll befehlen,
kein Knecht sei zu quälen.
Freiheit, Gleichheit allen Seelen!
Vorwärts, Brüder, zur Revolution,
kaltes Blut,
heißer Mut,
vorwärts, es wird geh'n,
wenn wir zusammensteh'n.

Was will das Proletariat?
Sich endlich fressen satt.
Nicht mit knurrendem Magen
für feiste Wänste sich schlagen,
für sich selbst was wagen!
Vorwärts, Brüder, zur Revolution etc.

Was will das Proletariat?
Dem Bauern Acker und Saat.
Nicht Gutsherr noch Gendarm,
die machen ihn ärmer als arm.
Land für alle, Alarm, Alarm!
Vorwärts, Brüder, zur Revolution etc.

Was will das Proletariat?
Weder Eigentum noch Staat.
Die Tyrannei zu Falle,
die Erde für alle,
den Himmel, den Himmel für alle.
Vorwärts, Brüder, zur Revolution etc.

Authorship

Researcher for this text: Johann Winkler