Lieder nach Gedichten von Spitteler, Gamper, Hesse und Keller

by Othmar Schoeck (1886 - 1957)

Word count: 872

1. Ein Jauchzer [sung text checked 1 time]

Was ist's, das der Gedanken mutigen Tritt
beflügelt zum jubelnden Wolkenritt?
Ist's des Blickes weitfliegende Schau
über Stadt und Gau?

Ist's auf walddurchtobendem Huf
des Wildbachs laut aufjauchzender Ruf?
Ist's der Sonntag, von allen Seiten zumal
aufläutend vom feiernden Tal?

Zurück! 
Auf schönern Füßen tanzt zum Glück!
Weil die Wahrheit mir gellt, 
daß Herz in der Welt.

Weil des Weibes demütig Himmelreich
ist an Wundern so reich.
Weil Liebe, wider Erwarten,
kommt geblüht aus dem fernsten Garten!

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2. Jünger des Weins I [sung text checked 1 time]

Führe mich zum Rosenhaine,
daß ich Liebliches belausche;
daß mich Sonnenglut berausche,
führ', Hafis, zu deinem Weine.

Tadle, o geliebter Dichter,
nicht den Wunsch des Unbekannten;
denn in dir, dem Gottgesandten,
ahnt er einen milden Richter.

Nicht für mich ist's, daß ich suche,
dir als Wand'rer zu begegnen:
meine Heimat sollst du segnen,
sie auch steht im Weltenbuche!

Dort an weinumkränzten Seen,
kennt der Geist schon Duft und Milde,
groß nach Allahs Ebenbilde,
kann er von den Alpen wehen.

Blumenparadiese schenken
jenes Maß der holden Fülle,
und der Anmut Morgenstille
läßt das Zarte schau'n und denken.

Doch wo ernst und heilig leben
Berg an Berg in Glanz und Stürmen,
mag der Geist Gedanken türmen,
muß er ganz nach Weisheit streben.

Wer begabt mit Schöpferkräften,
kann doch nur dem Weine gleichen,
wer vertraut in ihren Reichen,
nährt sich von der Erde Säften.

Daß Gesang dir Zeugniß gebe,
ward des Wand'rers tiefes Hoffen,
deine Hand, Hafis ist offen,
Grüße mich! Und sieh, ich lebe!

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3. Jünger des Weins II [sung text checked 1 time]

Laut gesungen sei das Feuer
der berauschten Mittagsstunde,
in der griechischen Rotunde
trink' ich doppelt kühnes Feuer.

Einsam führ' ich hier den Becher,
mir der Sonne Geist zum Munde,
und es schließt sich jede Wunde,
denn ein Arzt ist dieser Becher.

Stolz gedenk ich meiner Freunde,
die mir nah' in solcher Stunde;
mit dem Freien stets im Bunde,
trink ich auf das Glück der Freunde.

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4. Kennst du das auch? [sung text checked 1 time]

Kennst du das auch, daß manches Mal
Inmitten einer lauten Lust,
Bei einem Fest, in einem frohen Saal,
Du plötzlich schweigen und hinweggehn mußt? 

Denn legst du dich aufs Lager ohne Schlaf
Wie Einer, den ein plötzlich Heimweh traf;
Lust und Gelächter ist verstiebt wie Rauch,
Du weinst, weinst ohne Halt -- Kennst du das auch?

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  • FRE French (Français) (Pierre Mathé) , "Connais-tu aussi", copyright © 2017, (re)printed on this website with kind permission

Confirmed with Hermann Hesse, Sämtliche Werke, herausgegeben von Volker Michels, Band 10 Die Gedichte, bearbeitet von Peter Huber, Frankfurt am Main: Suhrkamp Verlag, 2002, page 91.


Research team for this text: John Versmoren , Sharon Krebs [Guest Editor]

5. Was lachst du so? [sung text checked 1 time]

Was lachst du so? Mich schmerzt der gelle Ton.
In Ernst und Frieden laß, und ohne Hohn,
Uns auseinandergehen -- willst du nicht?
Ich möchte noch einmal dein Angesicht
Im alten Zauber sehn und möchte mich
Der Zeit erinnern, die so rasch verblich
Und die so träumeselig, leicht und froh
Und liebetrunken war -- was lachst du so?

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  • FRE French (Français) (Pierre Mathé) , "Pourquoi ris-tu ainsi ?", copyright © 2019, (re)printed on this website with kind permission

Confirmed with Hermann Hesse, Sämtliche Werke, herausgegeben von Volker Michels, Band 10 Die Gedichte, bearbeitet von Peter Huber, Frankfurt am Main: Suhrkamp Verlag, 2002, page 491.


Research team for this text: Sharon Krebs [Guest Editor] , Harry Joelson

6. Frühling [sung text checked 1 time]

Wieder schreitet er den braunen Pfad
Von den stürmeklaren Berge nieder,
Wieder quellen, wo der Schöne naht,
Liebe Blumen auf und Vogellieder.

Wieder auch verführt er meinen Sinn,
Daß in dieser zart erblühten Reine
Mir die Erde, deren Gast ich bin,
Eigentum und holde Heimat scheine.

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  • FRE French (Français) (Pierre Mathé) , copyright © 2019, (re)printed on this website with kind permission

Confirmed with Hermann Hesse, Sämtliche Werke, herausgegeben von Volker Michels, Band 10 Die Gedichte, bearbeitet von Peter Huber, Frankfurt am Main: Suhrkamp Verlag, 2002, page 144.


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7. Keine Rast [sung text checked 1 time]

Seele, banger Vogel du, 
Immer wieder mußt du fragen:
Wann nach so viel wilden Tagen 
Kommt der Friede, kommt die Ruh? 

O ich weiß: kaum haben wir 
Unterm Boden stille Tage, 
Wird vor neuer Sehnsucht dir
Jeder liebe Tag zur Plage. 

Und du wirst, geborgen kaum,
Dich um neue Leiden mühen
Und voll Ungeduld den Raum 
Als der jüngste Stern durchglühen.

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  • FRE French (Français) (Pierre Mathé) , "Pas de trêve", copyright © 2019, (re)printed on this website with kind permission

Confirmed with Hermann Hesse, Sämtliche Werke, herausgegeben von Volker Michels, Band 10 Die Gedichte, bearbeitet von Peter Huber, Frankfurt am Main: Suhrkamp Verlag, 2002, pages 217-218.


Research team for this text: John Versmoren , Sharon Krebs [Guest Editor]

8. Das Ziel [sung text checked 1 time]

Immer bin ich ohne Ziel gegangen,
Wollte nie zu einer Rast gelangen,
Meine Wege schienen ohne Ende. 

Endlich sah ich, daß ich nur im Kreise
Wanderte, und wurde müd der Reise. 
Jener Tag war meines Lebens Wende. 

Zögernd geh ich nun dem Ziel entgegen,
Denn ich weiß: auf allen meinen Wegen
Steht der Tod und bietet mir die Hände.

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  • FRE French (Français) (Pierre Mathé) , "Vers le but", copyright © 2013, (re)printed on this website with kind permission

Confirmed with Hermann Hesse, Sämtliche Werke, herausgegeben von Volker Michels, Band 10 Die Gedichte, bearbeitet von Peter Huber, Frankfurt am Main: Suhrkamp Verlag, 2002, page 139.


Research team for this text: John Versmoren , Sharon Krebs [Guest Editor]

9. Ravenna [sung text checked 1 time]

Ich bin auch in Ravenna gewesen,
Ist eine kleine, tote Stadt,
Die Kirchen und viel Ruinen hat,
Man kann davon in den Büchern lesen.

Du gehst hindurch und schaust dich um,
Die Straßen sind so trüb und naß
Und sind so tausendjährig stumm,
Und überall wächst Moos und Gras!

Das ist wie alte Lieder sind,
Man hört sie an und keiner lacht
Ein jeder lauscht und jeder sinnt
Hernach daran bis in die Nacht.

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  • FRE French (Français) (Pierre Mathé) , "Ravenna - 1", copyright © 2011, (re)printed on this website with kind permission

Confirmed with Hermann Hesse, Sämtliche Werke, herausgegeben von Volker Michels, Band 10 Die Gedichte, bearbeitet von Peter Huber, Frankfurt am Main: Suhrkamp Verlag, 2002, page 77.


Research team for this text: Emily Ezust [Administrator] , Sharon Krebs [Guest Editor]

10. Jugendgedenken [sung text checked 1 time]

Ich will spiegeln mich in jenen Tagen,
Die wie Lindewipfelwehn entflohn,
Wo die Silbersaite, angeschlagen,
Klar, doch bebend gab den ersten Ton,
Der mein Leben lang,
Erst heut noch, widerklang,
Ob die Saite längst zerrissen schon;

Wo ich ohne Tugend, ohne Sünde,
Blank wie Schnee vor dieser Sonne lag,
Wo dem Kindesauge noch die Binde
Lind verbarg den blendend hellen Tag:
Du entschwundene Welt
Klingst über Wald und Feld
Hinter mir wie ferner Wachtelschlag.

Wie so fabelhaft ist hingegangen
Jener Zeit bescheidne Frühlingspracht,
Wo, von Mutterliebe noch umfangen,
Schon die Jugendliebe leis erwacht
Wie, von Sonnenschein
Durchspielt, ein Edelstein,
Den ein Glücklicher ans Licht gebracht.

Wenn ich scheidend einst muß überspringen
Jene Kluft, die keine Brücke trägt,
Wird mir nicht ein Lied entgegenklingen,
Das bekannt und ahnend mich erregt?
O die Welt ist weit!
Ob nicht die Jugendzeit
Irgendwo noch an das Herz mir schlägt?

Träumerei! was sollten jene hoffen,
Die nie sahn der Jugend Lieblichkeit,
Die ein unnatürlich Los getroffen,
Frucht zu bringen ohne Blütenzeit!
Ach, was man nicht kennt,
Danach das Herz nicht brennt
Und bleibt kalt dafür in Ewigkeit!

In den Waldeskronen meines Lebens
Atme fort, du kühles Morgenwehn!
Heiter leuchte, Frühstern guten Strebens,
Laß mich treu in deinem Scheine gehn!
Rankend Immergrün
Soll meinen Stab umblühn,
Nur noch einmal will ich rückwärts sehn!

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  • ENG English (Emily Ezust) , "Thoughts of youth", copyright ©

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