Landschaftsbilder. Sechs Gesänge

Song Cycle by Felix (August Bernhard) Draeseke (1835 - 1913)

Word count: 590

1. Das Schifflein [sung text checked 1 time]

Ein Schifflein ziehet leise
Den Strom hin seine Gleise.
Es schweigen, die drin wandern,
Denn keiner kennt den andern.

Was zieht hier aus dem Felle
Der braune [Waldgeselle]1?
Ein Horn, das sanft erschallet:
Das Ufer [widerhallet]2.

Von seinem Wanderstabe
Schraubt jener Stift und Habe,
Und mischt mit Flötentönen
Sich in des Hornes Dröhnen.

Das Mädchen saß so blöde,
Als fehlt' ihr gar die Rede,
Jetzt stimmt sie mit Gesange
Zu Horn- und Flötenklange.

Die [Rudrer]3 auch sich regen
Mit taktgemäßen Schlägen.
Das Schiff hinunter flieget,
Von Melodie gewieget.

Hart stößt es auf am Strande,
Man trennt sich in die Lande:
»Wann treffen wir uns, Brüder?
Auf einem Schifflein wieder?«

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  • CAT Catalan (Català) (Salvador Pila) , "La barqueta", copyright © 2021, (re)printed on this website with kind permission
  • DUT Dutch (Nederlands) [singable] (Lau Kanen) , "Het scheepje", copyright © 2013, (re)printed on this website with kind permission
  • ENG English (Sharon Krebs) , "The little ship", copyright © 2013, (re)printed on this website with kind permission
  • FRE French (Français) (Pierre Mathé) , "Le petit bateau", copyright © 2008, (re)printed on this website with kind permission
  • ITA Italian (Italiano) (Gianni Franceschi) , "La barchetta", copyright © 2008, (re)printed on this website with kind permission

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1 in some versions of Uhland: "Weidgeselle" or "Waidgeselle" (Mendelssohn and Schumann use "Waidgeselle")
2 in some versions of Uhland: "wiederhallet"
3 in some versions of Uhland: "Schiffer"; Mendelssohn: "Ruder"

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2. Deines Odems einen Hauch [sung text checked 1 time]

Und so hüllest du mich wieder,
Treuer Wald, in deine Nacht.
Leib und Seele leg' ich nieder
In die Arme deiner Macht!

Hab' ich niemals doch vergebens
Mich versenkt in deine Haft!
Schon durch's tiefste Herz des Lebens
Rinnt mir deines Odems Kraft!

Dass ich morgens in der schwülen
Abgeschiedenheit von dir
Noch die Strömung werde fühlen
Eines Lebenshauchs von ihr!

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3. Ich dachte nur an Leben [sung text checked 1 time]

Ich dachte nur an Leben
Als ich von Lust umgeben
Zur Zeit des Maies sass
Im blumenvollen Gras.

Es schwanden Gras und Rosen.
Zur Wiese falb von Moosen
Schaut' ich mit Schmerz hinab
Und dachte still an's Grab!

Nun ist dort Schnee zu schauen.
Da denk' ich schon an's Tauen,
Dass gleich dem letzten Schnee
Verrinne jedes Weh!

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4. Trost der Nacht [sung text checked 1 time]

Es heilt die Nacht des Tages Wunden,
Wenn mit der Sterne buntem Schein
Das königliche Haupt umwunden
Sie still und mächtig tritt herein.

Die milden leisen Hauche kommen,
Der Farben grelle Pracht erblasst.
In weicher Linie ruht verschwommen
Der scharfen Zackenfelsen Last.

So legt die Nacht mit Muttergüte
Sich um die Seele schmerzenvoll.
Es läutert sich still im Gemüte
Zur Wehmut jeder bittre Groll.

Die Tränen, die vergessen schliefen,
Nun strömen sie in mächt'gem Lauf;
Es steigt aus wunden Herzenstiefen
Ein rettungahnend Beten auf!

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5. Nacht in Rom [sung text checked 1 time]

Ringsum auf allen Plätzen
Schläft unbewegt die Nacht.
Am blauen Himmel stehet
Der Mond in voller Pracht.

So totenstill sind beide,
Das alt' und neue Rom,
Und selbst ihr Riesenwächter
Nickt ein -- Sankt Peters Dom.

Nur wunderbar noch rauschen
Die Brunnen nah und fern.
Die halten wach die Seele
Die selbst entschliefe gern.

Die spülen aus dem Herzen
Leise das alte Leid.
Im blauen Mondlicht dämmert
Weit fort die alte Zeit!

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  • ENG English (Anja Bunzel) , "Roman night", copyright © 2014, (re)printed on this website with kind permission

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6. Venezia [sung text checked 1 time]

Es schlummert eine hehre
Seltsame Stadt im Meere
Mit tausend bunten Zinnen
Im Meere blau und still,

Schön wie ein Traum zu schauen,
Der bei des Morgens Grauen
In Luft und Duft zerinnen,
In Nichts zerfliessen will.

Der Weg zu ihren Toren,
Er ist im Meer verloren.
Durch ihre Gassen flutet
Und ebbt die salz'ge See.

Frühlicht, das mit Trauern
Auf ihren Marmormauern
Sich täglich neu verblutet,
Weint Tränen ihrem Weh!

Die Klöster und die Dome
Wie Schlösser für Phantome,
Die trauernden Paläste
Auf Inseln rings umher.

Die Gassen und die Brücken,
Wo nie ein Ross zu blicken,
Dei alten Mauerreste
Wie prachtvoll und wie leer!

Gesanglos wie die Schwäne
Ziehn am Kanal die Kähne.
Der Britte fährt in ihnen,
Nicht Masken schön und jung!

Hoch ob der Flut gezogen
Starrt des Rialto Bogen,
Ruine bei Ruinen,
Nichts als Erinnerung.

Veröden und Verwildern
Du Moos an Marmorbildern
Du blasses Phosphorschimmern,
Wo eine Leiche ruht.

Meerried auf allen Stufen,
Wehlaut in jedem Rufen.
Ein still verhalt'nes Wimmern
Geht durch die ganze Flut.

Du aber, Herz, das säumen
Will in geweihten Räumen
Bei schöner Vorzeit Runen,
Bei alter Helden Schrein!

Komm, eh' mit Morgenwinden
Die Träume alle schwinden
Die Stadt in den Lagunen
Ist auch ein Traum von Stein.

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