Das stille Leuchten: Liederfolge nach Gedichten von Conrad Ferdinand Meyer

by Othmar Schoeck (1886 - 1957)

Word count: 2197

1. Das heilige Feuer [sung text checked 1 time]

Auf das Feuer mit dem goldnen Strahle
heftet sich in tiefer Mitternacht
schlummerlos das Auge der Vestale,
die der Göttin ewig Licht bewacht.

Wenn sie schlummerte, wenn sie entschliefe,
wenn erstürbe die versäumte Glut,
eingesargt in Gruft und Grabestiefe
würde sie, wo Staub und Moder ruht.

Eine Flamme zittert mir im Busen,
lodert warm zu jeder Zeit und Frist,
die, entzündet durch den Hauch der Musen,
ihnen ein beständig Opfer ist.

Und ich hüte sie mit heilger Scheue,
daß sie brenne rein und ungekränkt:
Denn ich weiß, es wird der ungetreue
Wächter lebend in die Gruft versenkt.

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2. Liederseelen [sung text checked 1 time]

In der Nacht, die die Bäume mit Blüten deckt,
Ward ich von süßen Gespenstern erschreckt,
Ein Reigen schwang im Garten sich,
Den ich mit leisem Fuß beschlich;
Wie zarter Elfen Chor im Ring
Ein weißer, lebendiger Schimmer ging.
Die Schemen hab' ich keck befragt:
Wer seid ihr, luftige Wesen? Sagt!

"Ich bin ein Wölkchen, gespiegelt im See."
"Ich bin eine Reihe von Stapfen im Schnee."
"Ich bin ein Seufzer gen Himmel empor!"
"Ich bin ein Geheimnis, geflüstert ins Ohr!"
"Ich bin ein frommes, gestorbenes Kind."
"Ich bin ein üppiges Blumengewind -"
"Und die du wählst, und der's beschied
Die Gunst der Stunde, die wird ein Lied."

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  • ENG English (Emily Ezust) , "Souls of song", copyright ©
  • FRE French (Français) (Pierre Mathé) , "Âmes des chansons", copyright © 2011, (re)printed on this website with kind permission

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3. Reisephantasie [sung text checked 1 time]

 Mittagsruhe haltend auf den Matten
 In der morschen Burg gezacktem Schatten,
 Vor dem Türmchen eppichübersponnen,
 Hab ich einen Sommerwunsch gesonnen,
 Während ich ein Eidechsschwänzchen blitzen
 Sah - und husch, verschwinden durch die Ritzen...
 Wenn es lauschte... wenn es meiner harrte...
 Wenn - das Pförtchen in der Mauer knarrte...
 Dem Geräusche folgend einer Schleppe,
 Fänd' ich eine schmale Wendeltreppe
 Und, von leiser Hand emporgeleitet,
 Droben einen Becher Wein bereitet...
 Dann im Erker säßen wir alleine,
 Plauderten von nichts im Dämmerscheine,
 Bis der Pendel stünde, der da tickte,
 Und ein blondes Haupt entschlummernd nickte,
 Unter seines Lides dünner Hülle
 Regte sich des blauen Quelles Fülle...
 Und das unbekannte Antlitz trüge
 Ähnlichkeiten und Geschwisterzüge
 Alles Schönen, was mir je entgegen
 Trat auf allen meinen Erdewegen...
 Was ich Tiefstes, Zartestes empfunden,
 Wär' an dieses blonde Haupt gebunden
 Und in eine Schlummernde vereinigt,
 Was mich je beseligt und gepeinigt...
 Dringend hätt' es mich emporgerufen
 Dieser Wendeltreppe Trümmerstufen,
 Daß ich einem ganzen, vollen Glücke
 Stillen Kuß auf stumme Lippen drücke...
 Einmal nur in einem Menschenleben -
 Aber nimmer wird es sich begeben!

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  • ENG English (Emily Ezust) , "Journey-fantasy", copyright ©

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4. Mit einem Jugendbildnis [sung text checked 1 time]

Hier - doch keinem darst du's zeigen,
solche Sanftmut war mein eigen,
durfte sie nicht lang behalten,
sie verschwand in harten Falten,
sichtbar ist sie nur geblieben
dir und denen, die mich lieben.

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5. Am Himmelstor [sung text checked 1 time]

Mir träumt', ich komm ans Himmelstor
und finde dich, die Süße!
Du saßest bei dem Quell davor
und wuschest dir die Füße.

Du wuschest, wuschest ohne Rast
den blendend weißen Schimmer,
begannst mit wunderlicher Hast
dein Werk von neuem immer.

Ich frug: "Was badest du dich hier
mit tränennassen Wangen?"
Du sprachts: "Weil ich im Staub mit dir,
so tief im Staub gegangen."

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  • ENG English (Edmond Mach) , "At heaven's gate", copyright © 2008, (re)printed on this website with kind permission

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6. In einer Sturmnacht [sung text checked 1 time]

Es fährt der Wind gewaltig durch die Nacht, 
In seine gellen Pfeifen bläst der Föhn. 
Prophetisch kämpft am Himmel eine Schlacht 
Und überschreit ein wimmernd Sterbgestöhn. 

Was jetzt dämonenhaft in Lüften zieht, 
Eh das Jahrhundert schiesst, erfüllts die Zeit - 
In Sturmespausen klingt das Friedelied 
Aus einer fernen, fernen Seligkeit. 

Die Ampel, die in leichten Ketten hangt, 
Hellt meiner Kammer weite Dämmerung. 
Und wann die Decke bebt, die Diele bangt, 
Bewegt sie leise sich in sachtem Schwung. 

Mir redet diese Flamme wunderbar 
Von einer windbewegten Ampel Licht, 
Die einst geglommen für ein nächtlich Paar, 
Ein greises und ein göttlich Angesicht. 

Es sprach der Friedestifter, den du weisst, 
In einer solchen wilden Nacht wie heut: 
"Hörst, Nikodeme, du den Schöpfer Geist, 
Der mächtig weht und seine Welt erneut?"

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7. In Harmesnächten [sung text checked 1 time]

Die Rechte streckt ich schmerzlich oft
in Harmesnächten
und fühlt gedrückt sie unverhofft
von einer Rechten -

Was Gott ist, wird in Ewigkeit
kein Mensch ergründen,
doch will er treu sich allezeit
mit uns verbünden.

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8. Lenzfahrt [sung text checked 1 time]

Am Himmel wächst der Sonne Glut,
Aufquillt der See, das Eis zersprang,
Das erste Segel teilt die Flut,
Mir schwillt das Herz wie Segeldrang.

Zu wandern ist das Herz verdammt,
Das seinen Jugendtag versäumt,
Sobald die Lenzessonne flammt,
Sobald die Welle wieder schäumt.

Verscherzte Jugend ist ein Schmerz
Und einer ew'gen Sehnsucht Hort,
Nach seinem Lenze sucht das Herz
In einem fort, in einem fort!

Und ob die Locke mir ergraut
Und bald das Herz wird stille stehn,
Noch muß es, [wann]1 die Welle blaut,
Nach seinem Lenze wandern gehn.

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Confirmed with Gedichte von Conrad Ferdinand Meyer, Verlag von H. Haessel, Leipzig, 1882, page 10.

1 Marx: "wenn"

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9. Frühling Triumphator [sung text checked 1 time]

Frühling, der die Welt umblaut,
Frühling mit der Vöglein Laut,
deine blühnden Siegespforten
allerenden, allerorten
hast du niedrig aufgebaut!

Ungebändigt, kreuz und quer,
über alle Pfade her
schießen blütenschwere Zweige,
daß dir jedes Haupt sich neige,
und die Demut ist nicht schwer.

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10. Unruhige Nacht [sung text checked 1 time]

Heut' ward mir bis zum jungen Tag
Der Schlummer abgebrochen,
Im Herzen ging es Schlag auf Schlag
Mit Hämmern und mit Pochen,

Als trieb sich eine Bubenschar
Wild um in beiden Kammern,
Gewährt hat, bis es Morgen war,
Das Klopfen und das Hammern.

Nun weist es sich bei Tagesschein,
Was drin geschafft die Rangen,
Sie haben mir im Herzensschrein
Dein Bildnis aufgehangen!

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  • ENG English (Peter Palmer) , "Restless night", copyright © 2012, (re)printed on this website with kind permission

Researcher for this text: Emily Ezust [Administrator]

11. Was treibst du, Wind [sung text checked 1 time]

Was treibst du, Wind,
du himmlisches Kind?
Du flügelst und flügelst umsonst in der Luft!
"Nicht Wanderscherz!
Ich nähre das Herz
mit Erdgeruch und Waldesluft!"

Was bringst du, Wind,
du himmlisches Kind?
"Einen Morgengruß, einen Schrei der Lust!"
Aus Vogelkehle nur?
Aus Lerchenseele nur?
"Nein, nein! Aus voller Menschenbrust!"

Was trägst du, Wind,
du himmlisches Kind?
"Seeüber ein wallend, ein hallend Geläut!"
Senken sie ein
den Totenschrein?
"Nein, nein! Sie halten Hochzeit heut!"

Authorship

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12. Hochzeitslied [sung text checked 1 time]

Aus der Eltern Macht und Haus
tritt die züchtge Braut heraus
an des Lebens Scheide -
geh und lieb und leide!

Freigesprochen, unterjocht,
wie der junge Busen pocht
im Gewand von Seide -
geh und lieb und leide!

Frommer Augen helle Lust
überstrahlt an voller Brust
blitzendes Geschmeide -
geh und lieb und leide!

Merke dirs, du blondes Haar.
Schmerz und Lust, Geschwisterpaar,
unzertrennlich beide -
geh und lieb und leide!

Authorship

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13. Der Gesang des Meeres [sung text checked 1 time]

Wolken, meine Kinder, wandern gehen
Wollt ihr? Fahret wohl! Auf Wiedersehen!
Eure wandellustigen Gestalten
Kann ich nicht in Mutterbanden halten.

Ihr langweilet euch auf meinen Wogen,
Dort die Erde hat euch angezogen:
Küsten, Klippen und des Leuchtturms Feuer!
Ziehet, Kinder! Geht auf Abenteuer!

Segelt, kühne Schiffer, in den Lüften!
Sucht die Gipfel! Ruhet über Klüften!
Brauet Stürme! Blitzet! Liefert Schlachten!
Traget glühnden Kampfes Purpurtrachten!

Rauscht im Regen! Murmelt in den Quellen!
Füllt die Brunnen! Rieselt in die Wellen!
Braust in Strömen durch die Lande nieder -
Kommet, meine Kinder, kommet wieder!

Authorship

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  • FRE French (Français) (Pierre Mathé) , "Le chant de la mer", copyright © 2011, (re)printed on this website with kind permission

Researcher for this text: John Versmoren

14. Der römische Brunnen [sung text checked 1 time]

Aufsteigt der Strahl und fallend gießt
Er voll der Marmorschalen Rund,
Die sich verschleiernd, überfließt
In einer zweiten Schale Grund;
Die zweite gibt, sie wird zu reich,
Der Dritten wallend ihre Flut,
Und jene nimmt und gibt zugleich,
Und strömt und ruht.

Authorship

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  • ENG English [singable] (Henry Sandwith Drinker, Jr.) , "The Roman fountain", copyright ©
  • ENG English [singable] (Walter A. Aue) , "The Roman fountain", copyright © 2010, (re)printed on this website with kind permission
  • FRE French (Français) (Pierre Mathé) , "La fontaine romaine", copyright © 2011, (re)printed on this website with kind permission

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15. Das Ende des Festes [sung text checked 1 time]

Da mit Sokrates die Freunde tranken
Und die Häupter auf die [Polster]1 sanken,
Kam ein Jüngling, kann ich mich entsinnen,
Mit zwei schlanken Flötenbläserinnen.
Aus den Kelchen schütten wir die Neigen.
Die gesprächesmüden Lippen schweigen.
Um die welken Kränze zieht ein Singen...
Still, des Todes Schlummerflöten klingen.

Authorship

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  • ENG English (Emily Ezust) , "The end of the feast", copyright ©
  • FRE French (Français) (Pierre Mathé) , "La fin de la fête", copyright © 2011, (re)printed on this website with kind permission
  • IRI Irish (Gaelic) [singable] (Gabriel Rosenstock) , "Deireadh an tSéire", copyright © 2015, (re)printed on this website with kind permission

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1 Schibler: "Kissen"

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16. Die Jungfrau [sung text checked 1 time]

Wo sah ich Mädchen, deine Züge,
die drohenden Augen lieblich wild,
noch frei von Eitelkeit und Lüge?
Auf Buonarottis großem Bild:

Der Schöpfer senkt sich sachten Fluges
zum Menschen, welcher schlummernd liegt,
im Schoße seines Mantelbuges
ruht himmlisches Gesind geschmiegt.

Voran ein Wesen, nicht zu nennen,
von Gottes Mantel keusch umwallt,
des Weibes Züge, zu erkennen
in einer schlanken Traumgestalt.

Sie lauscht, das Haupt hervorgewendet,
mit Augen schaut sie, tief erschreckt,
wie Adam er den Funken spendet
und seine Rechte mahnend reckt.

Sie sieht den Schlummer sich erheben,
der das bewußte Sein empfängt,
auch sie sehnt dunkel sich, zu leben,
an Gottes Schulter still gedrängt -

So harrst du vor des Lebens Schranke,
noch ungefesselt vom Geschick,
ein unentweihter Gottgedanke,
und öffnest staunend deinen Blick.

Authorship

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17. Neujahrsglocken [sung text checked 1 time]

In den Lüften schwellendes Gedröhne,
Leicht wie Halme beugt der Wind die Töne:

Leis verhallen, die zum ersten riefen,
Neu Geläute hebt sich aus den Tiefen.

Große Heere, nicht ein einzler Rufer!
Wohllaut flutet ohne Strand und Ufer.

Authorship

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  • ENG English (Peter Palmer) , "New Year Bells", copyright © 2009, (re)printed on this website with kind permission

Researcher for this text: Caroline Diehl

18. Alle [sung text checked 1 time]

Es sprach der Geist: Sieh auf! Es war im Traume.
Ich hob den Blick. In lichtem Wolkenraume
Sah ich den Herrn das Brot den Zwölfen brechen
Und ahnungsvolle Liebesworte sprechen.
Weit über ihre Häupter lud die Erde
Er ein mit allumarmender Gebärde.

Es sprach der Geist: Sieh auf! Ein Linnen schweben
Sah ich und vielen schon das Mahl gegeben,
Da breiteten sich unter tausend Händen
Die Tische, doch verdämmerten die Enden
In grauen Nebel, drin auf bleichen Stufen
Kummergestalten saßen ungerufen.

Es sprach der Geist: Sieh auf! Die Luft umblaute
Ein unermeßlich Mahl, soweit ich schaute,
Da sprangen reich die Brunnen auf des Lebens,
Da streckte keine Schale sich vergebens,
Da lag das ganze Volk auf vollen Garben,
Kein Platz war leer und keiner durfte darben.

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  • ENG English (Emily Ezust) , "All", copyright ©

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19. Der Reisebecher [sung text checked 1 time]

Gestern fand ich, räumend eines langvergessnen Schrankes Fächer,
Den vom Vater mir vererbten, meinen ersten Reisebecher.
Währenddeß ich, leise singend, reinigt ihn vom Staub der Jahre,
War's, als höbe mir ein Bergwind aus der Stirn die grauen Haare,
War's, als dufteten die Matten, drein ich schlummernd lag versunken,
War's, als rauschten alle Quelle, draus ich wandernd einst getrunken.

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  • ENG English (Sharon Krebs) , "The travelling mug", copyright © 2013, (re)printed on this website with kind permission

Confirmed with Gedichte von Conrad Ferdinand Meyer, dritte vermehrte Auflage, Leipzig, Verlag von H. Haessel, 1887, page 77.


Research team for this text: Caroline Diehl , Sharon Krebs [Guest Editor]

20. Das weiße Spitzchen [sung text checked 1 time]

Ein blendendes Spitzchen blickt über den Wald,
das ruft mich, das zieht mich, das tut mir Gewalt:

"Was schaffst du noch unten im Menschengewühl?
Hier oben ists einsam! Hier oben ists kühl!

Der See mir zu Füßen hat heut sich enteist,
er kräuselt sich, flutet, er wandert, er reist.

Die Moosbank des Felsens ist dir schon bereit,
von ihr ists zum ewigen Schnee nicht mehr weit!"

Das Spitzchen, es ruft mich, sobald ich erwacht,
am Mittag, am Abend, im Traum noch der Nacht.

So komm ich denn morgen! Nun laß mich in Ruh!
Erst schließ ich die Bücher, die Schreine noch zu.

Leis wandelt in Lüften ein Herdegeläut:
"Laß offen die Truhen! Komm lieber noch heut!"

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21. Göttermahl [sung text checked 1 time]

Wo die Tannen finstre Schatten werfen
über Hänge goldbesonnt,
unverwundet von der Firne Schärfen
blaut der reine Horizont,

wo das Spiel den rastlos wehnden Winden
kein Gebälk und keine Mauer wehrt,
wo, wie einer dunklen Sorge Schwinden,
jede Wolke sich verzehrt,

wo das braune Rind, wie Juno schauend,
weidet und mit heller Glocke tönt,
wo das Zicklein, lüstern wiederkäuend,
den bemoosten Felsen krönt,

schlürf ich kühle Luft und wilde Würzen,
mit den selgen Göttern kost ich da
- die mich nicht aus ihrem Himmel stürzen -
Nektar und Ambrosia!

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22. Ich würde es hören [sung text checked 1 time]

 Läg dort ich unterm Firneschein
 auf hoher Alp begraben,
 ich schliefe mitten im Juchhein
 der wilden Hirtenknaben.

 Wo sonst ich lag im süßen Tag,
 läg ich in dunkeln Decken,
 der laue Krach und dumpfer Schlag,
 er würde mich nicht wecken.

 Und käme schwarzer Sturm gerauscht
 und schüttelte die Tannen,
 er führe, von mir unbelauscht,
 vorüber und von dannen.

 Doch klänge sanfter Glockenchor,
 ich ließe mich wohl stören
 und lauscht ein Weilchen gern empor,
 das Herdgeläut zu hören.

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23. Firnelicht [sung text checked 1 time]

Wie pocht das Herz mir in der Brust
trotz meiner jungen Wanderlust,
wann, heimgewendet, ich erschaut
die Schneegebirge, süß umblaut,
das große stille Leuchten!

Ich atmet' eilig, wie auf Raub,
der Märkte Dunst, der Städte Staub.
Ich sah den Kampf. Was sagest du,
mein reines Firnelicht, dazu,
du großes stilles Leuchten?

Nie prahlt ich mit der Heimat noch
und liebe sie von Herzen doch!
In meinem Wesen und Gedicht
allüberall ist Firnelicht,
das große stille Leuchten.

Was kann ich für die Heimat tun,
bevor ich geh im Grabe ruhn?
Was geb ich, das dem Tod entflieht?
Vielleicht ein Wort, vielleicht ein Lied,
ein kleines stilles Leuchten!

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24. Schwarzschattende Kastanie [sung text checked 1 time]

Schwarzschattende Kastanie,
Mein windgeregtes Sommerzelt,
Du senkst zur Flut dein weit Geäst,
Dein Laub, es durstet und es trinkt,
Schwarzschattende Kastanie!
Im Porte badet junge Brut
Mit Hader oder Lustgeschrei,
Und Kinder schwimmen leuchtend weiß
Im Gitter deines Blätterwerks,
Schwarzschattende Kastanie!
Und dämmern See und Ufer ein
Und rauscht vorbei das Abendboot,
So zuckt aus roter Schiffslatern'
Ein Blitz und wandert auf dem Schwung
Der Flut, gebrochen Lettern gleich,
Bis unter deinem Laub erlischt
Die rätselhafte Flammenschrift,
Schwarzschattende Kastanie!

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  • FRE French (Français) (Pierre Mathé) , "Châtaignier à l'ombre noire", copyright © 2011, (re)printed on this website with kind permission

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25. Requiem [sung text checked 1 time]

Bei der Abendsonne Wandern,
Wann ein Dorf den Strahl verlor,
Klagt sein Dunkeln es den andern
Mit vertrauten Tönen vor.

[ ... ]
Noch ein Glöcklein hat geschwiegen Auf der Höhe bis zuletzt. Nun beginnt es sich zu wiegen, Horch, mein Kilchberg läutet jetzt!

Authorship

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Confirmed with Gedichte von Conrad Ferdinand Meyer, Verlag von H. Haessel, Leipzig, 1882, page 55.


Research team for this text: Emily Ezust [Administrator] , Caroline Diehl , Peter Rastl [Guest Editor]

26. Abendwolke [sung text checked 1 time]

So stille ruht im Hafen
Das tiefe Wasser dort,
Die Ruder sind entschlafen,
Die Schifflein sind im Port.

Nur oben in dem Äther
Der lauen Maiennacht,
Dort segelt noch ein später
Friedfertger Ferge sacht.

Die Barke still und dunkel
Fährt hin in Dämmerschein
Und leisem Sterngefunkel
Am Himmel und hinein.

Authorship

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  • FRE French (Français) (Pierre Mathé) , "Nuage du soir", copyright © 2011, (re)printed on this website with kind permission

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27. Nachtgeräusche [sung text checked 1 time]

Melde mir die Nachtgeräusche, Muse,
Die ans Ohr des Schlummerlosen fluten!
Erst das traute Wachtgebell der Hunde,
Dann der abgezählte Schlag der Stunde,
Dann ein Fischer-Zwiegespräch am Ufer,
Dann? Nichts weiter als der ungewisse
Geisterlaut der ungebrochnen Stille,
Wie das Atmen eines jungen Busens,
Wie das Murmeln eines tiefen Brunnens,
Wie das Schlagen eines dumpfen Ruders,
Dann der ungehörte Tritt des Schlummers.

Authorship

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  • FRE French (Français) (Pierre Mathé) , "Bruits nocturnes", copyright © 2011, (re)printed on this website with kind permission

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28. Jetzt rede du! [sung text checked 1 time]

Du warest mir ein täglich Wanderziel,
Viellieber Wald, in dumpfen Jugendtagen,
Ich hatte dir geträumten Glücks so viel
Anzuvertraun, so wahren Schmerz zu klagen.

Und wieder such' ich dich, du dunkler Hort,
Und deines Wipfelmeers gewaltig Rauschen -
Jetzt rede du! Ich lasse dir das Wort!
Verstummt ist Klag und Jubel. Ich will lauschen.

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  • ENG English (Emily Ezust) , "Now you speak!", copyright ©

Researcher for this text: Jakob Kellner