10 Lieder von A. Freiherrn von Steigentesch

Song Cycle by Moritz, Graf von Dietrichstein (1775 - 1864)

Word count: 1420

1. Die Geschichte des Lebens [sung text checked 1 time]

Dem flüchtigen Taumel der Sterblichen
Sind gebrechliche Führer gegeben;
Ein Greis ist die Weisheit, die Liebe ein Kind,
Das launige Glück und der Zufall sind blind,
Und diese begleiten das Leben.
Wir schliessen am Kinde wie Kinder uns an,
Da reicht uns die Täuschung die Binde;
Ein Los, das noch jeder der liebte, gewann:
So wird, mit dem Kinde der Liebe, der Mann
Im Wollen und Wünschen  zum Kinde.
Die Puppen des Lebens, bald klein und bald gross,
kommt lächelnd das Glück anzubieten;
Es legt seine Lose der Zeit in den Schoos,
Dem Menschen zieht finster der Zufall das Los
Und alle Lose sind Nieten.

Dann steht, vor der Bude des Zufalls, der Schmerz
Von Wahn und von Wünschen betrogen;
In Nebel zerfloss ihm das schimmernde Erz,
Und blutende Stellen bedecken das Herz
Dem schnell seine Träume entflogen.
Die langsame Weisheit kommt immer so spät
Das blutende Herz zu empfangen.
Dann lehrt sie uns freilich, dass alles vergeht,
doch kommt ihre Lehre dem Herzen  zu spät:
Es ist dann schon alles vergangen.

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2. Marie [sung text checked 1 time]

Wo ich allein, von dir entfernt,
Des Lebens Strasse ziehe,
Die Echo deine Namen lernt,
Ruf' ich mit ihr, von dir entfernt,
Marie!
Dort, wo der Bach von Klippen fällt,
Wo ich der Welt entfliehe,
Entsteigt dein Bild, vom Mond erhellt,
Still wie ein Geist, der Unterwelt,
Marie!
Im weiten Tempel der Natur,
In dem ich betend knie,
umwogt vom Farbenmeer der Flur,
Bet' ich vor deinem Bilde nur,
Marie!
Und mein Gebet, das freundlich sich
um deine Tage ziehe,
Enthält des Freundes Wunsch für dich:
Sei glücklich, gut, und denk' an mich,
Marie!

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3. Die Bestandteile der Liebe [sung text checked 1 time]

Was hebt des Busens Hügel?
Siegt ohne Stahl und Erz?
Erhellt der Hoffnung Spiegel?
Was gibt der Stunde Flügel,
Dem Leben Wahn und Schmerz?
Das Herz?
Das Herz.
Es schlägt, es sucht, es findet
An treuer Brust sein Glück.
Wer sagt es, was sie bindet,
Was Herz an Herz empfindet,
Sein Hoffen und sein Glück?
Der Blick?
Der Blick.

Aus Busen, stumm und öde,
Wer scheucht den ßeberdruss?
Wer droht dem Kummer Fehde?
Wie heisst des Herzens Rede,
Die ihn beschwören muss?
Der Kuss?
Der Kuss.
Wer zeigt dem einen Herzen
Der Schwesterseele Spur?
Entwickelt Lust und Schmerzen
Im Leben und im Herzen,
wie Veilchenauf der Flur?
Natur?
Natur.

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4. Dauer der Liebe [sung text checked 1 time]

Das Herz ist, was es liebt zu fliehen,
zu weich, zu schwach,
zu weich, zu schwach,
Ihr Ton, ihr Blick, ihr Lächeln ziehen
dem Herzen nach,
Dem Herzen nach.
Das Leben, das die Sorgen messen,
vergisst sie nie,
vergisst sie nie,
Der Vorsatz selbst: sie zu vergessen
Mahnt uns an sie,
Mahnt uns an sie.

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5. Die Menschenalter [sung text checked 1 time]

An unsrer Wiege grüssen uns die Horen,
den Säugling küsst des Morgens Rosenlicht.
Und weinend grüsst sein erster Blick Auroren,
Er fühlt des Daseins schöne Stunden nicht.
Der Knabe jagt, gleich losgelassnen Winden
Dem Schmetterling, wie einst dem Glücke nach,
Das Mitleid lehrt ihn denken und empfinden,
Sein Herz ist, wie sein Wille, weich und schwach.
Dies weiche Herz, für jeden Eindruck offen,
wird von des Jünglings Tränen angeklagt.
Er lernt den Trost, zu weinen und zu hoffen,
Doch fühlt er schon, wieviel das Glück versagt.
So schwankend, wie der Kahn im Ocean
Wankt er am Arm des Zufalls ungewiss.
Im Hauch der Zeit entflattern seine Pläne
Der kalt und rauh die Täuschung ihm entriss.
Der Mann tritt in des Lebens heisse Zone,
Hier welkt der Blüthenkranz der Fantasie.
Er pflückt den Lorbeerfür der Weisheit Krone,
und hascht das Schattenbild der Wahrheit nie.
Er bindet der Erkenntnis reiche Gaben,
Des kurzen Tages dürftigen Gewinn,
Doch streut der Abend seine blassen Farben
Schon auf des Sammlers goldne Ernte hin.
Gleich Bienen die im Blumenkelch sich wiegen,
wankt hier der Greis, vom Hauch der Nacht berührt;
Ihn führt der Tod, wo Frühgefallne liegen
Wie Blumen, die der Abendwind entführt.
Und spielt im hohen Gras, im nächsten Lenze,
um der Geschiednen Grab der Abendwind,
Oh, so verweht er ihre Totenkränze
Und niemand weis, wo sie begraben sind.

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6. Das Glück der Unwissenheit [sung text checked 1 time]

Das Kind des Glücks, der heit're Wahn
Der Freude leiser Flug
Umschwebten gaukelnd meine Bahn,
wo sanft gewiegt den leichten Kahn
des Lebens Welle trug.
Bedeckt mit jungen Rosen lag
Das alte Bild der Zeit;
Im Busen schlug ein gleicher Schlag
Und schön wie Träume sank der Tag
In die Vergangenheit.
Da führte mich der Weisheit Hand
Wo Wahrheit uns belehrt;
Der Wahn entfloh, die Freude schwand,
Und ach, die Wahrheit die ich fand
War meinen Wahn nicht wert.
Du blinder Wahn, mein heilges Glück,
Warum entschlüpfest du?
Nimm Wahrheit, nimm dein Licht zurück,
Und binde mir wie meinem Glück
Die Augen wieder zu.

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7. Erinnerung [sung text checked 1 time]

Im Ulmenhaine, wo mich ernst und düster
Die Wehmut oft an deinem Arm beschlich,
Wandl' ich allein; im leisen Blattgeflüster,
Ahnt meine Seele dich;
Den Hain, in dem sich Tag und Dunkel gatten,
Durchrauscht ein Quell, vom Geissblatt überwebt;
Dein Bild umschwebt den Quell, sanft wie ein Schatten
An Lethes Ufern schwebt.
Des Lebens oft empörte Stürme schweigen;
Sanft wie der Mond, verhüllt sie hier die Nacht,
wenn Philomele in den stillen Zweigen
des dunklen Hains erwacht.
Verblühte Bilder früher Tage keimen
Im ersten Grau der Dämmerung empor,
Die Hoffnung hält mir unter Feenträumen
Der Zukunft Blüten vor.
Dann träum' ich mich zum fernen Seegestade
Im Dämmerlicht an deine Seite hin;
Die Täuschung flieht; der Spiegel der Najade
Sagt dass ich einsam bin.
Und einsam streu' ich Blumen auf die Quelle
Zum Totenopfer dir, Vergangenheit!
Und weihend wird der Wehmut diese Stelle
Zum Tempel eingeweiht.

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8. Gute Nacht [sung text checked 1 time]

Mensch, dem Arm des Schlummers übergeben,
     Gute Nacht!
Zwischen Wahn und Tränen liegt das Leben,
und die heitren Tage hier entschweben,
wie das Glück, das uns im Traume lacht.
     Gute Nacht!
Freundlich schliesst die Zeit den Blick des Müden,
     Gute Nacht!
Von dem Leben durch den Schlaf geschieden,
gibt die Nacht der Seele ihren Frieden,
die der Dorn der Reue bluten macht.
     Gute Nacht!
Schiffer auf des Lebens dunklen Wogen,
      Gute Nacht!
Ruhig ist des Tages Sturm entflogen,
Und das Auge, von dem Wahn betrogen,
Schliesst sich, wenn die Sorge nicht mehr wacht.
      Gute Nacht!
Ruhet sanft nach Stürmen und nach Sorgen,
      Gute Nacht!
In dem Hafen liegt das Schiff geborgen,
Und es kommt ein Leben und ein Morgen,
Wo der müde Schläfer froh erwacht.
      Gute Nacht!

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9. Vergangenheit [sung text checked 1 time]

Das Herz entflieht dem Sturm der Zeit,
Der auch die Flügel dehnt,
Und lebt, wo die Vergangenheit,
vom Lächeln und vom Gram geweiht,
Sich still an Gräber lehnt.
Der Knospe Schatten deckt den Raum
wo mich das Leben fand,
Wo rauschend, wie der Woge Schaum,
Der Kindheit Bild, des Knaben Traum
Dem Glücklichen entschwand.
Ein Kranz verwelkter Rosen deckt
Das freundliche Gebiet,
Wo, von der Nachtigall geweckt,
Die erste Liebe träumt und neckt
Und Träumen gleich entflieht.
Das Immergrün der Freundschaft kränzt
Dort unverwelkt ein Grab;
Die Lücke sieht noch unergänzt
Durch die der Reiz des Himmels glänzt,
den sie dem Leben gab.
Und Grab an Grab gelehnt, verhüllt
Der Träume Feenland,
Wo einst das Sehnen ungestillt
Der Wunsch, erfüllt und unerfüllt,
Und Wahn und Gram entstand.
Des Lebens trübe Woge schäumt
Jetzt brausend um mich her;
Was ich geliebt, gehofft, geträumt,
Die Aussaat meiner Wünsche keimt
Im kalten Herbst nicht mehr.
Entflohnes Bild von Freud' und Glück,
Sei weinend mir gegrüsst!
Dich ruft der Mensch umsonst zurück,
Bis trübe sich der müde Blick
Zum Wiedersehen schliesst.

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10. Warum? [sung text checked 1 time]

Am Quell auf der Höhe
Da lieg' ich im Grase oft still und allein,
Und träume dann, glücklich und mächtig zu sein;
Und was ich im Tale und rund um mich sehe,
Das wird im Genusse der Gegenwart mein,
     Am Quell auf der Höhe!
     Am Quell auf der Höhe!
Da lieg' ich am Morgen auf Blumen gestreckt,
von fallenden Blättern und Blüten bedeckt,
dann sinn' ich und träum' ich, und lausche und spähe,
Wie Liebe den schlafenden Schmetterling weckt,
     Am Quell auf der Höhe!

    Am Quell auf der Höhe!
Da wird im Gebüsche die Nachtigall llaut,
Da wird man so still mit dem Herzen vertraut.
Wie gern man auf immer den Städten entflöhe!
Wenn Täuschung sich fröhlich ihr Hüttchen erbaut!
     Am Quell auf der Höhe!
     Am Quell auf der Höhe!
Da möcht' ich im Hüttchen mein Leben lang sein,
Doch wär ' ich nicht gern in dem Hüttchen allein,
Wenn jemand im Tale mein Plätzchen hier sähe,
Was würde mir dann erst das dies Plätzchen hier sein,
     Am Quell auf der Höhe!
     Am Quell auf der Höhe!
Da sitz' ich dann sinnend und einsam und stumm
Und gucke begierig im Tale herum,
Und rauscht es, so beb' ich wie schüchterne Rehe,
Und frage mich selber dann lächelnd, warum?
     Am Quell auf der Höhe!

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