Weihestunden

Song Cycle by Felix (August Bernhard) Draeseke (1835 - 1913)

Word count: 584

1. Schiffergruss [sung text checked 1 time]

Stolzes Schiff mit seidnen Schwingen,
Fährst mein Boot zu Grunde schier.
Sang von Bord und Lauten klingen,
O du fröhl'cher Schiffsherr, dir.
Ich muss selbst mein Lied mir singen,
Nur der Sturmwind singt mit mir.

Stolzes Schiff, wenn deine Feuer
Nachts verlöscht beim falben Licht,
Steht ein Fremder an dem Steuer,
Mit den Winden laut er spricht,
Und die Wogen rauschen scheuer,
Trau dem finstren Bootsmann nicht!

Gleiche Winde, gleiche Wellen,
Reiches Schiff und armes Boot,
Nach demselben Strande schwellen.
Deine Hoffart, meine Not
Wird an einem Riff zerschellen,
Denn der Bootsmann ist der Tod.

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Researcher for this text: Sharon Krebs [Guest Editor]

2. Im Mai [sung text checked 1 time]

Düfte wogen auf und nieder,
In den Lüften süsser Schall,
Stille Blumen, laute Lieder,
Engel Gottes überall!

Und schon ward mein Herz zur Blume
Und der Blume Duft zum Lied,
Das im klaren Heiligtume
Aufwärts mit den Engeln zieht!

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  • ENG English (Laurie Cronin) , "In May", copyright © 2009, (re)printed on this website with kind permission

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3. Im Spätherbst [sung text checked 1 time]

Die Nebel fliehn und wogen
Und halten rings umzogen
Des Himmels blauen Plan.
Es stirbt die Fröhlichkeit,
Verstummt sind Berg und Wälder,
Umschattet Aun und Felder
Von feuchter Dunkelheit.

So dunkelten die Tage
In Kummer, Furcht und Plage
Dein ganzes Leben hin.
Als dir das Morgenrot
Die fernen Höh'n umkränzte,
Das Glück zuerst dir glänzte,
Da kam zu dir der Tod.

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4. Am Wege steht ein Christusbild [sung text checked 1 time]

Am Wege steht ein Christusbild
Umrauscht von jungen Linden.
Ein Mädchen sitzt dort, bleich und mild,
Ihm einen Kranz zu winden.

Ich habe nichts als nur mein Herz,
Das muss dem Lieb gehören.
Dich aber, Haupt im Dornenschmerz,
Soll dieses Kränzel ehren.

Es ist der Armut Gabe klein,
Betaut mit heissen Tränen,
Denn meine Brust nach Liebstem mein
Erdrückt ein mächtig Sehnen.

Dort hinter jener Berge Blau,
Dorthin zog, den ich liebe.
Nun sitz' ich einsam in der Au,
Sein Brautkind, ach, das trübe.

Sie legt den Kranz zum Sims von Stein,
Kniet hin mit Händefalten,
Und betet:  Wolle Heiland mein
Das Kränzlein lieb behalten.

Zu Boden neigte sie das Haupt.
Ich im Vorrübergehen,
Ich dachte:  wer wie diese glaubt,
Dem ist sein Heil geschehen.

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5. Das Gespräch [sung text checked 1 time]

Ich sprach zum Morgenrot,
Was glänzest du mit hellem Rosenlicht?
Ich sprach zur Jungfrau schön,
Was kränzest du dein junges Angesicht?
Morgenrot, du einst erbleichen musst,
Jungfrau schön, du einst verwelken musst,
Drum schmücket euch nicht.

Ich schmücke mich, so sprach das Morgenrot,
Mit hellem Rosenlicht,
Ob mir dereinst ein bleiches Schicksal droht,
Das frag' und weiss ich nicht.
Der dem Mond, den Sternen gab den Schein,
Auch gefärbt hat rot die Wangen mein,
Drum traure ich nicht.

Ich schmücke mich, so sprach die Jungfrau schön,
Weil noch mein Frühling blüht.
Soll ich darum in stetem Trauern gehn,
Dass einst die Jugend flieht?
Der beschirmt und hält der Vöglein Nest,
Der die Blumen blühn und welken lässt,
Dem traut mein Gemüt.

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6. Treue [sung text checked 1 time]

Wenn alle untreu werden,
So bleib' ich dir [doch]1 treu;
Daß Dankbarkeit auf Erden
Nicht ausgestorben sey.
Für mich umfing dich Leiden,
Vergingst für mich in Schmerz;
Drum geb' ich dir mit Freuden
Auf ewig dieses Herz.

Oft muß ich bitter weinen,
Daß du gestorben bist,
Und mancher von den Deinen
Dich lebenslang vergißt.
Von Liebe nur durchdrungen
Hast du so viel gethan,
Und doch bist du verklungen,
Und keiner denkt daran.

Du stehst voll treuer Liebe
Noch immer jedem bey;
Und wenn dir keiner bliebe,
So bleibst du dennoch treu;
Die treuste Liebe sieget,
Am Ende fühlt man sie,
Weint bitterlich und schmieget
Sich kindlich an dein Knie. 

Ich habe dich empfunden,
O! lasse nicht von mir;
Laß innig mich verbunden
Auf ewig seyn mit dir.
Einst schauen meine Brüder
Auch wieder himmelwärts,
Und sinken liebend nieder,
Und fallen dir ans Herz.

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Confirmed with Novalis Schriften. Herausgegeben von Friedrich Schlegel und Ludwig Tieck. Zweiter Theil. Berlin, 1802- In der Buchhandlung der Realschule, pages 136-137; with Novalis Schriften. Herausgegeben von Ludwig Tieck und Fr. Schlegel. Dritte Auflage. Zweiter Theil. Berlin, 1815. In der Realschulbuchhandlung, pages 28-29; and with Novalis Schriften. Kritische Neuausgabe auf Grund des handschriftlichen Nachlasses von Ernst Heilborn. Erster Theil. 1901. Druck und Verlag von Georg Reimer Berlin, page 334.

First published in Musen-Almanach für das Jahr 1802. Herausgegeben von A. W. Schlegel und L. Tieck. Tübingen, in der Cotta'schen Buchhandlung, 1802, pages 200-202.

1 Schubert: "noch"

Research team for this text: Emily Ezust [Administrator] , Peter Rastl [Guest Editor]