Geistliche Lieder

by Viktor Ullmann (1898 - 1944)

1. Um Mitternacht, im Schlafe schon [sung text checked 1 time]

Um Mitternacht, im Schlafe schon,
ermuntert mich ein leiser Ton.
Ich tu die Fensterladen auf
und schaue nacht dem Sternenlauf.

Im Waldgebirg der Mond versinkt,
die Notenschrift am Himmel blinkt.
War das der Klang? Klangt dort das Lied?
Die Augen werden wieder müd.

Aus halbem Winkel seh ich nur
entschwinden eine Silberspur.
Ein Engel, der vorüber lief,
und wieder sang es, da ich schlief.

Authorship:

Researcher for this text: Emily Ezust [Administrator]

2. Die arme Seele [sung text checked 1 time]

Im Himmel, im Himmel sind der Freuden soviel,
da singen die Engel, sie haben gut Spiel.
Dort hinten, dort hinten, bei der himmlischen Tür,
dort stet eine arme Seele, schaut traurig herfür.
"Was traurist, was traurist, arme seele vor Gott?"
"Ich han übertreten die zehn Gebot'."
Arme Seele mein, komm zu mir ins Paradeis,
dann werden deine Kleider ja alle schneeweiß.

Authorship:

Based on:

Available translations, adaptations or excerpts, and transliterations (if applicable):

  • FRE French (Français) (Guy Laffaille) , "La pauvre âme", copyright © 2008, (re)printed on this website with kind permission

Researcher for this text: Guy Laffaille [Guest Editor]

3. Leis' auf zarten Füßen  [sung text checked 1 time]

Leis auf zarten Füssen naht es,
vor dem [Schlafen]1 wie ein Fächeln:
Horch, o Seele, meines Rates,
laß dir Glück und Tröstung lächeln-:
 
Die in Liebe dir verbunden,
werden immer um dich bleiben,
werden klein und große Runden
treugesellt mir dir beschreiben.
 
Und sie werden an dir bauen,
unverwandt, wie du an ihnen, -
und, erwacht zu Einem Schauen,
werdet ihr wetteifernd dienen!

Authorship:

Available translations, adaptations or excerpts, and transliterations (if applicable):

  • FRE French (Français) (Guy Laffaille) , "Doucement, des pieds délicats", copyright © 2008, (re)printed on this website with kind permission

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Confirmed with Christian Morgenstern, Wir fanden einen Pfad. Gedichte, München: R. Piper & Co Verlag, 1966, page 17, in section I.

1 Ullmann: "Schlafe"

Research team for this text: Guy Laffaille [Guest Editor] , Sharon Krebs [Guest Editor]

4. Marienlied [sung text not yet checked]

Ich sehe dich in tausend Bildern,
Maria, lieblich ausgedrückt,
Doch keins von allen kann dich schildern,
Wie meine Seele dich erblickt.
Ich weiß nur, daß der Welt Getümmel
Seitdem mir wie ein Traum [verweht]1,
Und ein unnennbar süßer Himmel
Mir ewig im Gemüthe steht.

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Confirmed with Novalis Schriften. Herausgegeben von Friedrich Schlegel und Ludwig Tieck. Zweiter Theil. Berlin, 1802- In der Buchhandlung der Realschule, pages 157-158; with Novalis Schriften. Herausgegeben von Ludwig Tieck und Fr. Schlegel. Dritte Auflage. Zweiter Theil. Berlin, 1815. In der Realschulbuchhandlung, page 42; and with Novalis Schriften. Kritische Neuausgabe auf Grund des handschriftlichen Nachlasses von Ernst Heilborn. Erster Theil. 1901. Druck und Verlag von Georg Reimer Berlin, page 345.

1 Schubert (Neue Gesamtausgabe): "entfloh"

Research team for this text: Richard Morris , Peter Rastl [Guest Editor]

5. Erste Begegnung [sung text checked 1 time]

Hab gesehn dich irgendwo,
sah dich lächeln grade so
strahlend eines Rätsels froh.

Das verbirgt der Dichtermund
schalkhaft-einsam, wohl mit Grund.
Wunderinseln sind ihm kund.

Hab gespürt wie deine Hand
meine so wie heute fand,
lange her in anderm Land.

Auf der Schwelle in der Luft,
vor dem Tor aus Ätherduft,
wo die Seele selbst sich ruft.

Ist es in dem Dorischen Hain?
Sahn wir uns bei Delphis Weihn,
schauten da in uns hinein?
Ist es wo der Dom ersteht?
Wo im Orgelsturm verweht
stilles Kerzenlicht-Gebet?

Fand an östlicher Zistern',
Bethlehem war nicht mehr fern --
unser Hirtenherz den Stern?

Immer lächelt noch hervor
Weisheit -- doch an diesem Tor,
heißt's, stellt man sich heut erst vor.

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Researcher for this text: Emily Ezust [Administrator]

6. Weihnachtsmorgen in Dornach [sung text checked 1 time]

Gottvater sah gemach ich gehn.
Das Frühlicht hielt den Atem an.
Ein einfach Ding ihn so zu sehn
auf seiner Bahn.

Der kleine Sohn zur Seite dicht,
und beide schauten Hand in Hand
unter dem Wolkenglanzgesicht
ins Schattenland.

Zusammen Wolke, Vater, Sohn,
sie wandeln wie in Melodien
dreiniglich getragen
von der Gnade hin.

Mein Herz, was pochtest du so wild!
Und plötzlich sagst du nimmer bang:
"Grüß Gott!" Von ihrem Mund mild
"Grüß Gott!" es klang.

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Researcher for this text: Emily Ezust [Administrator]
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