Zehn Reise- und Wanderlieder von Wilhelm Müller

Song Cycle by Carl Georg Peter Grädener (1812 - 1883)

Word count: 1104

1. Grosse Wanderschaft [sung text not yet checked]

Wandern, wandern!
Gestern dort und heute hier;
Morgen, wohin ziehen wir?
Wandern, wandern!
Wißt ihr wohl das Losungswort,
Das die Welt treibt fort und fort?
Wandern, wandern!
Sehet Sonne, Mond und Sterne,
Wie die wandern all' so gerne!
Wandern, wandern!
Auch die Erde macht sich auf
Alle Jahr' zum frischen Lauf.
Wandern, wandern!
Ei, so laß das Sitzen sein,
Mensch, du mußt doch hinterdrein!
Wandern, wandern!
Kind und Jüngling, Mann und Greis,
Also heißt die Lebensreis'.
Wandern, wandern!
Ei, wie schöne Kompanei!
Fürstengunst und Frauentreu'!
Wandern, wandern!
Frau Fortuna führt uns an,
Amor ist der zweite Mann.
Wandern, wandern!
Auch die Musen könnt ihr sehn
All' in Reiseschuhen gehn.
Wandern, wandern!
Mars fährt auf Aprillenwetter,
Laune heißt des Ruhmes Vetter.
Wandern, wandern!
Liebes Herz, so zieh' nur mit,
Halte wacker Schritt und Tritt!
Wandern, wandern!
Heute hier und morgen dort,
Und zu Haus an jedem Ort.
Wandern, wandern!
Regen, Sturm und Sonnenschein,
Rebensaft und Gerstenwein.
Wandern, wandern!
Heute blond und morgen braun
Ist mein Schätzchen anzuschaun.
Wandern, wandern!
Kalt und warm und schlicht und kraus,
Bienenschwarm und Schneckenhaus.
Wandern, wandern!
Heut' hab' ich dies Lied erdacht,
Morgen wird es ausgelacht.
Wandern, wandern!

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2. Auszug [sung text not yet checked]

Ich [ziehe so lustig zum Thore]1 hinaus,
als ob's ein Spaß nur wär:
Das macht, es wallt Feinsliebchens Bild
gar helle vor mir her.

Da merk ich dann im Herzen bald,
ich sei dort oben hier,
Ich gehe fort, ich kehre heim,
ich ziehe doch immer zu ihr.

Und wer zu seinem Liebchen reist,
dem wird kein Weg zu schwer,
Der läuft bei Tag und läuft bei Nacht,
und ruht sich nimmermehr.

Und ob es regnet, ob es stürmt,
mir thut kein Wetter weh:
Es hat mein Liebchen mir gesagt
ein freundliches Ade!

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1 Attenhofer: "zieh' so lustig zum Thor"

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3. Auf der Landstrasse [sung text not yet checked]

Was suchen [doch]1 die Menschen all'
Zu Roß und auch zu Fuß?
Das wandert hin und wandert her
Zeitlebens ohn' Verdruß.

Die haben wohl kein Liebchen heim,
Und auch ihr Herz dabei:
Sie sehn mich an und wundern sich,
Daß ich so langsam sei.

Ach, wer mit jedem, jedem Fuß,
Den er setzt in die Welt hinein,
Einen Schritt von seiner Liebsten thut,
Der macht ihn gerne klein.

Wer hat das Wandern doch erdacht?
Der hatt' ein Herz von Stein;
Und wär' es heut' noch nicht bekannt,
Ich ließ' es wahrlich sein.

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1 Weinwurm: "dort"; further changes may exist not shown above.

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4. Einsamkeit [sung text not yet checked]

Der Mai ist auf dem Wege,
Der Mai ist vor der Tür;
Im Garten, auf [der Wiese]1,
Ihr Blümlein, kommt herfür!

Da hab' ich den Stab genommen,
[Da hab' ich]2 das Bündel geschnürt,
Zieh' [weiter und immer]3 weiter,
Wohin die Straße mich führt.

Und über mir [ziehen]4 die Vögel,
Sie [ziehen]4 in lustigen Reih'n;
Sie zwitschern und trillern und flöten -,
Als ging's in den Himmel hinein.

Der Wandrer geht alleine,
Geht schweigend seinen Gang;
Das Bündel will ihn drücken;
Der Weg wird ihm [zu]5 lang.

Ja, wenn wir all' zusammen
So zögen ins Land hinein!
Und wenn auch das nicht wäre,
Könnt' eine nur mit mir sein!

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1 Banck: "den Wiesen"
2 Banck: "Und habe"
3 Banck: "weiter, immer"
4 Banck: "zieh'n"
5 Banck: "so"

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5. Brüderschaft [sung text not yet checked]

Im Krug zum grünen Kranze,
Da kehrt ich durstig ein;
Da saß ein Wandrer drinnen, drinnen
Am Tisch beim kühlen Wein.

Ein Glas ward eingegossen,
Das wurde nimmer lehr!
Sein Haupt ruht auf dem Bündel, Bündel,
Als wärs ihm viel zu schwer.

Ich tät mich zu ihm setzen,
Ich sah ihm ins Gesicht,
Das schien mir gar befreundet, befreundet
Und dennoch kannt' ich's nicht.

Da sah auch mir ins Auge
Der fremde Wandersmann
Und füllte meinen Becher, Becher
Und sah mich wieder an.

Hei! wie die Becher klangen,
Wie brannte Hand in Hand,
"Es lebe die Liebste deine, deine,
Herzbruder im Vaterland!"

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6. Abendreihn [sung text not yet checked]

"Guten Abend, lieber Mondenschein!
Wie [blickst]1 mir so traulich ins Herz hinein!
Nun sprich, und laß dich nicht lange fragen,
Du hast mir gewiß [einen]2 Gruß zu sagen,
    [Einen]2 Gruß von meinem Schatz!" --
 
"Wie [sollt']3 ich bringen den Gruß zu dir?
[Du hast ja]4 keinen Schatz bei mir;
Und was mir da unten die [Burschen]5 sagen,
Und was mir die Frauen und Mädchen klagen,
    Ei, das versteh' ich nicht." --
 
"Hast Recht, [mein]6 lieber Mondenschein,
Du darfst auch Schätzchens Bote nicht sein;
Denn thätst [du zu tief]7 ihr ins Auge sehen,
Du könntest ja [nimmermehr]8 untergehen,
    [Schienst]9 ewig nur für sie.“
 
[Dies]10 Liedchen ist ein Abendreih'n,
Ein Wandrer sang's im Vollmondschein;
Und die es lesen bei Kerzenlicht,
Die Leute [verstehen]11 das Liedchen nicht,
    Und ist doch kinderleicht.

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Available translations, adaptations or excerpts, and transliterations (if applicable):

  • ENG English (Michael P. Rosewall) , copyright © 2012, (re)printed on this website with kind permission
  • FRE French (Français) (Guy Laffaille) , "Chant du soir", copyright © 2014, (re)printed on this website with kind permission

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Confirmed with Gedichte von Wilhelm Müller, mit Einleitung und Anmerkungen herausgegeben von Max Müller, Erster Theil, Leipzig: F.A. Brockhaus, 1868, page 34

1 Grünberger: "blickst du"
2 Grünberger: "'nen"
3 Draeseke, Fischhof: "soll"
4 Draeseke, Fischhof: "Hab' ich doch"; Grünberger: "Hast ja"
5 Draeseke, Grünberger: "Bursche"
6 Draeseke, Fischhof: "du"
7 Gade: "zu tief du"
8 Grünberger: "nimmer"
9 Grünberger: "Scheinst"
10 Grünberger: "Das"
11 Grünberger: "versteh'n"

Research team for this text: Emily Ezust [Administrator] , Sharon Krebs [Guest Editor] , Andrew Schneider [Guest Editor] , Johann Winkler

7. Der Apfelbaum [sung text not yet checked]

Was drückst du so tief in die [Stirn]1 den Hut?
Wohin so früh, du junges Blut?
"Herr Thürmer, schließt nur auf das Thor!
Ich hab' eine lange Reise vor."
Und also ging's zur Stadt hinaus,
Es hielt der Mond am Himmel Haus,
Wohl über die Brücke, wohl über den See:
Da wurde dem Wandrer so wunderweh.
Es rauschten die Zweige vom Ufer her,
Und sie rauschten so tief und sie rauschten so schwer.
"Wer schüttelt die Zweige? Es weht ja kein Wind,
Und es spielen um's Haupt mir die Lüfte so lind."
Da gab es im See einen plätschernden Schall,
Als hätt' es gethan einen schweren Fall.
"Herzliebste, das muß von dem Baume sein,
Den ich habe gepflanzt in dem Garten dein.
Die schönen Äpfel, so roth, so rund,
Nun liegen sie unten im kalten Grund!"

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1 Grädener: "Stirne"; further changes may exist not noted.

Researcher for this text: Sharon Krebs [Guest Editor]

8. Entschuldigung [sung text not yet checked]

Wenn wir durch die Straßen ziehen,
recht wie Bursch' in Saus und Braus,
schauen ßuglein, blau' und graue,
schwarz' und braun' aus manchem Haus;
und ich lass' die Blicke schweifen
durch die Fenster hin und her,
fast als wollt' ich eine suchen,
die die allerliebste wär'.

Liebchen weißt, warum die Brust
mir schmückt ein rot-weiß-grünes Band?
Liebchen, rot der Liebe Zeichen,
weiß der Unschuld Unterpfand,
und daß du einst wirst mein eigen,
zeiget dir der Hoffnung Grün,
darum trag' ich sie so gerne,
diese Farben: rot-weiß-grün!

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9. Am Brunnen [sung text not yet checked]

Sie schreiten fremd an mir vorbei,
Ich frage Keinen, wer er sei;
Wir wandeln auf und wandeln nieder,
Und sehn vielleicht uns nimmer wieder.
 
Und ziehen dennoch allzumal
Nach einem Ziel in Lust und Qual,
Dem Erdenquell, dem ewig vollen,
Aus dem das Heil wir trinken wollen.
 
Aus einem Borne schöpfen wir,
Ein Tempel über dir und mir.
Laß Hand in Hand uns hier verbinden:
Am Himmelsquell auf Wiederfinden!

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Available translations, adaptations or excerpts, and transliterations (if applicable):

  • FRE French (Français) (Pierre Mathé) , "À la fontaine", copyright © 2010, (re)printed on this website with kind permission

Researcher for this text: Ferdinando Albeggiani

10. Heimkehr [sung text not yet checked]

Vor der Thüre meiner Lieben
häng ich auf den Wanderstab,
Was mich durch die Welt getrieben,
leg ich ihr zu Füßen ab.

Wanderlustige Gedanken,
die ihr flattert nah und fern,
Fügt euch in die engen Schranken
ihrer treuen Arme gern!

Was uns in der weiten Ferne
suchen hieß ein eitler Traum,
Zeigen uns der Liebe Sterne
in dem traulich kleinen Raum.

Schwalben kommen hergezogen -
setzt euch, Vöglein, auf mein Dach!
Habt euch müde schon geflogen,
und noch ist die Welt nicht wach.

Baut in meinen Fensterräumen
euer Häuschen weich und warm!
Singt mir zu in Morgenträumen
Wanderlust und Wanderharm!

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