Sansara für Chor, Soli und Orchestra

Song Cycle by Paul Geisler (1856 - 1919)

Word count: 1898

1. Stieg am ersten Weltenmorgen [sung text checked 1 time]

Stieg am ersten Weltenmorgen
Aus dem Meer der Sonnenjüngling,
Küßte gleich mit Purpurlippen,
Küßte gleich die junge Erde,

Daß sie, mädchenhaft erröthend,
In verschämte Nebelschleier,
Gegenliebe zu verbergen,
Ihren Busen hüllt -- umsonst:

Und der ersten Liebesstunde
Sieh! entsprossen tausend Kinder,
Blumen, Vogel und Gazellen
Und zuletzt die holden Menschen,

Weiß ihr Leib wie Sonnenstrahlen,
Dunkle Sonnen sind die Augen,
Sonnig glühen auch die Herzen
In der tiefen Menschenbrust.

Und zum väterlichen Lichte
Heben sie die Hände dankbar,
Singen mit melodschen Lippen
Jubelnd ihm das erste Lied.

Aber an des Tages Abend
Neigt das Haupt der Flammenbräutgam,
Müd' vom Buhlen, sterbensmüde
Und voll Sehnsucht nach des Meeres

Uranfänglich kühler Feuchte,
Streift er ab die Purpurkleider,
Tauchet langsam, ruhig langsam,
In das dunkle Bad der Nacht.

Ach, und nach des Gottes Scheiden
Werden blaß die Rosenwolken,
Blaß der Himmel, und die Berge
Werden farblos, kalt und bleiern.

Ohne Farbe, ohne Leben
Stehen fahl und starr die Wälder,
Wie gestorben, und die Erde
Fröstelt, die verlassne Wittwe.

Fröstelnd auch am Meeresufer
Schmiegen eng sich aneinander,
Furchtsam eng die Sonnenkinder,
Und es schattet schwarz und schwärzer;

Und ihr Auge, nachtumhüllet,
Weinet seine erste Thräne
Ach! es suchen sich [Verliebte]1
Und erkennen sich nicht mehr.

[Blumen schließen scheu die Kelche,
Schmetterlinge ihre Flügel,]2
[Und]3 die Vögel flattern ängstlich
Durch die Büsche, gegen Bäume;

[In der liederreichen Kehle
Bleiben alle Töne stecken,
Auch die Nachtigallen singen]4
Nur ein stummes Klagelied.

Und durchs junge Herz der Erde,
Blumenherzen, Menschenherzen,
Zittert nur ein einziger Seufzer,
Seufzerwunsch nach goldnem Licht;

Und zum düstren Firmamente
Schwimmt der tiefe Seufzer aufwärts,
Sieh! und wie er angelandet
An der finstern Wölbung -- plötzlich

Wird er leibhaft und lebendig,
Wunsch verkörpert zum Erwünschten,
Und die ersten Strahlenblicke
Auf die Erde wirft der Mond,

Reißt entzwei die Wittwenflöre,
Legt um ihre [Marmorschulter]5
Zart ein elfenweißes Brautkleid
Und er küßt sie lang und zärtlich;

Küßt der Blumen [Kelche offen]6,
Küßt die Käfer und sie glühen,
Küsset auch die Nachtigallen
Und sie schluchzen süßmelodisch,

Und den Jünglingen und Mädchen
Küßt er Augen, Stirn und Lippen,
Weckend den Verliebten wieder
Allerlieblichste Erkenntniß;

Und sie wandeln holdverschränket,
Reizend enge, Herz an Herzen,
Und zuletzt auf Veilchenbetten
Schlafen sie den ersten Schlaf.

Und im lieben Mondenlichte
Schlummert auch die Erde, schlummern
Auch die Rosen -- unaufhörlich
Singt allein die Nachtigall.

Authorship

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1 Geisler: "Geliebte"
2 omitted by Geisler.
3 Geisler: "Auch"
4 Geisler: "In der Brust, der tönevollen" (three lines replaced by one)
5 Geisler: "Marmorschultern"
6 Geisler: "und sie leuchten"

Researcher for this text: Sharon Krebs [Guest Editor]

2. Die verschwiegene Nachtigall [sung text checked 1 time]

  Unter der Linden,
An der Haide,
Wo ich mit meinem Trauten saß,
  Da mögt ihr finden,
Wie wir beide
Die Blumen brachen und das Gras.
  Vor dem Wald mit süßem Schall,
      Tandaradei!
Sang im Thal die Nachtigall.

  Ich kam gegangen
Zu der Stelle;
Mein Liebster war schon vor mir dort.
  Mich hat empfangen
Mein Geselle,
Daß ich bin selig immerfort.
  Ob er mir [da]1 Küsse bot?
      Tandaradei!
Seht, wie ist mein Mund so roth!

  Da gieng er machen
Uns ein Bette
Aus süßen Blumen mancherlei;
  Des wird man lachen
Noch, ich wette,
So Jemand wandelt dort vorbei
  Bei den Rosen er wohl mag
      Tandaradei!
Merken wo das Haupt mir lag.

  Wie ich da ruhte
Wüst' es Einer,
Behüte Gott, ich schämte mich.
  Wie mich der Gute
Herzte, Keiner
Erfahre das als er und ich,
  Und ein kleines Vögelein
      Tandaradei!
Das wird wohl verschwiegen sein.

Authorship

Based on

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Confirmed with Walther von der Vogelweide übersetzt von Karl Simrock, Leipzig: Verlag von S. Hirzel, pages 154-155.

1 Kienzl: "auch"

Researcher for this text: Sharon Krebs [Guest Editor]

3. Das Lied vom Tannhäuser [sung text checked 1 time]

Nun will ich wallen hin nach Rom,
Gott mög' der Reise walten;
Zum heil'gen Vater, Pabst Urban,
Der mög' meine Seele behalten.

Und als er kam nach Rom hinein
Mit müden, blutenden Füßen,
Da fiel er nieder auf die Knie
Seine Sünden wollt er büssen.

Ach, heil'ger Vater Pabst Urban,
Ich trage Reu im Sinne,
Ich bin gewesen sieben Jahr
Im Berg einer Teufelinne.

Ich habe gesündigt sieben Jahr
Mit Venus, der schönen Frauen,
Nun möcht ich Buß' und Beicht empfahn
Und Gottes Gnade schauen.

Hast du gesündigt sieben Jahr
Im Berg mit Venus, der Frauen,
So wirst du niemals Beicht' empfahn
Noch Gottes Gnade schauen.

Wie dieser Stab in meiner Hand
Nie grünen wird und blühen,
So wahr soll deine Seele auch
In der Hölle ewig glühen.

Tannhäuser ging zur Kirche hinaus,
War traurig ohne Maaßen:
Ich dachte Gott wär' gnädig mir,
Nun muss ich von ihm lassen.

Und als er kam vors Thor hinaus,
Begegnet ihm unsre liebe Fraue:
Behüt dich Gott, du reine Magd.
Dich darf ich nimmer anschauen.

Und als er wieder kam vor den Berg,
Er sah sich um gar weite:
Gott segne die Sonne, Gott segne den Mond,
Dazu meine lieben Freunde!

Tanhäuser ging in den Berg hinein
Frau Venus, die kam ihm entgegen:
Tannhäuser, lieber Tannhäuser mein,
Wo bist du so lange gewesen?

Sie setzt ihn nieder auf einen Stuhl,
Sie wusch ihm die blutigen Füße,
Sie trocknet ihn ab mit ihrem Haar
Und lachte dabei so süße.

Sie kamen aus der Kammer heraus,
Frau Venus mit Lachen und Scherzen;
Tanhäuser sprach kein einzig Wort,
Ließ sich schweigend küssen und herzen.

Um diese Stund' begann in Rom
Der dürre Stab zu grünen,
Und als es zu der Vesper kam,
Da trug er Laub und Blumen.

Der Pabst betrübte sich gar sehr
Betet' und rang die Hände:
Tanhäuser blieb in Frau Venus Berg
Ewiglich ohne Ende.

The text shown is a variant of another text.
It is based on

Researcher for this text: Sharon Krebs [Guest Editor]

4. Die, deren Schoss geboren [sung text checked 1 time]

Die, deren Schoß geboren,
In Wonn und Lust verloren,
Ihr Kind in Armen hält,
Sie gibt dir Preis und Ehren,
Und weint des Dankes Zähren
Dir, Vater aller Welt.

Und, welcher du verneinet
Des Leibes Segen, weinet
Und grämt und härmet sich,
Sie hebt zu dir die Arme
Und betet: ach! erbarme,
Erbarme meiner dich!

Ich Ärmste nur von allen,
In Schuld und Schmach [gefallen]1,
Bin elend grenzenlos;
Ich bete: -- weh mir! -- mache,
Aus Mitleid oder Rache,
Unfruchtbar meinen Schoß.

Authorship

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Available translations, adaptations or excerpts, and transliterations (if applicable):

  • ENG English (Rufus Hallmark) , copyright © 2011, (re)printed on this website with kind permission
  • FRE French (Français) (Pierre Mathé) , copyright © 2011, (re)printed on this website with kind permission

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1 Geisler: "verfallen"

Researcher for this text: Emily Ezust [Administrator]

5. Der junge Lenz ist abgeblüht [sung text checked 1 time]

Der junge lenz ist abgeblüht
verblüht sind veilchen und syringen,
auch sind die schmetterlinge todt,
die einst an ihren kelchen hingen.

Des kirschbaums weisser blütenschnee
ist längst verwelkt und abgefallen,
es füttern ihre jungen schon
die stummgewordnen nachtigallen.

[ ... ]

Dein [herz]1 ist auch dahingeblüht,
es blühte, ach, für einen andern,
verstohlen nur muss ich mit dir
durch diesen süssen sommer wandern.

[ ... ]

[Was]2 ich im ersten kuss verbrach,
wir sühnen es durch einen zweiten:
wie bald ist lenz und leben hin
und alle ihre seligkeiten!

[ ... ]

Authorship

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Note: Geisler capitalizes the nouns; the poet does not.
1 Geisler: "Lenz"
2 Geisler: "Und was"

Researcher for this text: Sharon Krebs [Guest Editor]

6. Des Pfarrers Tochter zu Taubenheim [sung text checked 1 time]

Da drunten auf der Wiesen
Da ist ein kleiner Platz,
Da tät ein Wasser fließen,
Da wächst kein grünes Gras.

Da wachsen keine Rosen
Und auch kein Rosmarein,
Hab ich mein Kind erstochen
Mit einem Messerlein.

Im kühlen Wasser fließet
Sein rosenrotes Blut,
Das Bächlein sich ergießet
Wohl in die Meeresflut.

Vom hohen Himmel sehen
Zwei blaue Äugelein,
Seh ich mein Englein stehen
In einem Sternelein.

Dort droben auf dem Berge
Da steht das hohe Rad,
Will ich mich drunter legen
Und trauern früh und spat.

Hast du mich denn verlassen,
Der mich betrogen hat,
Will ich die Welt verlassen,
Bekennen meine Tat.

Der Leib der wird begraben,
Der Kopf steht auf dem Rad,
Es fressen den die Raben,
Der mich verführet hat.

Authorship

Researcher for this text: Sharon Krebs [Guest Editor]

7. Nirwana [sung text checked 1 time]

Das ist der fahle, schlummernde See,
Aus dem das Leben geronnen,
Mit seinem thränenbeträuften Weh
Und seinen vergänglichen Wonnen.

Ein Traum nur paarte die irdische Pein
Dem traumgeborenen Glücke, --
Und dem es entsprang, das nichtige Sein,
In's Urnichts [rinnt]1 es zurücke.

Gemach ersterben im eisigen All
Des Lichtes zitternde Fluthen;
Die ewigen Götter kommen zu Fall,
Die Sonnenbälle verbluten.

Und bleich verröchelt am Weltensaum
Die fiebernde Episode,
Und einsam klingt im unendlichen Raum
Das Lied vom ewigen Tode.

Authorship

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1 Geisler: "geht"

Researcher for this text: Emily Ezust [Administrator]

8. Waldlied [sung text checked 1 time]

[ ... ]

Voll Gewitterlust
Wirft im Sturme hin
Sein Gewand Merlin,
Daß die Lüfte kühlen,
Blitze ihm bespülen
Seine nackte Brust.

Wurzelfäden streckt
Eiche in den Grund,
Unten saugt versteckt
Tausendfach ihr Mund
Leben aus geheimen Quellen,
Die den Stamm gen Himmel schwellen.

Flattern läßt sein Haar Merlin
In der Sturmnacht her und hin,
Und es sprühn die feurig falben
Blitze, ihm das Haupt zu salben;
Die Natur, die offenbare,
Traulich sich mit ihm verschwisternd,
Tränkt sein Herz, wenn Blitze knisternd
Küssen seine schwarzen Haare. --

Das Gewitter ist vollbracht,
Stille ward die Nacht;
Heiter in die tiefsten Gründe
Ist der Himmel nach dem Streite;
Wer die Waldesruh verstünde
Wie Merlin, der Eingeweihte!

Frühlingsnacht! kein Lüftchen weht,
Nicht die schwanksten Halme nicken,
Jedes Blatt, von Mondesblicken
Wie bezaubert, stille steht.

[ ... ]

Stimmen, die den andern schweigen,
Jenseits ihrer Hörbarkeiten,
Hört Merlin vorübergleiten,
Alles rauscht im vollen Reigen
Denn die Königin der Elfen
Oder eine kluge Norn
Hält, dem Sinne nachzuhelfen,
Ihm ans Ohr ein Zauberhorn.
Rieseln hört er, springend schäumen
Lebensfluten in den Bäumen;
Vögel schlummern auf den Ästen
Nach des Tages Liebesfesten,
[Doch]1 ihr Schlaf ist auch beglückt;
Lauschend hört Merlin entzückt
Unter ihrem Brustgefieder
Träumen ihre künftgen Lieder.
[Klingend strömt des Mondes Licht
Auf die Eich und Hagerose,
Und im Kelch der feinsten Moose
Tönt das ewige Gedicht.]1

Authorship

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1 omitted by Geisler

Researcher for this text: Sharon Krebs [Guest Editor]

9. Abendlied [sung text checked 1 time]

Der Mond ist aufgegangen,
[Die goldnen Sternlein prangen]1
  Am Himmel hell und klar.
Der Wald steht schwarz und schweiget,
Und aus den Wiesen steiget
  Der weisse Nebel wunderbar.

Wie ist die Welt so stille,
Und in der Dämmrung Hülle
  So traulich und so hold!
Als eine stille Kammer,
Wo ihr des Tages Jammer
  Verschlafen und vergessen sollt.

[ ... ]

Gott, laß [uns dein Heil]2 schauen,
Auf nichts Vergänglichs trauen,
  Nicht Eitelkeit uns freun!
Laß uns einfältig werden,
Und vor dir hier auf Erden
  Wie Kinder fromm und fröhlich seyn!

[ ... ]

Authorship

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Available translations, adaptations or excerpts, and transliterations (if applicable):

  • CAT Catalan (Català) (Salvador Pila) , copyright © 2018, (re)printed on this website with kind permission
  • DUT Dutch (Nederlands) [singable] (Lau Kanen) , "Avondlied", copyright © 2006, (re)printed on this website with kind permission
  • ENG English (Emily Ezust) , "Evening Song", copyright ©
  • ENG English (Bertram Kottmann) , "Evening song", copyright © 2006, (re)printed on this website with kind permission
  • FRE French (Français) (Guy Laffaille) , "Chant du soir", copyright © 2010, (re)printed on this website with kind permission
  • ITA Italian (Italiano) (Ferdinando Albeggiani) , "Canto della sera", copyright © 2008, (re)printed on this website with kind permission

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Confirmed with ASMUS omnia sua SECUM portans, oder Sämmtliche Werke des Wandsbecker Bothen, IV. Theil. Beym Verfasser, und in Commißion bey Friedrich Perthes in Hamburg. [1782], pages 91-92; with Poetische Blumenlese für das Jahr 1779. Herausgegeben von Joh. Heinr. Voß. Hamburg, bei Carl Ernst Bohn, pages 184-186; and with Johann Gottfried Herder's Volkslieder. Nebst untermischten andern Stücken. Zweyter Theil. Leipzig, in der Weygandschen Buchhandlung, 1779, pages 297-298.

Note: Herder's Volkslieder prints only the first five stanzas, and Claudius (in his ASMUS complete edition) separates the first five stanzas with three asterisks from the remaining two.

1 This line is a quotation from Paul Gerhardt's 'Nun ruhen alle Wälder' (a text in the same verse form used by Claudius here)
2 Geisler, Gernsheim, Schubert: "dein Heil uns"
3 Claudius (Musenalmanach), Geisler, Gernsheim: "in"
4 Claudius (Musenalmanach): "lieber treuer frommer"

Research team for this text: Emily Ezust [Administrator] , Malcolm Wren [Guest Editor] , Peter Rastl [Guest Editor]