Sechs Gedichte von Chamisso, Geibel, Rückert und Kerner

by Otto Tiehsen (1817 - 1849)

Word count: 774

1. Das Mädchen von Paros [sung text not yet checked]

Denkst du des Abends noch, des hellen,
Da mich der Winde leiser Zug
Sanft über die entschlafnen Wellen
An diese stille Küste trug?
Da ich, ermüdet vom Gewühle,
Das draußen toset früh und spat,
Mit bang sehnsüchtigem Gefühle
Vom hohen Schiff ans Ufer trat?

Wie wehte da vom Bergesgipfel
Ein leiser Hauch willkommner Ruh'!
Wie rauschten der Zypressen Wipfel
Mir den ersehnten Frieden zu!
Die Stadt, von weißem Marmor glänzend,
Das Weinlaub, Fenster und Altan
Mit seinem dichten Grün umkränzend,
Es sah mich so befreundet an.

Die Männer mit gebräunten Zügen,
Sie schienen alter Zeiten Bild;
Und Mädchen wandelten mit Krügen
Zum Brunnen, welcher tönend quillt;
Und Buben schwangen sich im Tanze,
Es floß der Wein, die Zither klang,
Indes die Sonn' in rotem Glanze
Langsam ins goldne Meer versank.

Da sah ich dich zum erstenmale:
Auf hoher Treppe standest du,
Umwölbt vom rankenden Pokale,
Und schautest still dem Reigen zu.
Der Abendröte Strahl umspielte
Dein Haar, zu träumen schien der Blick,
Als ob dein Busen ahnend fühlte
Der ersten Liebe nahes Glück.

Wohl uns! Nun hat das Herz in Wonne
Die Knospenhülle abgestreift;
Nun hat des Südens heißre Sonne
Die Frucht der Liebe schnell gereift.
Wir haben Welt und Grab vergessen,
In ihrem Laufe steht die Zeit,
Und Palmen schatten und Zypressen
Um unsre stille Seligkeit.

Authorship

Confirmed with Emanuel Geibel, Werke, Band 1, Leipzig und Wien, 1918, pages 123-124.


Researcher for this text: Emily Ezust [Administrator]

2. Was ist's, o Vater [sung text not yet checked]

Was [ist's]1, o Vater, was ich verbrach?
Du brichst mir das Herz und fragst nicht darnach.

Ich hab ihm entsagt nach deinem Befehl,
Doch nicht ihn vergessen, ich hab es nicht Hehl.

Noch lebt er in mir, ich [selbst]2 bin tot,
Und über mich schaltet dein strenges Gebot.

[Wann]3 Herz und Wille gebrochen sind
Bittet um eins noch dein armes Kind.

[Wann]3 bald mein müdes Auge sich schließt,
Und Tränen vielleicht das deine vergeißt;

An der Kirchwand dort, beim Hollunderstrauch,
Wo die Mutter liegt, da lege mich auch.

Authorship

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  • ENG English (Rufus Hallmark) , copyright © 2011, (re)printed on this website with kind permission
  • ENG English [singable] (Lewis Novra)
  • ENG English [singable] (Virginia Woods, Mrs. John P. Morgan)
  • FRE French (Français) (Pierre Mathé) , copyright © 2010, (re)printed on this website with kind permission

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1 May: "ist es"; further changes may exist not shown above.
2 de Lange: "selber"
3 Moszkowitz: "Wenn"

Researcher for this text: Peter Donderwinkel

3. Du Ring an meinem Finger  [sung text not yet checked]

Du Ring an meinem Finger,
  Mein [goldnes]1 Ringelein,
Ich drücke dich fromm an die Lippen,
  Dich fromm an das Herze mein.

Ich hatt' ihn ausgeträumet,
  Der Kindheit [friedlich schönen]2 Traum,
Ich fand allein mich, verloren
  Im öden, unendlichen Raum.

Du Ring an meinem Finger,
  Da hast du mich erst belehrt,
Hast meinem Blick erschlossen
  Des Lebens [unendlichen Werth]3.

Ich [werd']4 ihm dienen, ihm leben,
  Ihm angehören ganz,
Hin selber mich geben und finden
  Verklärt mich in seinem Glanz.

Du Ring an meinem Finger,
  Mein [goldnes]1 Ringelein,
Ich drücke dich fromm an die Lippen,
  Dich fromm an das Herze mein.

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  • CAT Catalan (Català) (Salvador Pila) , copyright © 2020, (re)printed on this website with kind permission
  • CHI Chinese (中文) (Mei Foong Ang) , copyright © 2018, (re)printed on this website with kind permission
  • DAN Danish (Dansk) (Maryanna Morthensen) , "Du ring på min finger", copyright © 2014, (re)printed on this website with kind permission
  • DUT Dutch (Nederlands) [singable] (Lau Kanen) , "Jij, ring hier aan mijn vinger", copyright © 2010, (re)printed on this website with kind permission
  • ENG English (Daniel Platt) , "Thou ring on my finger", copyright ©, (re)printed on this website with kind permission
  • ENG English (Kyle Gee) , copyright © 2014, (re)printed on this website with kind permission
  • FRE French (Français) (Pierre Mathé) , "Toi anneau à mon doigt", copyright © 2008, (re)printed on this website with kind permission
  • HEB Hebrew (עברית) (Max Mader) (Tsippora Samberg) , copyright © 2014, (re)printed on this website with kind permission
  • ITA Italian (Italiano) (Amelia Maria Imbarrato) , "Tu anello al mio dito", copyright © 2007, (re)printed on this website with kind permission
  • NOR Norwegian (Bokmål) (Marianne Beate Kielland) , copyright © 2009, (re)printed on this website with kind permission
  • RUS Russian (Русский) (Natalia Vyshynska) , "Ты, кольцо на моём пальце", copyright © 2013, (re)printed on this website with kind permission

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Confirmed with Gedichte von Adelbert von Chamisso, Neunzehnte Auflage (19th edition), Berlin, Weidmannsche Buchhandlung, 1869, pages 11-12.

Modernized spelling would change "Werth" to "Wert"
1 Schumann, Loewe: "goldenes"
2 Loewe: "friedlichen"
3 Schumann: "unendlichen, tiefen Wert"
4 Schumann: "will"

Researcher for this text: Emily Ezust [Administrator]

4. Es kamen grüne Vögelein [sung text not yet checked]

Es kamen grüne Vögelein
Geflogen her vom Himmel,
Und setzten sich im Sonnenschein
In fröhlichem Gewimmel
All an des Baumes Äste,
Und saßen da so feste,
Als ob sie angewachsen sein.

Sie schaukelten in Lüften lau
Auf ihren schwanken Zweigen,
Sie aßen Licht und tranken Thau,
Und wollten auch nicht schweigen.
Sie sangen leise, leise
Auf ihre stille Weise
Von Sonnenschein und Himmelblau.

Wenn Wetternacht auf Wolken saß,
So schwirrten sie erschrocken;
Sie wurden von dem Regen naß,
Und wurden wieder trocken;
Die Tropfen rannen nieder
Vom grünenden Gefieder,
Und desto grüner wurde das.

Da kam am Tag der scharfe Stral,
Ihr grünes Kleid zu sengen,
Und nächtlich kam der Frost einmal
Mit Reif es zu besprengen.
Die armen Vöglein froren,
Ihr Frohsinn war verloren,
Ihr grünes Kleid ward bunt und fahl.

Da trat ein starker Mann zum Baum,
Und hub ihn an zu schütteln,
Vom obern bis zum untern Raum
Mit Schauer zu durchrütteln;
Die bunten Vöglein girrten,
Und auseinander schwirrten;
Wohin sie kamen, weiß man kaum.

Authorship

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Researcher for this text: Harry Joelson

5. Du junges Grün [sung text not yet checked]

Du junges Grün, du frisches Gras!
[Wie]1 manches Herz durch dich genas,
Das von des Winters Schnee erkrankt,
O wie mein Herz nach dir verlangt!

Schon [brichst]2 du aus der Erde Nacht,
Wie dir mein Aug' entgegen lacht! 
[Hier in des Waldes stillem Grund
Drück' ich dich, Grün, an Herz und Mund.]3

[Wie treibt's]4 mich von den Menschen fort!
Mein Leid, das [hebt]5 kein Menschenwort,
Nur junges Grün ans Herz gelegt,
Macht, daß mein Herze stiller schlägt.

Authorship

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  • CAT Catalan (Català) (Salvador Pila) , "Verd primerenc", copyright © 2014, (re)printed on this website with kind permission
  • DUT Dutch (Nederlands) [singable] (Lau Kanen) , "Eerste groen", copyright © 2012, (re)printed on this website with kind permission
  • ENG English (Emily Ezust) , no title, copyright ©
  • FRE French (Français) (Guy Laffaille) , copyright © 2010, (re)printed on this website with kind permission
  • ITA Italian (Italiano) (Amelia Maria Imbarrato) , "Primo verde", copyright © 2006, (re)printed on this website with kind permission

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1 von Wilm: "So"
2 von Wilm: "steigst"; Schumann: "wächst"
3 Linke: "Und hier im stillen Waldesgrund / Drück' ich dich warm an Herz und Mund."
4 von Wilm: "Es treibt"
5 von Wilm: "heilt"

Researcher for this text: Sharon Krebs [Guest Editor]

6. Nun weht auf der Haide [sung text not yet checked]

Nun weht auf der Heide der scharfe Nordost,
am Vordach hangt der Zapfen aus Eis,
die Tannen schütteln sich rings vor Frost,
und Feld und Kirchhof sind silberweiß.
Im Dorf verschneit liegt jeglicher Pfad,
ein Weg nur führet zur Schenke allein,
und geh ich dort grade des Abend spat,
so tret ich hinein:
O mein Käthchen, mein Mädchen, nun bring mir Wein!

O liebes Käthchen, nun sing mir ein Lied
von der sonnigen, wonnigen Frühlingszeit!
Und wenn erst wieder die Schwalbe zieht,
so sollst du schauen, wie hold sich's freit.
Und wenn auf's neu der Winter sich naht,
da schert kein Wind uns von Ost und von West;
am lodernden Herde sitzen wir spat
im traulichen Rest
und küssen uns warm und umschlingen uns fest.

Authorship

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  • ENG English (Sharon Krebs) , "Winter", copyright © 2010, (re)printed on this website with kind permission

Researcher for this text: Emily Ezust [Administrator]