Fünf Gesänge

Song Cycle by Alma Mahler (1879 - 1964)

Word count: 518

1. Hymne [sung text checked 1 time]

Wenige wissen
Das Geheimniß der Liebe,
Fühlen Unersättlichkeit
Und ewigen Durst.
Des Abendmahls
Göttliche Bedeutung
Ist den irdischen Sinnen Räthsel;
Aber wer jemals
Von heißen, geliebten Lippen
Athem des Lebens sog,
Wem heilige Glut
In zitternde Wellen das Herz schmolz,
Wem das Auge aufging,
Daß er des Himmels
Unergründliche Tiefe maß,
Wird essen von seinem Leibe
Und trinken von seinem Blute 
[Ewiglich]1.
Wer hat des irdischen Leibes
Hohen Sinn errathen?
[Wer kann sagen,
Daß er das Blut versteht?
Einst ist alles Leib,
Ein Leib,
In himmlischem Blute
Schwimmt das selige Paar. -

O! daß das Weltmeer
Schon erröthete,
Und in duftiges Fleisch 
Aufquölle der Fels!]2
Nie endet das süße Mahl,
Nie sättigt die Liebe sich.
Nicht innig, nicht eigen genug
Kann sie haben den Geliebten.
Von immer zärteren Lippen
Verwandelt wird das Genossene
Inniglicher und näher.
Heißere Wollust
Durchbebt die Seele,
Durstiger und hungriger
Wird das Herz:
Und so [währet]3 der Liebe Genuß
Von Ewigkeit zu Ewigkeit.
[Hätten die Nüchternen
Einmal [nur]4 gekostet,
Alles verließen sie,
Und setzten sich zu uns
An den Tisch der Sehnsucht,
Der nie leer wird.
[Sie]5 erkennten der Liebe
Unendliche Fülle,
Und priesen die Nahrung
Von Leib und Blut.]6

Authorship

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Confirmed with Novalis Schriften. Herausgegeben von Friedrich Schlegel und Ludwig Tieck. Zweiter Theil. Berlin, 1802. In der Buchhandlung der Realschule, pages 138-140; with Novalis Schriften. Herausgegeben von Ludwig Tieck und Fr. Schlegel. Dritte Auflage. Zweiter Theil. Berlin, 1815. In der Realschulbuchhandlung, pages 29-31; and with Novalis Schriften. Kritische Neuausgabe auf Grund des handschriftlichen Nachlasses von Ernst Heilborn. Erster Theil. 1901. Druck und Verlag von Georg Reimer Berlin, pages 342-343.

First published in Musen-Almanach für das Jahr 1802. Herausgegeben von A. W. Schlegel und L. Tieck. Tübingen, in der Cotta'schen Buchhandlung, 1802, pages 202-204.

1 Schubert: "Ewig, ewiglich"
2 omitted by Diepenbrock
3 Schubert: "währt"
4 inserted by Schubert
5 Schubert (Neue Gesamtausgabe): "Und"
6 omitted by A. Mahler

Research team for this text: Emily Ezust [Administrator] , Peter Rastl [Guest Editor]

2. Ekstase [sung text checked 1 time]

Gott, in deine Himmel sind mir aufgetan,
und deine Wunder liegen vor mir da
Wie Maienwiesen, drauf die Sonne scheint.

Du bist die Sonne, Gott, ich bin bei dir,
Ich seh mich selber in den Himmel gehn.
Es braust das Licht in mir wie ein Choral.

Da breit' ich Wandrer meine Arme aus
und in das Licht verweh ich wie die Nacht,
die in die Morgenrötenblust vergeht.

Authorship

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  • ENG English (Michael P. Rosewall) , "Ecstasy", copyright © 2011, (re)printed on this website with kind permission
  • FRE French (Français) (Guy Laffaille) , "Extase", copyright © 2011, (re)printed on this website with kind permission

Researcher for this text: Emily Ezust [Administrator]

3. Der Erkennende [sung text checked 1 time]

Menschen lieben uns, und unbeglückt
Stehn sie auf vom Tisch, um uns zu weinen.
Doch wir sitzen übers Tuch gebückt
Und sind kalt und können sie verneinen.

Was uns liebt, wie stoßen wir es fort
Und uns Kalte kann kein Gram erweichen.
Was wir lieben, das entrafft ein Ort [Wort],
Es wird hart und nicht mehr zu erreichen.

Und das Wort, das waltet, heißt: Allein,
Wenn wir machtlos zu einander brennen.
Eines weiß ich: nie und nichts wird mein.
Mein Besitz allein, das zu erkennen.

Authorship

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  • ENG English (Laura Prichard) , "Recognition", copyright © 2013, (re)printed on this website with kind permission
  • FRE French (Français) (Guy Laffaille) , "Celui qui sait", copyright © 2011, (re)printed on this website with kind permission
  • ITA Italian (Italiano) (Amelia Maria Imbarrato) , "Colui che sa", copyright © 2010, (re)printed on this website with kind permission

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4. Lobgesang [sung text checked 1 time]

Wie das Meer ist die Liebe,
Unerschöpflich, unergründlich, unermeßlich:
Woge zu Woge stürzend gehoben,
Woge von Woge wachsend verschlungen,
Sturm- und wettergewaltig nun,
Sonneselig nun, willig nun dem Mond
Die unaufhaltsame Fläche,
Doch in der Tiefe stetes wirken
Ewige Ruhe, ungestört,
Unentwirrbar dem irdischen Blick,
Starr verdämmernd in gläsernes Dunkel
Und in der Weite stetes Schweben
Ewiger Regung, ungestillt,
Unabsehbar dem irdischen Blick,
Mild verschwimmend im Licht der Lüfte;
Aufklang der Unendlichkeit
Ist das Meer, ist die Liebe.

Authorship

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  • ENG English (Michael P. Rosewall) , "Song of praise", copyright © 2011, (re)printed on this website with kind permission
  • FRE French (Français) (Guy Laffaille) , "Chant de louange", copyright © 2011, (re)printed on this website with kind permission

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5. Hymne an die Nacht [sung text checked 1 time]

Hinüber wall' ich,
Und jede Pein
Wird einst ein Stachel
Der Wollust seyn.
Noch wenig Zeiten,
So bin ich los,
Und liege trunken
Der Lieb' im Schooß.
Unendliches Leben
Wogt mächtig in mir;
Ich schaue von oben
Herunter nach dir.
An jenem Hügel
Verlischt dein Glanz -
Ein Schatten bringet
Den kühlenden Kranz.
O! sauge, Geliebter,
Gewaltig mich an,
Daß ich entschlummern
Und lieben kann.
Ich fühle des Todes
Verjüngende Flut,
Zu Balsam und Aether
Verwandelt mein Blut -
Ich lebe [bey]1 Tage
[Voll]2 Glauben und Muth,
Und sterbe die Nächte
In heiliger Glut.

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Confirmed with Athenaeum. Eine Zeitschrift von August Wilhelm Schlegel und Friedrich Schlegel. Dritter Band. Berlin, 1800. bei Heinrich Frölich, pages 194-195; with Novalis Schriften. Herausgegeben von Friedrich Schlegel und Ludwig Tieck. Zweiter Theil. Berlin, 1802- In der Buchhandlung der Realschule, pages 90-91; and with Novalis Schriften. Herausgegeben von Ludwig Tieck und Fr. Schlegel. Dritte Auflage. Zweiter Theil. Berlin, 1815. In der Realschulbuchhandlung, pages 7-8.

1 A. Mahler: "die"
2 A. Mahler: "in"

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