Lieder für Kinder

Song Cycle by Johann Adam Hiller (1728 - 1804)

Word count: 6361

1. Zuschrift an ein paar Kinder [sung text checked 1 time]

Ihr fordert hüpfend eine Gabe 
Mir, kleinen Schmeichler, ab? 
Hier habt Ihr alles, was ich habe, 
Und mir die Muse gab. 

Die Muse  --  doch ich hör' Euch fragen, 
Welch Wunderding dieß ist? 
Ich will es im Vertraun Euch sagen, 
So bald ich Euch geküßt. 

Es ist die väterliche Liebe, 
Der jede Liebe weicht, 
Und der bei mir nichts, als die Liebe 
Für Eure Mutter gleicht. 

Sie wird Euch diese Lehren geben, 
Durch Harmonie versüßt; 
Weit kräftiger lehrt Euch ihr Leben, 
Das lauter Wohllaut ist. 

Authorship

Confirmed with Christian Felix Weisse, Kleine lyrische Gedichte, zweiter Band, Carlsruhe: Christian Gottlob Schmieder, 1778, pages 123 - 124. Appears in Lieder für Kinder.


Research team for this text: Bertram Kottmann , Melanie Trumbull

2. Der junge Baum [sung text checked 1 time]

Das liebe kleine Bäumchen hier, 
[Ist, wie man sagt, gleich alt mit mir]1,
Trägt schon so jung und zart 
[Schon]2 Früchte von der besten Art. 

Es lohnt [dem Gärtner, dessen]3 Hand, 
[So vielen Fleiß]4 darauf verwandt:  
[Wie wird es ihn]5 erfreun, 
[Wird es zum Baum]6 erwachsen sein!  

O!  bin ich nicht den Bäumchen gleich? 
Zwar jetzt nur noch an [Blüten]7 reich: 
[Doch gibt mir Gott Gedeih'n: 
So will ich's auch an Früchten sein]8.

Authorship

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Confirmed with Christian Felix Weisse, Kleine lyrische Gedichte, zweiter Band, Carlsruhe: Christian Gottlieb Schmieder, 1778, page 125. Appears in Lieder für Kinder.

1 Hiller: "Das einst gepflanzet ward mit mir"
2 Hiller: "Die"
3 Hiller: "des Gärtners froher"
4 Hiller: "Den Fleiß, den er"
5 Hiller: "Was wird, ihn zu"
6 Hiller: "Es nicht erst einst"
7 Hiller: "Hoffnung"
8 Hiller: "Doch will ich nicht nur blühn, / Nein, einst von goldnen Früchten glühn"

Researcher for this text: Melanie Trumbull

3. Das Veilchen [sung text not yet checked]

Warum, geliebtes Veilchen, blühst
Du so entfernt im Tal?
Versteckst dich unter Blätter, fliehst
Der stolzen Blumenzahl.

Und doch voll Liebreiz duftest du;
Sobald man dich nur pflückt,
Uns süßre Wohlgerüche zu,
Als manche, die sich schmückt.

Du bist der Demut Ebenbild,
Die in der Stille wohnt,
Und den, der ihr Verdienst enthüllt,
Mit frommen Dank belohnt.

Authorship

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Researcher for this text: Emily Ezust [Administrator]

4. Lob der Unschuld [sung text checked 1 time]

Du, der Unschuld süße Ruh',
o wie lieblich schmeichelst du
unser'n Seelen!
Eitle Wollust fleucht vor dir,
und doch lässest du es mir
nicht an Wollust fehlen.

Du streust Rosen und Jasmin
auf die sicher'n Pfade hin,
die ich gehe;
ich bin ganz Zufriedenheit,
wenn ich dich voll Heiterkeit
auf mich lächeln sehe.

Ohne Kummer, ohne Reu'
führst du sie vor mir vorbei,
meine Tage.
Meine Müh' machst du mir leicht,
und in meine Spiele schleicht
sich nicht späte Klage.

Lass mein Herz sich deiner freu'n,
dich noch, werd' ich älter sein,
Freundin nennen.
In dem Unglück tröste mich,
und nie lass mich ohne dich
eine Freude kennen!

Authorship

Researcher for this text: Johann Winkler

5. Der Mai [sung text not yet checked]

Es lächelt aufs neu
Der fröhliche Mai
In buntem festlichen Kleide.
Von Höhen und Tal
Tönt überall
Die süße Stimme der Freude.

In Wiesen und Flur
Giebt uns die Natur
Die schönsten Blumen zu pflücken.
Drum will ich zum Tanz
Mit einem Kranz
Die blonden Haare mir schmucken.

Doch sollt ich nicht den,
Der alles so schön
Erschuf, erst brünstig erheben?
Durch Jubelgesang
Preis ihn mein Dank,
Doch mehr: mein künftiges Leben!

Authorship

Researcher for this text: Emily Ezust [Administrator]

6. Der Tod [sung text not yet checked]

Es sterben Greise
Und sind nicht weise,
Und wenn man sie dereinst begräbt,
Wird sie kein Edler klagen;
Denn man weiß nichts zu sagen,
Als daß sie lang genug gelebt.

Sollt'ich nicht streben,
Also zu leben,
Daß, wenn man mich auch jung begräbt,
Die Frommen mich beklagen,
Und zu einander sagen,
O hätt'er länger doch gelebt!

Authorship

Researcher for this text: Ferdinando Albeggiani

7. Der Apfel [sung text not yet checked]

Als jüngst Hänschen in dem Gras
Sich ein Blumensträuschen las,
Fand er, welch Vergnügen!
Einen Apfel liegen.

Hänschen hüpfte froh daher;
"Ey wie wunderschön ist er!"
Sprach er; "meinem Magen
Soll er wohl behagen."

Voll Begierde biß er zu ...
Hänschen, o was sprudelst du?
Will dem kleinen Gecken
Nicht der Apfel schmecken?

O sprach er: "der Wurm ist drinn!"
Und warf ihn entrüstet hin:
"Eine schöne Lügen
Laß ich mich betrügen!"

Authorship

Researcher for this text: Emily Ezust [Administrator]

8. Die Freiheit [sung text checked 1 time]

Warum, du kleine Nachtigall,
hör' ich nicht deiner Stimme Schall
mehr der Natur zu Ehren?
Du sangst in Sträuchen ja zuvor
so wunderschön, dass aller Vögel Chor
schwieg, wenn du sangst, um dich zu hören.

Im gold'nen Bauer sitzest du;
ich trage dir die Speise zu
schon mit dem früh'sten Morgen.
Kein Sturm und Regen schadet dir;
doch du singst nicht und sitzest traurig hier,
als hättest du recht schwere Sorgen.

Wie, sollt' es dich vielleicht gereu'n,
bei mir hier eingesperrt zu sein?
Da flieg in Freiheit wieder!
O ja! du singst, schon hör' ich dich
vom nächsten Baum, und du belohnest mich
dafür durch deine besten Lieder!

Authorship

Researcher for this text: Johann Winkler

9. Die wahre Größe [sung text checked 1 time]

Der Krieger dürstet nach Ehre
in blutigem Feld
und glaubt, er bau' ihr Altäre,
wenn mancher edle Held
von seinem Schwertstreich fällt.

Und wenn er Länder verwüstet
und Städte verbrannt
und sich auf Leichen gebrüstet
mit blutbespritzter Hand,
wird er oft groß genannt.

Doch wer sich selber bestreitet,
die Tugend verehrt,
um sich das Glücke verbreitet
und durch sein Beispiel lehrt,
ist nur des Namens wert.

Authorship

Researcher for this text: Johann Winkler

10. Schönheit und Stolz [sung text checked 1 time]

Phillis:
Du lobst Chloën, nennst sie schön?
O sieh doch mir erst ins Gesicht!
Wie ich, das musst du mir gesteh'n,
so schön ist Chloë nicht.

Damon:
Ja, Phillis, dass du schöner bist,
gesteh' ich dir gar gerne zu;
doch ist sie nicht so schön, so ist
sie nicht so stolz als du.

Authorship

Researcher for this text: Johann Winkler

11. Das Kartenhäuschen [sung text checked 1 time]

Lacht nur, gute Leute, lacht,
dass mein Haus, das ich gemacht,
eine leichte Luft zerstört.
Ist dies Lachens wert?

O! ihr baut auch oft in Wind!
Sagt, was eure Schlösser sind,
die ihr euch so hoch erbaut,
und mit Stolz beschaut?

Werden sie noch morgen steh'n?
Ja ... vielleicht ... wir wollen seh'n.
Stört nicht oft ein Augenblick
unser ganzes Glück?

Authorship

Researcher for this text: Johann Winkler

12. Der wahre Reichtum [sung text checked 1 time]

Warum durchirrt nach Gut und Geld
der Mensch die fernsten Meere,
als ob für ihn nicht eine Welt
schon groß genug wäre?
Doch wenn er, was er wünscht, besitzt,
so stirbt er, ohne dass er's nützt.

Dies können nicht die Güter sein,
die man sich soll erwerben.
Ein Weiser sammelt Schätze ein,
die nimmer verderben.
Die Tugend ist's; nach dieser Zeit
folgt sie ihm in die Ewigkeit.

Authorship

Researcher for this text: Johann Winkler

13. Der Fisch an der Angel [sung text checked 1 time]

Das kleine Fischchen spielet hier
in silbernem Bach
und hängt voll lüsterner Begier
bloß seinen Freuden nach.

Es merket nicht die blut'ge List,
den freundlichen Feind,
der desto mehr zu fürchten ist,
je gütiger er scheint.

Die Rute mit der Angel spielt
schon über ihm,
und voller Neubegierde schielt
es bloß nach dem Gewinn.

Es naht sich schon ... itzt schnappt es zu!
Was hast du getan?
Du blutest, armes Tierchen du,
O bissest du nicht an! ...

Mich reiße nie, was mir gefällt,
unprüfend dahin!
Dein Beispiel lehre mich, die Welt
und ihre Reizung flieh'n!

Authorship

Researcher for this text: Johann Winkler

14. Die Seifenblase [sung text not yet checked]

Wie [spielt]1 die schöne Blase nicht 
So bunt am goldnen Sonnenlicht?  
Allein, ein Hauch! weg ist die Pracht, 
Und ihrer wird nicht mehr gedacht. 

Ihr ist ein junges Herrchen gleich, 
Stolz auf sein Kleid, von Golde reich, 
Doch von Verstand und Tugend leer:  
Das Kleid ist schön, und sonst nichts mehr.

Authorship

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Confirmed with Christian Felix Weisse, Kleine lyrische Gedichte, dritter Theil, Wien: F. A. Schrämbl, 1793, page 79. Appears in Lieder für Kinder.

1 Hiller: "spielet"; further changes may exist not shown above.

Researcher for this text: Melanie Trumbull

15. Die Mücke [sung text not yet checked]

Des Lichtes Glanz in dunkler Nacht
Reizt einer Mücke Unbedacht:
Sie spielt und nimmt nicht die Gefahr,
Die ihr das Leben kostet, wahr.

O, ladet mich der goldne Schein,
Der Wollust dieses Lebens ein:
So denke stets mein Herz daran,
Wie leicht ihr Reiz verderben kann!

Authorship

Confirmed with Christian Felix Weisse, Kleine lyrische Gedichte, zweiter Band, Carlsruhe: Christian Gottlieb Schmieder, 1778. Appears in Lieder für Kinder, page 141.


Research team for this text: Bertram Kottmann , Melanie Trumbull

16. Die kleinen Leute [sung text not yet checked]

In Lilliput, (ich glaub' es kaum,
Doch Swift erzählt's) gibt's Leute
So groß, als ungefähr mein Daum:
Man denk erst in der Weite! 
Da müssen sie gewiß so klein,
Als bei uns eine Mücke sein. 

O wär ich dort, wie groß wär ich!
Man nennte mich den Riesen,
Und mit den Fingern würd' auf mich,
Wo man mich säh', gewiesen:
Dort, sprächen sie, dort gehet er!
Und vor mir ging das Schrecken her.

Doch, wenn ich nun nicht klüger wär,
Als jetzt, sie aber wären
Gesitteter, verständiger,
Wie?  würden sie mich ehren?
Ich glaube kaum.  Sie würden schrei'n:
Am Leibe groß, am Geiste klein! 

Authorship

Confirmed with Christian Felix Weisse, Kleine lyrische Gedichte, zweiter Band, Carlsruhe: Christian Gottlieb Schmieder, 1778. Appears in Lieder für Kinder, page 140.


Research team for this text: Bertram Kottmann , Melanie Trumbull

17. Die Sonne [sung text checked 1 time]

Gegrüßet seist du, edles Licht, 
O Sonne, die mein Angesicht 
Aufs neu jetzund erhellet! 
Wie groß ist der, der dich gemacht, 
Und deine Majestät und Pracht 
Ans Firmament gestellet! 

Aus deinem Feuermeere fließt 
Die Wärm' in alles, was da ist, 
Ihm Kraft und Glanz zu geben. 
Der Eichbaum und das kleinste Gras 
Empfängt von dir in gleichem Maaß, 
Flor, Wachsthum, Reise, Leben. 

Du bist des frommen Weisen Bild, 
Der stets, mit Menschenlieb' erfüllt, 
Vertheilt, was er besitzet. 
Den Blöden leuchtet sein Verstand,  
Indem die immer offne Hand
Wohlthäthig andern nützet.

Authorship

Confirmed with Christian Felix Weisse, Kleine lyrische Gedichte, zweiter Band, Carlsruhe: Christian Gottlob Schmieder, 1778, pages 143- 144. Appears in Lieder für Kinder.


Researcher for this text: Melanie Trumbull

18. Der Vorsatz [sung text not yet checked]

Weil ich jung bin, soll mein Fleis
Eifrig sich bestreben,
Daß ich mög' einst, als ein Greis,
Recht zufrieden leben.

Zwar will ich mich jugendlich
Meiner Tage freuen;
Doch nicht also, daß es mich
Darf im Alter reuen. 

Authorship

Researcher for this text: Emily Ezust [Administrator]

19. Die Kleiderpracht [sung text not yet checked]

Tulipanen prangen schön
In den Farben, die sie schmücken;
Doch man läßt  sie traurig stehn,
Da die sonst durch nichts entzücken.
 
Aller Kleider Herrlichkeit 
Mag sich auch ein Geck verschaffen;
Man verkennt im bunten Kleid
Doch nicht den geputzten Affen.

Authorship

Researcher for this text: Ferdinando Albeggiani

20. Der Sperling und das Turteltäubchen [sung text not yet checked]

Ich armer Schelm, wie geht es mir!
Du bist geliebt: ich bin verachtet.
Was denkt der Mensch wohl, daß er dir
Weit minder nach dem Leben trachtet?
Bin ich, gesteh'es mir nur zu,
Nicht zehnmal listiger als du?

Authorship

Researcher for this text: Emily Ezust [Administrator]

21. Das Klavier [sung text not yet checked]

Süßertönendes Klavier,
Welche Freuden schafft du mir!
In der Einsamkeit gebricht
Mir es an Ergözen nicht;
Du bist, was ich selber will,
Bald Erweckung und bald Spiel.

Bin ich froh, so tönet mir
Ein scherzhaftes Lied von dir;
Fühl' ich Wehmuth oder Pein,
Klagend stimmst du mit mir ein.
Heb' ich fromme Lieder an,
Wie begeisterst du mich dann! --

Niemals öfne meine Brust
Sich der Lockung falscher Lust!
Meine Freuden müssen rein,
So wie deine Saiten seyn,
Und mein ganzes Leben nie
Ohne süsse Harmonie! 

Authorship

Note: "seyn" is an archaic spelling of "sein" and "öfne", an archaic spelling of "öffne".

Researcher for this text: Emily Ezust [Administrator]

22. Die Freundschaft [sung text checked 1 time]

Der Freund, der mir den Spiegel zeiget,
den kleinsten Flecken nicht verschweiget,
mich freundlich warnt, mich ernstlich schilt,
wenn ich nicht meine Pflicht erfüllt:
Das ist ein Freund,
so wenig er es scheint!

Doch der, der mich stets schmeichelnd preiset,
mir alles lobt, nie was verweiset,
zu Fehlern mir die Hände beut
und mir vergibt, eh' ich bereut:
Das ist ein Feind,
so freundlich er auch scheint!

Authorship

Researcher for this text: Johann Winkler

23. An den Schlaf [sung text not yet checked]

Komm, süßer Schlaf, erquicke mich!
Mein müdes Auge sehnet sich
Der Ruhe zu genießen:
Komm, sanft es zuzuschließen.
 
Wie aber, Freund, o schlössest du
Von nun an es auf ewig zu,
Und diese Augenlieder
Säh'n nie den Morgen wieder?
 
So weiß ich, daß ein schöner Licht
Einst meinen Schlummer unterbricht,
Das ewig, ewig glänzet,
Und keine Nacht begrenzet.

Authorship

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Researcher for this text: Harry Joelson

24. Die Zeit [sung text checked 1 time]

So wie ein Tropfen in dem Bach
folgt in der Zeit
ein Augenblick dem andern nach
ins Meer der Ewigkeit.

Der jetzt noch gegenwärtig war
(schon itzt nicht mehr!),
entflieht für mich auf immerdar
ohn' alle Wiederkehr.

Wie muss mir jeder Augenblick
unschätzbar sein!
Leg' ich ihn ungenützt zurück,
niemals bring' ich ihn ein.

Wie viel verscherzt' ich schon, wie viel!
Sie sind dahin!
Weg Tändelei und Puppenspiel,
da ich kein Kind mehr bin!

Authorship

Researcher for this text: Johann Winkler

25. Die Furcht [sung text checked 1 time]

Hier in diesen dunkeln Sträuchen
will ich, ruhig und allein,
meine Grillen mir verscheuchen
und des Frühlings mich erfreu'n.

Philolele soll mich lehren
alles, was sie singen kann;
und ich stimme ihr zu Ehren
wohl ein munt'res Liedchen an!

Doch was hör' ich sich bewegen?
Ah! was rauscht in Büschen dort? -
Schrecklich rauscht es mir entgegen, -
wär' ich diesesmal nur fort! -

O! ich zitt're! ich vergehe,
weh mir Unglücksel'gem! Weh!
Jetzund kömmt es - ja, ich sehe -
ach! ich seh' - ein kleines Reh!

Authorship

Researcher for this text: Johann Winkler

26. Die Dohle und die Nachtigall [sung text checked 1 time]

Dohle:
Kleiner Schreihals, sage mir,
ei, wie kömmt's, dass Menschen dir
so viel frohen Beifall geben?
Gleichwohl schweigt oft dein Gesang.
Ach, ich schwatze tagelang,
und mich will kein mensch erheben!

Nachtigall:
Kömmt es denn aufs Schwatzen an?
Dem, der niemals schweigen kann,
wird so leicht kein Lob gegeben.
Du sprichst sonder Unterlass
immer das, und eben das,
und das wird kein Mensch erheben.

Authorship

Researcher for this text: Johann Winkler

27. Der Neid [sung text checked 1 time]

Man lobt den kleinen Fritzen sehr,
er sei gehorsam und bescheiden,
verständig, fleißig, lerne mehr
als ich: Ich sollt' ihn wohl beneiden.

Allein was hilft mein Neid mir nun?
Wird er dann weniger erhoben?
Weit besser, es ihm vorzutun!
So muss man mich noch weit mehr loben.

Authorship

Researcher for this text: Johann Winkler

28. Die Eule [sung text not yet checked]

Die Eule scheut das Sonnenlicht,
Und kriecht in finstre Höhlen:
Warum? weil ihre Werke nicht
Den Menschen sich empfehlen.

Mich übereile keine That,
Die ich einst muß bereuen!
Denn wer ein gut Gewissen hat,
Braucht nie den Tag zu scheuen.

Authorship

Available translations, adaptations or excerpts, and transliterations (if applicable):

  • ENG English (Sharon Krebs) , "The owl", copyright © 2013, (re)printed on this website with kind permission

Confirmed with Kleine Lyrische Gedichte von C.F. Weisse, III. Theil, Wien: F.A. Schrämbl, MDCCXCIII (1793), page 101.


Researcher for this text: Sharon Krebs [Guest Editor]

29. Der arme Mann [sung text not yet checked]

Schwester.
 Bruder! sieh den armen Mann
 Doch nicht in der Näh so an!
 Wie verhungert! wie zerrissen!
 Nein, mich schaudert hinzugehn! -
 Aber du? - so mocht ich wissen,
 Was du willst an ihm ersehn!

 
Bruder.
 Laß mich immer naher gehn,
 Und sein ganzes Elend sehn!
 Man lernt nie sein Gluck erkennen,
 Wenn man nicht das Elend kennt,
 Noch für den voll Dank entbrennen,
 Der uns dieses Glück gegönnt.

Authorship

Researcher for this text: Ferdinando Albeggiani

30. Eitle Schönheit [sung text checked 1 time]

Bruder:
O! ich bin doch ein schöner Knabe!
Ja, ja, das ist gewiss!
Der Spiegel, den ich vor mir habe
sagt augenscheinlich dies.
Wie sanft ist mein Gesicht! wie rund!
Die blauen Augen schmachten!
Und dieser kleine rote Mund
ist auch nicht zu verachten.

Sobald ich freundlich lächle, prangen
die Zähn' als Elfenbein,
auf ros- und lilienvollen Wangen
drückt sich ein Grübchen ein.
Und ach! das güld'ne Haar; so soll
ein Paar der schönsten Knaben
(sie hießen Bacchus und Apoll)
sie einst getragen haben.

Schwester:
Mein Lieber Bruder, vor dem Jahre
War ich wie du so schön:
Was hatt'ich da für schwarze Haare?
Du hast sie noch gesehn.
Da lobte jedes dies Gesicht
Bewundernd um die Wette,
Und schwur, es sey kein Mädchen nicht
So schön als Henriette.
 
Allein die Schönheit ist vergangen!
Da kam der Blattern Wuth,
Zerriss  mir diese glatten Wangen,
Löscht'aus  der Augen Gluth.
Doch glaube nicht, das mich's verdiesst:
Nein; es hat mich gelehret,
Daß das nur wahre Schönheit ist,
was keine Zeit zerstöret.

Authorship

Research team for this text: Emily Ezust [Administrator] , Johann Winkler

31. Der Greis [sung text checked 1 time]

Dort fiel ein armer, alter Greis!
Sein Haupt war wie ein Silber weiß,
und ihm versagt' sein zitternd Knie,
und ach! die bösen Knaben die,
wie lachten sie!

Mich dauert dieser gute Mann!
Wer eines Alten spotten kann,
ist der wohl wert, itzt jung zu sein?
Ist der wohl wert, einst alt zu sein?
Wahrhaftig, nein!

Authorship

Researcher for this text: Johann Winkler

32. Der äußerliche Ansehen [sung text checked 1 time]

Unter schön gewachs'nen Bäumen
stand ein nied'rer, krummer Baum;
sie, in ihrer Hoheit Träumen,
gönnten ihm das Leben kaum.
O, kömmt nur der Zimmermann,
sprachen sie, so musst du dran!

Doch schon kömmt er angestiegen -
Wie? was fällt dem Toren ein?
Sie bemerkt er mit Vergnügen,
sollt's auf sie gemünzet sein?
Himmel! alle haut er um;
dieser blieb, denn er war krumm.

O man trotze nicht auf Erden
auf Gestalt und äuß're Pracht:
Das kann oft zum Fall uns werden,
was uns stolz und eitel macht.
Wer nicht sehr ins Auge fällt,
den beneidet nicht die Welt.

Authorship

Researcher for this text: Johann Winkler

33. Der Fleiß [sung text checked 1 time]

Süßer, angenehmer Fleiß!
O wie herrlich ist der Preis,
den er jedem Jüngling beut,
der ihm seine Kräfte weiht!

Wenn die Langeweile gähnt
und sich krank nach Possen sehnt,
hüpft in froher Tätigkeit
die ihm nie zu lange Zeit.

Ja, auf seid'nen Schwingen flieh'n
seine Stunden vor ihm hin;
den verlor'nen Augenblick,
nichts sonst, wünscht er sich zurück.

Er ist stark, gesund und frisch,
Arbeit würzet ihm den Tisch,
und kein kranker Ekel schleicht
sich zu seiner Mahlzeit leicht.

Wenn er winkt, drückt ihm die Ruh'
seine Augen willig zu;
nie hat ihn ein Traum geweckt,
der im Schlummer ihn erschreckt.

Er begegnet allemal
früh dem ersten Sonnenstrahl,
wenn er, munter'm Fleiß geneigt,
von den Bergen niedersteigt.

In der Jahre reifer'n Lauf
suchen Ehr' und Würd' ihn auf;
Glück und Segen warten sein,
um sein Alter zu erfreu'n.

Allerorten trifft er dann
Früchte seiner Arbeit an;
keinen Augenblick der Zeit,
den er nun umsonst bereut.

Auch im Alter, auch als Greis
ist er munter und voll Fleiß.
und ihn trägt kein falscher Stab
an sein ruhig, spätes Grab.

Authorship

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34. Klagelied eines Knaben auf den Tod eines jungen Mädchens [sung text checked 1 time]

Dies bange Klaggetöne,
gilt das Amalien?
Wie, hab' ich nicht die Schöne
vor kurzem noch geseh'n?
O ja, mit ihren Schwestern
ging sie noch ehegestern
zum frohen Tanz
in einem Blumenkranz.

Wie die Orangenblüte,
so glänzt' ihr Angesicht,
und selbst die Rose glühte
darunter schöner nicht;
am Abend von dem Tage
war ihre letzte Klage,
dass ganz und gar
ihr Kranz entblättert war.

Wer hätt' ihr sollen sagen,
dass wir in nächster Nacht
sie würden so beklagen,
wie sie des Kranzes Pracht.
Die Blume - unter allen
die schönste - ist gefallen.
Sie fällt herab,
so früh verwelkt, ins Grab.

Wo seid ihr, süße Rosen,
wo seid ihr hingefloh'n?
Statt euch noch zu liebkosen,
eilt man behend' davon.
Wie schlecht schmückt sie die Seide
von ihrem Sterbekleide!
Und dies ist doch
an ihr das Schönste noch!

Bald wird man den Gebeinen
die letzten Dienste weih'n,
um sie nicht weiter weinen,
und sie vergessen sein!
Ich will ihr Blumen streuen,
so oft sie sich verneuen ...
Doch wer sagt mir,
wie lange bin ich hier?

Authorship

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35. Der Schneemann [sung text checked 1 time]

Der schöne Schneemann - ei wie groß,
ein riesenmäßiger Koloss!
Doch ach! die liebe Sonne scheint,
und er zerrinnt, eh' man's gemeint.

Ihm gleicht ein eitler leerer Kopf.
Von weitem glänzt der arme Tropf;
doch der Verstand beleucht' ihn nur,
so schmilzt die schimmernde Figur.

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36. Das Geschenk [sung text checked 1 time]

Der Bruder an die Schwester:
Sieh! Kann ein Apfel schöner sein?
Ja, Schwester, dies ist Augenweide.
Wie muss nicht sein Geschmack erfreu'n,
macht schon sein Anblick solche Freude.

Sein lieblicher Geruch, wie hold!
In gelben, rot durchstreiften Schalen
glänzt ein Rubin, gefasst in Gold;
kein Maler kann den Apfel malen.

Du möchtest ihn? Ich geb' ihn dir.
Ja, hätt' ich auch noch schön're Sachen!
Schön ist es, glücklich sein, doch mir
ist es weit schöner, glücklich machen.

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37. Der Vorwitz, das Künftige zu wissen [sung text checked 1 time]

Gütig hüllt in Finsternissen
Gott die Zukunft ein;
deutlich sie voraus zu wissen
würde Strafe sein.

Säh' ich Glück auf meinem Wege,
würd' ich stolz mich bläh'n
und leichtsinnig oder träge
meinen Zweck verseh'n.

Säh' ich Unglück, würd' ich zittern,
und die künft'ge Zeit
würde mir das Glück verbittern,
das mich itzt erfreut.

Was ich habe, will ich nützen,
fernen Gram nicht scheu'n,
und, soll ich ein Glück besitzen,
meines Glücks mich freu'n.

Authorship

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38. Unüberlegter Wunsch [sung text checked 1 time]

Der Knabe:
Dies braune Pferd - welch schönes Tier!
O lieber Mann, erlaubet mir,
ein wenig drauf herumzutraben,
was wollt' ich nicht für Freude haben!

Der Mann:
Prüf' deine Kräfte doch zuvor,
eh' du was wünsches, kleiner Tor!
Weißt du ein Pferd auch zu regieren,
um nicht dein Leben zu verlieren?

Authorship

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39. Der Kreisel [sung text checked 1 time]

Mein Kreisel hüpfet froh umher,
wenn ich ihn fleißig treibe,
doch ganz untätig lieget er,
wenn ich in Ruhe bleibe.

Wer stets dem Glück im Schoße ruht,
wird oft zur Tugend träge;
doch wird er tätig, weise, gut,
fühlt er des Unglücks Schläge.

Authorship

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40. Der Seiltänzer [sung text not yet checked]

Ich hab ihn gesehen,
Den künstlichen Mann,
Auf einem Seile gehen,
So gut ichs auf der Ebne kann.
Ich muß wohl sagen,
Das fordert viel Müh:
Doch möchte ich etwas fragen:
Die seltne Kunst - was nützet sie?

Authorship

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41. Das Lamm [sung text not yet checked]

Wie nah, du armes Lämmchen, du,
Wie nahe gehst du mir!
Noch spielst du sorglos und in Ruh,
Und ach! was drohet dir!

Von dem, der dir das Futter giert, 
Glaubst du, er sey dein Freund? --
Dich liebt er, weil er sich nur liebt,
Und ist dein ärgster Feind!

Die rothe Schleife, welche sich
Izt um dein Hälschen schlingt,
Ach! ist das Band, woran man dich
Zum Tode morgen bringt.

Und diese Hand -- mit sanftem Muth 
Wird sie von dir geküßt? 
O! wüßtest du, daß morgen Blut, 
Dein Blut von dieser fließt!

Wohl dir! genieß in Glück und Ruh 
Der kurzen Lebensfrist! 
Was hülf es dir, ach, wüßtest du, 
Was dir beschieden ist!

Authorship

Researcher for this text: Emily Ezust [Administrator]

42. Das größte Glück [sung text checked 1 time]

Von dem Glück sehr große Gaben,
Reichtum, Ehr' und Schätze haben,
dies ist zwar, ich muss gesteh'n,
wünschenswert und wunderschön.

Doch das größte Glück auf Erden,
das uns kann zuteile werden,
ist, des Glücks, des wir uns freu'n,
ja, des größten würdig sein.

Authorship

Researcher for this text: Johann Winkler

43. Ein kleines Unrecht [sung text not yet checked]

Meinen Vetter Christian
Wagt's ein Bienchen einst zu stechen;
Zornig sprach der kleine Mann:
Wart'nur , wart'! ich will mich rächen!
 
Drauf brach er mit kühner Hand,
Von dem nächsten Busche Reiser,
Schlug, und warf mitunter Sand
An der Armen Bienen Häuser.
 
Doch der kleinen Vögel Heer
Lies die Schmach nicht ungerochen:
Alles fiel ihn an, und er
Wurde jämmerlich zerstochen.
 
Vetter, dies war deine Schuld!
Keinem Menschen darfst du's klagen:
Lerne künftig in Geduld
Ein geringes Unrecht tragen!

Authorship

Researcher for this text: Ferdinando Albeggiani

44. Der Mond [sung text checked 1 time]

Wie süß und freundlich lacht
des Monden stille Pracht,
den ich von jener Höh'
heruntersteigen seh'.

Im Feuer seh' ich ihn
auf jenen Bäumen glüh'n,
so wie der Phönix ruht
in seinem Nest voll Glut.

Allein, sein silbern Bild
ist ruhig, lieblich, mild;
er lächelt jedem Ruh'
und süße Stille zu.

Die Weisheit gleichet ihm,
nie wild und ungestüm,
die jedem, der sie liebt,
auch gleiche Sanftmut gibt.

Sein liebreich Angesicht
färbt sich vom Sonnenlicht.
Warum denn? Ohne dies
bedeckt es Finsternis.

So muss der Tugend Schein
der Weisheit Glanz verleih'n;
dich, Weisheit, such' auch ich,
doch, Tugend, bloß durch dich!

Authorship

Researcher for this text: Johann Winkler

45. An die Lerchen [sung text not yet checked]

Himmel! ach, ist das der Dank?
Kann der reizende Gesang,
Den, wenn sich der Lenz verjüngt,
Ihr der frohen Erde bringt,
Euch für diese Wuth nicht bürgen,
Daß die Menschen euch erwürgen?

Arme kleine Lerchen, ach!
Ich, ich fühle eure Schmach:
Fiel' es mir auch zehnmal ein,
Nie will ich so grausam seyn! ---
Doch bald hätt' ich es vergessen,
Daß wir heute Lerchen essen.

Authorship

Researcher for this text: Harry Joelson

46. Der törichte Wunsch [sung text not yet checked]

O!  daß ich nicht ein Vogel bin,
So schnell und federleicht,
Der über Berg und Thäler hin
In Augenblicken streicht! 

Dann flög' ich über Land und See,
Durchreiste jeden Ort,
Wär bald im Thal, bald in der Höh,
Bald hier, bald wieder dort.

Dann sucht' ich stets den Ort mir aus,
Wo Lenz und Sommer blühn,
Und baute mir mein flüchtig Haus  
An schönsten Örtern hin. 

Bald schwäng' ich mit der Lerche Schall
In Lüften mich empor:
Bald schlüg' ich, wie die Nachtigall,
Aus dunkeln Sträuchen vor.

Bald flög' ich, wie ein Adler fliegt,
Doch  --  welch ein Schuß geschah?
O weh!  ein armer Vogel liegt
In seinem Blute da. 

Wohl mir, daß ich kein Vogel bin!
Jetzt würd' ich nicht mehr sein.
Gott dankend, will ich künftighin
Mich meiner Menschheit freun.

Authorship

Confirmed with Christian Felix Weisse, Kleine lyrische Gedichte, zweiter Band, Carlsruhe: Christian Gottlieb Schmieder, 1778. Appears in Lieder für Kinder, drittes Buch, pages 183 - 184.


Research team for this text: Bertram Kottmann , Melanie Trumbull

47. Der Schatten [sung text checked 1 time]

Da läuft mein Schatten vor mir hin;
o seht doch, seht, wie groß ich bin!
Mich wagt man klein zu nennen?
Doch ach! weg war ich! Seh' ich's nicht?
Ein Wölkchen deckt der Sonne Licht.
So kann man sich verkennen!

Der Herr dort, der sich vornehm bläht,
lacht; doch wer weiß, wie's ihm ergeht.
So groß wir ihn itzt nennen,
es nehm' ein ungewisses Glück
den güld'nen Sonnenschein zurück,
so wird man ihn nicht kennen!

Authorship

Researcher for this text: Johann Winkler

48. Die Bienen [sung text checked 1 time]

Tragt nur in die Zellen ein,
kleine Honigsammlerinnen!
Itzt bei warmem Sonnenschein
sucht ihr Schätze zu gewinnen.
Müßiggänger hasst man hier;
Fleiß und Arbeit sind euch Freude,
und das Beste sammelt ihr
auf der blumenvollen Weide.

Wann dann einst der rauhe Nord
über jene Hügel streichet
und der Flora Kinder dort
von der bunten Flur verscheuchet,
dann sitzt ihr in Sicherheit;
voll sind eure Vorratskammern,
und euch lehrt die Dürftigkeit
nicht, vor andern Türen jammern.

Doch ihr sorgt nicht nur für euch;
nein, bei eurem süßen Fleiße
seid ihr auch für and're reich,
dankbegierig, milde, weise.
Ihr verzinst das kleine Haus
reichlich dem, der es erbauet,
und der leiht mit Wucher aus,
der euch in der Teu'rung trauet.

Euer blühendes Geschlecht
möge jährlich sich vermehren,
und das weise Bürgerrecht
nie ein falscher Fremdling stören!
Blumen will ich pflanzen, hier
jedes Blümchens sorgsam schonen,
und ihr sollet mich dafür
einst mit Honigseim belohnen.

Authorship

Researcher for this text: Johann Winkler

49. Der Gehorsam [sung text checked 1 time]

Mein Hündchen ist ein gutes Tier:
Sobald ich rufe, folgt er mir.
Doch kömmt er nich, wenn ich's ihm sage,
so ist er wert, dass ich ihn schlage.

Bestrafet mich mein Vater nun,
will ich nicht seinen Willen tun,
darf ich es denn so übel nehmen? -
Mich würde ja mein Hund beschämen.

Authorship

Researcher for this text: Johann Winkler

50. Die Lieblingsleidenschaft [sung text checked 1 time]

Schwester:
Du kleiner Trommelschläger du,
wann hörst du einmal auf zu schwärmen?
So sitze doch einmal in Ruh'!
Kein Ende hat das stundenlange Lärmen.

Bruder:
Du kleine Puppentändlerin,
du hast auch wohl zu reden Ehre:
Du bringst die Zeit mit Puppen hin,
als ob dies nicht so gut als Trommeln wäre.

Schwester:
Sich zu belustigen ist Pflicht,
doch werd' ich damit niemand plagen.
Für mich schickt sich das Trommeln nicht,
doch Puppenspiel; das musst du selber sagen.

Bruder:
Ich sag', ein's ist das and're wert!
Du bist so klug, als ich mir scheine.
Ein jedes liebt sein Steckenpferd;
die Pupp' ist deins, die Trommel ist das meine.

Authorship

Researcher for this text: Johann Winkler

51. Der Schmetterling [sung text checked 1 time]

O seht den bunten Schmetterling,
welch glänzend allerliebstes Ding!
Wie ist ihm doch geschehen!
Als ich ihn kürzlich noch gesehen,
war es ein kriechend garst'ges Tier,
nur Ekel macht es mir.

Dies soll mir eine Lehre sein,
nie auf den äußerlichen Schein
bloß mein Vertrau'n zu setzen.
Der, den wir itzt verächtlich schätzen,
vielleicht wird das ein größ'rer Mann
als ich nie werden kann.

Authorship

Researcher for this text: Johann Winkler

52. Der Morgen [sung text checked 1 time]

Willkommen, schöner Morgen!
Wie groß ist deine Pracht!
Sie bliebe mir verborgen,
wär' ich nicht früh erwacht.
Lust, Wunder und Entzücken
begegnen meinen Blicken,
wohin ich immer seh'
im Tal und auf der Höh'.

Es glüh'n der Berge Spitzen
von güld'nem Sonnenstrahl;
von Diamanten blitzen
die Pflänzchen überall.
In Luft und auf der Weide
ertönt das Lied der Freude
und weckt in süßem Schall
den dankbar'n Widerhall.

Ihr wisst nicht, reiche Prasser,
was ihr für Glück verschlaft!
Seid eure eig'nen Hasser
und durch euch selbst bestraft!
Verschlaft die schönsten Stunden,
nie sei von euch empfunden,
was diese schöne Welt
für Wunder in sich hält.

Ich will es aber fühlen.
Indem die Weste mir
in Locken lieblich spielen,
sitz' und betracht' ich hier.
Gott! ist mein irdisch Leben
mit so viel Glück umgeben,
was wird der Wohnplatz sein,
der uns dort soll erfreu'n!

Authorship

Researcher for this text: Johann Winkler

53. Das Vogelnest [sung text not yet checked]

Da hab' ich es, das Hänflingsnest! 
Nun ist mir's endlich doch gelungen: 
Das ganze Nest und mit vier Jungen!  --   
Ja sträubt euch nur, ich halt' euch fest.  

Doch hör' ich nicht der Ältern Paar
Mich zwitschernd um Erbarmung flehen?  -- 
Wie?  soll ich diesen Raub begehen?
Ich bin kein Wütrich, kein Barbar.

Wie oft hat mich nicht ihr Gesang,
Lag ich im Grase dort gestrecket,
Zu Harmonie und Lust erwecket,
Und dieß wär nun der ganze Dank?

Ich riß ihr armes Häuschen ab,
Das sie nach Gastrecht mir vertrauet,
Und sich von Moos und Stroh erbauet,
Zu dem ich nicht ein Hälmchen gab.

Wenn eine räuberische Hand
Mich meinen Ältern nun entrissen?
Was würden da für Thränen fliessen!
Wie jammervoll wär unser Stand! 

Nein, liebe Sänger, bleibt in Ruh!
Hier habt ihr eure Kinder wieder:
Vervielfacht singt ihr eure Lieder,  
Mir dann aufs nächste Frühjahr zu.

Authorship

Confirmed with Christian Felix Weisse, Kleine lyrische Gedichte, zweiter Band, Carlsruhe: Christian Gottlieb Schmieder, 1778. Appears in Lieder für Kinder, pages 196 - 197.


Research team for this text: Bertram Kottmann , Melanie Trumbull

54. An die Gesundheit [sung text not yet checked]

Die du sanft und rein mir in Adern fließest,
Heiterkeit und Muth durch mein Herz ergießest,
Zu Geschäften mich stark und fröhlich machst,
Meine Sinnen schärfst, durch Gefühl entzückest,
Für mich Berg und Thal, Wald und Aue schmückest,
Und aus jedem Halm mir entgegen lachst:
 
O Gesundheit! Glück, höchstes Glück der Erden!
Durch dich muß die Welt erst uns reizend werden;
Du bist mehr als Gold, mehr als Kronen werth;
Du vergüldest uns diese Lebenstage,
Würzest unsre Lust, minderst unsre Klage,
Machst die Last uns leicht, die uns oft beschwert!
 
Augen gibst du Gluth, Rosen jungem Wangen,
Schönheit unserm Leib, unsrer Brust Verlangen,
Frohe Thätigkeit unserm Arm und Fuß,
Unsrer Seele Muth, Wahrheit zu ergründen,
Unsern Sinnen Kraft, Schönheit zu empfinden,
Und zum kleinsten Glück fröhlichen Genuß.
 
Möcht' ich immerdar dich wie itzt besitzen,
Und, besitz' ich dich, dich zum Guten nützen,
Deiner mich voll Dank gegen Gott erfreun!
Sollt' ich aber sie einst durch Mißbrauch schänden,
O so nehm' er sie schnell aus meinen Händen!
Krankheit lehrt auch oft Menschen weise seyn.

Authorship

Researcher for this text: Harry Joelson

55. Der Winter [sung text checked 1 time]

Das schöne Jahr ist nunmehr fort,
erstarrt und traurig steh'n die Triften;
es stürmt ein ungestümer Nord
herab aus schwer belad'nen Lüften.
Die Erd' ist eisern; was da lebt,
sucht vor der Kälte Schutz und bebt.

Wohl mir bei dieser rauhen Zeit!
Ich darf vor keiner Kälte beben;
mich schützt mein Dach, mich wärmt mein Kleid,
und Brot und Wein erfreu'n mein Leben.
Auf weichen Betten schließt die Ruh'
mein Aug' in süßen Träumen zu.

Doch wehdem Armen, dem anitzt
das Glück die Notdurft selbst versaget,
den weder Kleid noch Dach beschützt,
der dreist zu betteln sich nicht waget,
den Krankheit hin aufs Lager streckt,
und keine sanfte Feder deckt.

Auf! auf! mein unempfindlich Herz,
mit Hülf' ihm liebreich zuzueilen!
Fühl' seine Notdurft, seinen Schmerz,
um mit ihm, was du hast, zu teilen!
Wer seiner Brüder Not vergisst,
verdient nicht, dass er glücklich ist.

Authorship

Researcher for this text: Johann Winkler

56. Der Aufschub [sung text checked 1 time]

Morgen! Morgen! nur nicht heute!
sprechen immer träge Leute.
Morgen! Heute will ich ruh'n!
Morgen jene Lehre fassen,
morgen diesen Fehler lassen,
morgen dies und jenes tun!

Und warum nicht heute? Morgen
kannst du für was and'res sorgen!
Jeder Tag hat seine Pflicht.
Was gescheh'n ist, ist geschehen;
dies nur kann ich übersehen.
Was gescheh'n kann, weiß ich nicht.

Wer nicht fortgeht, geht zurücke.
Uns're schnellen Augenblicke
geh'n vor sich, nie hinter sich.
Das ist mein, was ich besitze,
diese Stunde, die ich nütze;
die ich hoff', ist die für mich?

Jeder Tag, ist er vergebens,
ist im Buche meines Lebens
nichts, ein unbeschrieb'nes Blatt!
Wohl denn! Morgen so wie heute
steh' darin auf jeder Seite
von mir eine gute Tat.

Authorship

Researcher for this text: Johann Winkler

57. An einen Bach [sung text checked 1 time]

Sanfter Bach, der hier unter Sträuchen
Lieblich mir zu Füßen fließt!
Möchte dir stets mein Leben gleichen,
Das noch itzt dir ähnlich ist!
 
Wenn in dir gleich kein Goldsand fließet,
Und sich keine Perle nährt:
O! in dir, wo du schleichst, ergießet
Segen sich von höher'm Werth.
 
Mußt du oft dich durch Ufer drängen,
Schmiegend findest du doch Bahn,
Und du triffst auch in krümmsten Gängen
[Blumen]1, die dir lächeln, an.
 
Ungetrübt schlüpft die kleine Welle,
Reinem Silber gleich, daher;
Rein kam sie aus der ersten Quelle,
Rein fließt sie auch in das Meer.

Authorship

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1 Hiller: "Blümchen"

Research team for this text: Harry Joelson , Johann Winkler

58. Die Schamröte [sung text checked 1 time]

Was heißt das Rot, das mein Gesicht
auf einmal überzieht?
Frei aufzusehen wag' ich nicht,
und meine Wange glüht!

Vielleicht bin ich itzt in Gefahr,
was Böses zu begeh'n,
und mein Gewissen nimmt es wahr
und warnt, mich vorzuseh'n.

Die Warnung fordert Wachsamkeit!
Ich folg' ihr, weil ich kann,
und bin in meiner Seel' erfreut,
wenn ich noch helfen kann.

O Farbe meiner Unschuld, blüh',
blüh' und verwelke nicht!
Die Lust zur Sünde wische nie
dich mir vom Angesicht!

Authorship

Researcher for this text: Johann Winkler

59. Die Rosenknospe [sung text checked 1 time]

Du süße, schöne Rose du!
Mit Lust betracht' ich dich!
Halb aufgeblüht und halb noch zu,
ach! lächelst du auf mich!

Vom Tau gebadet stehst du hier,
frisch, glänzend, lieblich, schön!
Die schlauen Weste schmeicheln dir,
indem sie sanfter weh'n.

Doch traue nicht! ach! öffne nicht
dich ihren Schmeichelei'n!
Der Tag steigt auf, sein brennend Licht
wird dein Verderben sein!

Im Morgen meiner Lebenszeit
blüh' ich, der Knospe gleich;
noch ist mein Herz von Fröhlichkeit
und süßen Wünschen reich.

Doch öffn' ich dieses der Begier,
der Wollust falschem Schmerz,
so trifft mich ihre Glut, in ihr
verwelkt ein junges Herz.

Authorship

Researcher for this text: Johann Winkler

60. Das Vergnügen, wohl zu tun [sung text not yet checked]

Der arme Mann!  die Gabe,
Die ich gegeben habe,
Was bringt sie mir für Seligkeit!   
Mein Herz fühl' ich erweitert,
Und meine Stirn' erheitert
Von himmlischer Zufriedenheit. 

Sein Auge floß von Zähren,
Den Dank mir zu gewähren,
Schien jeder Ausdruck ihm zu schwach:
Mir drückt er mit Entzücken
Die Hand, und sah mit Blicken
Der Wehmuth unverwandt mir nach. 

Ist Mitleid mit dem Armen
Und Wohlthun und Erbarmen
Mit so viel reiner Lust verwandt:
So sei in meinem Leben
Mir oft dieß Glück gegeben,
Und immer offen meine Hand!  

Authorship

Confirmed with Christian Felix Weisse, Kleine lyrische Gedichte, zweiter Band, Carlsruhe: Christian Gottlieb Schmieder, 1778. Appears in Lieder für Kinder, drittes Buch, page 210.


Researcher for this text: Melanie Trumbull

61. Auf ein paar von der Katze erwürgte Lachtauben [sung text not yet checked]

Du [falsche, böse Kaze]1,
Was hast du mir gethan!
O! daß ich dir die Taze
Nicht gleich verschneiden kann!
Die Täubchen, meine Freude,
Die mir stets vorgelacht,
Hast du mir alle beyde
So grausam umgebracht!

Gut; Du sollst mir bezahlen!
Ich will nicht ruhig seyn:
Die allerärgsten Quaalen
Sind noch für dich zu klein.
Nahst du dich meinem Schoose
Unh kömmst und schmeichelst mir:
So peitsche, schlage, stose
Ich ganz gewiß nach dir. 

Authorship

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1 Hiller: "böse falsche Katze"; further changes may exist not noted above.

Researcher for this text: Emily Ezust [Administrator]

62. An die Bücher [sung text not yet checked]

Wie lieb' ich euch, die ihr in schönen Bänden
Mein buntes Bücherschränkchen schmückt,
Bey denen mir so lieblich untern Händen
Die lange Zeit schnell weiter rückt!
Hier find' ich Lust bey Unterricht:
Ich läs' euch, war' es auch nicht Pflicht.
 
Ihr lehret mich, was nöthig ist, zu wissen;
Durch euch wird fremde Weisheit mein;
Ihr leuchtet mir in meinen Finsternissen,
Und ladet mich zur Wahrheit ein;
Ihr tragt mich in die Zukunft hin,
Und zeigt mir, was, warum ich bin.
 
Bald führt ihr mich zurück in graue Zeiten:
Da flieg' ich über Land und Seen,
Seh' Reiche hier entspringen, sich verbreiten,
Blühn, sinken, wieder untergehn;
Seh' Menschen, die vom Anfang an
Sich gleich in Gut und Bösem sahn.
 
Bald führt ihr mich in die geheimsten Gründe
Der wunderthätigen Natur;
In Stäubchen, wie in Welt und Sonnen, finde
Ich eines weisen Schöpfers Spur;
Vom Wurm, den ich kaum sehen kann,
Steig' ich zur Gottheit selbst hinan.
 
Und les' ich euch, ihr Dichter ew'ger Lieder,
Die ihr so schön die Tugend singt,
Und Adlern gleich mit heiligem Gefieder
Euch von der Erd' am Himmel schwingt;
So öffnet sich mein Herz und Ohr,
Und ihr hebt mich mit euch empor .
 
Ja, Bücher, ihr sollt meine Freude bleiben ,
Gesellschaft mir und Spielwerk seyn,
Die lange Zeit mir ohne Reu vertreiben,
Und mir Geschmack und Licht verleihn!
Wie dank' ich dem, der euern Werth,
Und euch zu brauchen, mich gelehrt!

Authorship

Researcher for this text: Harry Joelson

63. Auf das Bildnis einer geliebten Mutter [sung text not yet checked]

    Dieß ist sie, meine liebe Mama!
So zärtlich lächelnd steht sie da,
Belohnt sie meinen Morgengruß
Mit einem liebesvollen Kuß.
 
     Schön bist du, Bildchen, sprächest du nur!
Weit schöner ist doch die Natur:
Ich seh' die Kunst, ein- zwey- dreimal,
Und eile zum Original.

Authorship

Available translations, adaptations or excerpts, and transliterations (if applicable):

  • ENG English (Sharon Krebs) , "On the portrait of a beloved mother", copyright © 2010, (re)printed on this website with kind permission

Researcher for this text: Harry Joelson

64. Das Rotkehlchen [sung text not yet checked]

So seh' ich euch denn all' entweichen,
Ihr lieben kleinen Sänger, ihr! 
Nur du, du zwitscherst noch in den entlaubten Sträuchen, 
Du, Vögelchen mit rothem Kehlchen, mir!

O! fliehe jene schwarze Beeren,
Die dir der wilde Knabe hängt; 
Und könntest du dich ja des Hungers nicht erwehren, 
So komm' zu dem, der wirthlich dich empfängt.

Komm' du zu mir! Du bist bescheiden,
Und wirst mit nicht beschwerlich seyn: 
An meinem Tische sollst du keinen Mangel leiden, 
Mit voller Hand will ich dir Krümchen streun.

Du sollst umher in Freyheit hüpfen, 
Muthwillig nie gejagt von mir: 
Frey durch das Labyrinth von Tisch und Stühlen schlüpfen; 
Ein Tannenreis grün' auch im Winter dir!

So lang' die finstern Tage währen, 
Soll mich dein stilles Lied erfreun; 
Und Deine Munterkeit und Gnügsamkeit mich lehren, 
Mit Wenigem, wie du, vergnügt zu seyn.

Authorship

Researcher for this text: Emily Ezust [Administrator]

65. Die Vorsicht [sung text not yet checked]

Ein junges, muthigs Roß,
Dem Arbeit nicht so wohl gefiel,
Als Freiheit, Müssiggang und Spiel,
Riß sich von seinem Joche los,
Und floh davon auf grüne Weiden: 
O!  welche Freuden! 

Der Lenz und Sommer strich
In frohem Müssiggange hin,
Ihm kam die Zukunft nicht in Sinn: 
Er lebte jetzt und freute sich;
Allein der Winter nahm die Freuden
Den grünen Weiden.

Die Wiesen wurden leer! 
In Lüften stürmt ein rauher Nord:
Das Pferdchen floh von Ort' zu Ort,
Und fand kein Dach, kein Futter mehr:
Jetzt warf es ängstlich seine Blicke
Auf sich zurücke. 

Ich Thor!  rief es, ach!  ach! 
Hätt' ich die kurze schöne Zeit
Das bisschen Arbeit nicht gescheut!
Jetzt hätt' ich Haber, Heu und Dach.
Wie schändlich!  für so kurze Freuden
So lang' zu leiden!  

Authorship

Confirmed with Christian Felix Weisse, Kleine lyrische Gedichte, zweiter Band, Carlsruhe: Christian Gottlieb Schmieder, 1778. Appears in Lieder für Kinder, drittes Buch, pages 216 - 217.


Research team for this text: Bertram Kottmann , Melanie Trumbull

66. Falsches und wahres Lob [sung text not yet checked]

Wer mich sieht, sagt mir ins Gesicht:
Seht doch, seht! Wird das Mädchen  (der Knabe) nicht
Täglich hübscher, täglich größer?
Gut, ganz gut! Es kann möglich seyn!
Aber mich würd'es mehr erfreun,
Spräch'man: täglich wird sie (er) besser!
 
Wachs'ich denn nach Gefallen auf?
Größer macht mich der Jahre Lauf,
Besser mach'ich mich alleine.
Sagt, das dies ich geworden sey!
Stimmt mein Herz dann dem Lobe bey:
Süßes Lob! Dann bist du meine.

Authorship

Researcher for this text: Ferdinando Albeggiani

67. An einen Baum im Herbste [sung text not yet checked]

     So wird denn deines Hauptes Zier,
Du schöner Baum, der Zeit zum Raube!
Mein leichter Fuß rauscht unter dir
Schon in dem abgefallnen Laube,
Und was noch nicht herunter fiel,
Hängt bleich und welk, der Winde Spiel.
 
     Mit Ehren neigst du dich zur Ruh;
Denn schön und nutzbar war dein Leben.
Wie manche süße Frucht hast du
Mir und den Meinigen gegeben!
Wie oft gab uns dein Schattendach
Erquickung, wenn die Sonne stach!
 
     Heil mir! ruft mich einst, ähnlich dir,
Des Lebens später Herbst zum Grabe,
Und nehm' ich auch den Ruhm mit mir,
Daß ich viel Frucht getragen habe,
Daß ich nach Kräften jedermann
Genutzt , gedient und wohlgethan!

Authorship

Researcher for this text: Harry Joelson

68. Die Spinne [sung text not yet checked]

  Kunstvolle Weberin, die ich 
Hier so geschäfftig finde; 
Wie wunderbar ergötzet mich 
Dein künstliches Gewinde! 
Die Fäden -- o! so zart spinnt sie 
Die feinste Hand am Rädchen nie! 
Wie sanft ! wie gleich sie fliessen! 
Wie richtig sie sich schliessen! 

  Sey ruhig unter meinem Tisch! 
Nie soll's die Köchinn wagen 
Und dich mit ihrem Flederwisch 
Aus deinen Zirkeln jagen! 
Hier will ich deine Wunder sehn, 
Und sorgsam nach der Ursach' spähn, 
Was du dabey gewinnest, 
Daß du so künstlich spinnest, - - - 

  Was seh' ich? eine Fliege fieng
Sich itzt in den Geweben!
Sie kämpft: du hascht das arme Ding
Und raubt ihr kleines Leben!
Geht deine Kunst auf Mordbegier?
Fort! sie gilt weiter nichts bey mir!
Was heißt es, Kunst und Gaben
Zu böser Absicht haben?

Authorship

Available translations, adaptations or excerpts, and transliterations (if applicable):

  • ENG English (Sharon Krebs) , copyright © 2018, (re)printed on this website with kind permission

Confirmed with Kleine Lyrische Gedichte von C.F. Weiße, Zweyter Band, Carlsruhe: bey Christian Gottlieb Schieder, 1778, pages 220-222


Researcher for this text: Sharon Krebs [Guest Editor]

69. Brüderliche Eintracht [sung text not yet checked]

Bruder und Schwester.
Bruder.
 Sieh, Schwesterchen, wie sich die Täubchen lieben! 
 Sie folgen stets einander Schritt vor Schritt: 
 Was dieß betrübt, scheint jenes zu betrüben, 
 Wann sich dieß freut, erfreut sich jenes mit: 
 Dieß müssen wohl Geschwister seyn, 
 Denn ihre Lieb' ist ungemein!

Schwester.
 Sieh', Brüderchen! den Weinstock mit den Reben, 
 Wie sich sein Arm um jenes Bäumchen schlingt! 
 Sie scheinen für einander nur zu leben, 
 Die Rebe, die du ihm entreissest, sinkt:
 Dieß müssen auch Geschwister seyn.
 Denn ihre Lieb' ist ungemein!

Der Bruder.
 Sie sinds gewiß: denn lieben wir uns beyde 
 Nicht eben so? du weißt, was du mir bist! 
 Find' ich dich nicht, so hab' ich keine Freude, 
 Und Glück ist da, wo Henriettchen ist. 
 So zärtlich, unverfälscht und rein, 
 Kam keine Lieb', als unsre seyn.

Schwester.
 Mein Brüderchen, der süsseste Gespiele 
 Bist du mir zwar: doch lieb' ich dich nicht nur 
 Darum allein: nein; was ich für dich fühle 
 Ist mehr, als dieß, ist Neigung und Natur. 
 So unverfälscht, so zart und rein 
 Kann keine Lieb', als unsre seyn.

Beyde.
 O! laß uns stets von dieser Freundschaft brennen, 
 Gefällig, treu, einträchtig, zärtlich seyn! 
 Nie möge Neid, noch Eigennuz uns trennen: 
 Ein jedes Glück, das kömmt, sey mein und dein! 
 Wo Herzen in Verbindung stehn:
 Da ist erst Blutsverwandtschaft schön.

Authorship

Researcher for this text: Emily Ezust [Administrator]

70. Ein paar Kinder an ihre Mutter, bei derselben Geburtstage [sung text not yet checked]

Beste Freundinn, deren Leben,
Unsers Lebens Ursprung ist:
Dich hat uns der Tag gegeben:
Tausendmal sey er gegrüßt!

Welche Mutter schenkt' uns beyden,
Nicht der Himmel dann in Dir!
Fürstenkinder haben Freuden,
Aber lange nicht, wie wir!

Wären, ihrem Wunsch zu dienen,
Tausend Hände stets bereit!
Wir vertauschten nicht mit ihnen
Deine treue Zärtlichkeit.

Authorship

Researcher for this text: Emily Ezust [Administrator]

71. Ermahnung an zwei Kinder [sung text checked 1 time]

Süßes Mädchen, holder Knabe,
spielt nur, spielt in meinem Schoß!
Wenn ich euch in Armen habe,
bin ich wie ein König groß.
Euer Stammeln, euer Lallen
ist für mich Beredsamkeit,
euer Wunsch, mir zu gefallen,
Wollust und Zufriedenheit.

Wenn mich eure Händchen streicheln,
sanft mir euer Auge lacht,
o, so hab' ich auf das Schmeicheln
einer ganzen Welt nicht Acht!
Gern misch' ich in eure Spiele
mich mit froher Nachsicht ein.
O des Glücks, dass ich dann fühle,
wieder einmal Kind zu sein.

Ja, geliebte, zarte Beide,
tausendmal umarm' ich euch!
Immerdar sei eure Freude
eurer itz'gen Freude gleich!
Unschuld wohn' in euern Herzen,
keine Bosheit komm' in sie!
Ihr könnt singen, tanzen, scherzen,
nur verscherzt die Tugend nie!

Authorship

Researcher for this text: Johann Winkler