Das holde Bescheiden: Lieder und Gesänge nach Gedichten von Eduard Mörike

by Othmar Schoeck (1886 - 1957)

Word count: 4821

1. Widmung [sung text not yet checked]

Die kleine Welt, mit deren Glanzgesalten
Der Dichter kämpft, bis ihren Überdrang
Er lieblich schlichtend in dem Liede zwang, 
Sie will ihr buntes Bild vor Dir enfalten.

Getrau ich mich ein Auge festzuhalten, 
Das, der Geschichte Sternenhöhn entlang, 
Von wo die vollen Sonnenkräfte Walten?

Zwar mag die Muse mit der Weisheit streiten, 
Wer Mutter und wer Tochter sei von beiden, 
Doch hat dies Paar mein leichtes Lied gesegnet?

Verstatte denn, dass nach des Tags Beschwerden
Ein flücht'ger Hauch aus jenen Wundergärten
Melodisch, kaum vernommen, dir begegnet!

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2. An einem Wintermorgen, vor Sonnenaufgang [sung text not yet checked]

O flaumenleichte Zeit der dunkeln Frühe!
Welch neue Welt bewegest du in mir?
Was ist's, daß ich auf einmal nun in dir
Von sanfter Wollust meines Daseins glühe?

Einem Kristall gleicht meine Seele nun,
Den noch kein falscher Strahl des Lichts getroffen;
Zu fluten scheint mein Geist, er scheint zu ruhn,
Dem Eindruck naher Wunderkräfte offen,
Die aus dem klaren Gürtel blauer Luft
Zuletzt ein Zauberwort vor meine Sinne ruft.

Bei hellen Augen glaub ich doch zu schwanken;
Ich schließe sie, daß nicht der Traum entweiche.
Seh ich hinab in lichte Feenreiche?
Wer hat den bunten Schwarm von Bildern und Gedanken
Zur Pforte meines Herzens hergeladen,
Die glänzend sich in diesem Busen baden,
Goldfarbgen Fischlein gleich im Gartenteiche?

Ich höre bald der Hirtenflöten Klänge,
Wie um die Krippe jener Wundernacht,
Bald weinbekränzter Jugend Lustgesänge;
Wer hat das friedenselige Gedränge
In meine traurigen Wände hergebracht?

Und welch Gefühl entzückter Stärke,
Indem mein Sinn sich frisch zur Ferne lenkt!
Vom ersten Mark des heutgen Tags getränkt,
Fühl ich mir Mut zu jedem frommen Werke.
Die Seele fliegt, so weit der Himmel reicht,
Der Genius jauchzt in mir! Doch sage,
Warum wird jetzt der Blick von Wehmut feucht?
Ist's ein verloren Glück, was mich erweicht?
Ist es ein werdendes, was ich im Herzen trage?

- Hinweg, mein Geist! hier gilt kein Stillestehn:
Es ist ein Augenblick, und alles wird verwehn!

Dort, sieh, am Horizont lüpft sich der Vorhang schon!
Es träumt der Tag, nun sei die Nacht entflohn;
Die Purpurlippe, die geschlossen lag,
Haucht, halbgeöffnet, süße Atemzüge:
Auf einmal blitzt das Aug, und, wie ein Gott, der Tag
Beginnt im Sprung die königlichen Flüge!

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3. Gesang zu zweien in der Nacht [sung text not yet checked]

Sie 
 [Wie]1 süß der Nachtwind nun die Wiese streift, 
 Und klingend jetzt den jungen Hain durchläuft! 
 Da noch der freche Tag verstummt, 
 Hört man der Erdenkräfte flüsterndes Gedränge, 
 Das aufwärts in die zärtlichen Gesänge 
 Der reingestimmten Lüfte summt. 

Er
 Vernehm ich doch die wunderbarsten Stimmen, 
 Vom lauen Wind wollüstig hingeschleift, 
 Indes, mit ungewissem Licht gestreift, 
 Der Himmel selber scheinet hinzuschwimmen. 

Sie: 
 Wie ein Gewebe zuckt die Luft manchmal, 
 Durchsichtiger und heller aufzuwehen; 
 Dazwischen hört man weiche Töne gehen 
 Von selgen Feen, die im blauen Saal 
 Zum Sphärenklang, 
 Und fleißig mit Gesang, 
 Silberne Spindeln hin und wieder drehen. 

Er
 O holde Nacht, du gehst mit leisem Tritt 
 Auf schwarzem Samt, der nur am Tage grünet, 
 Und luftig schwirrender Musik bedienet 
 Sich nun dein Fuß zum leichten Schritt, 
 Womit du Stund um Stunde missest, 
 Dich lieblich in dir selbst vergissest. 
 Du schwärmst, es schwärmt der Schöpfung Seele mit!

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  • ENG English (Emily Ezust) , "Song of two in the night", copyright ©
  • FRE French (Français) (Stéphane Goldet) (Pierre de Rosamel) , "Chant à deux voix dans la nuit", copyright © 2012, (re)printed on this website with kind permission

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1 Huber: "Wo"; further changes may exist not noted above.

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4. Am Walde [sung text checked 1 time]

Am Waldsaum kann ich lange Nachmittage,
Dem Kuckuck horchend, in dem Grase liegen;
Er scheint das Tal gemächlich einzuwiegen
Im friedevollen Gleichklang seiner Klage.

Da ist mir wohl, und meine schlimmste Plage,
Den Fratzen der Gesellschaft mich zu fügen,
Hier wird sie mich doch endlich nicht bekriegen,
Wo ich auf eigne Weise mich behage.

Und wenn die feinen Leute nur erst dächten,
Wie schön Poeten ihre Zeit verschwenden,
Sie würden mich zuletzt noch gar beneiden.

Denn des Sonetts gedrängte Kränze flechten
Sich wie von selber unter meinen Händen,
Indes die Augen in der Ferne weiden.

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  • ENG English (Sharon Krebs) , "By the forest", copyright © 2008, (re)printed on this website with kind permission
  • FRE French (Français) (Pierre Mathé) , "En forêt", copyright © 2009, (re)printed on this website with kind permission

Research team for this text: Emily Ezust [Administrator] , Sharon Krebs [Guest Editor]

5. An Philomele [sung text checked 1 time]

Tonleiterähnlich steiget dein Klaggesang
Vollschwellend auf, wie wenn man Bouteillen füllt:
    Es steigt und steigt im Hals der Flasche -
        Sieh, und das liebliche Naß schäumt über.

O Sängerin, dir möcht ich ein Liedchen weihn,
Voll Lieb und Sehnsucht! aber ich stocke schon;
    Ach, mein unselig Gleichnis regt mir
        Plötzlich den Durst und mein Gaumen lechzet.

Verzeih! im Jägerschlößchen ist frisches Bier
Und Kegelabend heut: ich versprach es halb
    Dem Oberamtsgerichtsverweser,
        Auch dem Notar und dem Oberförster.

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  • ENG English (Peter Palmer) , "To Philomele", copyright © 2009, (re)printed on this website with kind permission
  • FRE French (Français) (Pierre Mathé) , "À Philomèle", copyright © 2017, (re)printed on this website with kind permission

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6. Auf der Teck (Rauhe Alb) [sung text not yet checked]

Hier ist Freude, hier ist Lust,
Wie ich nie empfunden!
Hier muß eine Menschenbrust
Ganz und gar gesunden!

Laß denn, o Herz, der Qual
Froh dich entbinden,
Wirf sie ins tiefste Tal,
Gib sie den Winden!

Mag da drunten jedermann
Seine Grillen haben:
Wer sich hier nicht freuen kann,
Lasse sich begraben!

Laß denn, o Herz, der Qual
Froh dich entbinden!
Wirf sie ins tiefste Tal,
Gib sie den Winden!

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  • FRE French (Français) (Pierre Mathé) , copyright © 2019, (re)printed on this website with kind permission

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7. Das Mädchen an den Mai [sung text checked 1 time]

Es ist doch im April fürwahr
Der Frühling weder halb noch gar;
Komm, Rosenbringer, süßer Mai,
Komm du herbei,
So weiß ich, was der Frühling sei!

- Wie aber? soll die erste Gartenpracht,
Narzissen, Primeln, Hyazinthen,
Die kaum die hellen Augen aufgemacht
Schon welken und verschwinden?
Und mit euch besonders, holde Veilchen,
Wär' es dann fürs ganze Jahr vorbei?
Lieber, lieber Mai,
Ach, so warte noch ein kleines Weilchen!

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8. Im Park [sung text not yet checked]

Sieh, der Kastanie kindliches Laub hängt noch wie der feuchte
    Flügel des Papillons, wenn er die Hülle verließ;
Aber in laulicher Nacht der kürzeste Regen entfaltet
    Leise die Fächer und deckt schnelle den luftigen Gang.
- Du magst eilen, o himmlischer Frühling, oder verweilen,
    Immer dem trunkenen Sinn fliehst du, ein Wunder, vorbei.

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  • ENG English (Peter Palmer) , "In the park", copyright © 2009, (re)printed on this website with kind permission

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9. Mein Fluß [sung text not yet checked]

O Fluß, mein Fluß im Morgenstrahl!
Empfange nun, empfange
Den sehnsuchtsvollen Leib einmal,
Und küsse Brust und Wange!
- Er fühlt mir schon herauf die Brust,
Er kühlt mit Liebesschauerlust
Und jauchzendem Gesange.

Es schlüpft der goldne Sonnenschein
In Tropfen an mir nieder,
Die Woge wieget aus und ein
Die hingegebnen Glieder;
Die Arme hab ich ausgespannt,
Sie kommt auf mich herzu gerannt,
Sie faßt und läßt mich wieder.

Du murmelst so, mein Fluß, warum?
Du trägst seit alten Tagen
Ein seltsam Märchen mit dir um,
Und mühst dich, es zu sagen;
Du eilst so sehr und läufst so sehr,
Als müßtest du im Land umher,
Man weiß nicht wen, drum fragen.

Der Himmel, blau und kinderrein,
Worin die Wellen singen,
Der Himmel ist die Seele dein:
O laß mich ihn durchdringen!
Ich tauche mich mit Geist und Sinn
Durch die vertiefte Bläue hin,
Und kann sie nicht erschwingen!

Was ist so tief, so tief wie sie?
Die Liebe nur alleine.
Sie wird nicht satt und sättigt nie
Mit ihrem Wechselscheine.
- Schwill an, mein Fluß, und hebe dich!
Mit Grausen übergieße mich!
Mein Leben um das deine!

Du weisest schmeichelnd mich zurück
Zu deiner Blumenschwelle.
So trage denn allein dein Glück,
Und wieg auf deiner Welle
Der Sonne Pracht, des Mondes Ruh:
Nach tausend Irren kehrest du
Zur ewgen Mutterquelle!

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10. Lose Ware [sung text not yet checked]

"Tinte! Tinte, wer braucht? Schön schwarze Tinte verkauf ich!"
Rief ein Büblein gar hell Straßen hinauf und hinab.
Lachend traf sein feuriger Blick mich oben im Fenster,
Eh ich michs irgend versah, huscht er ins Zimmer herein.
Knabe, dich rief niemand! - "Herr, meine Ware versucht nur!"
Und sein Fäßchen behend schwang er vom Rücken herum.
Da verschob sich das halbzerissene Jäckchen ein wenig
An der Schulter und hell schimmert ein Flügel hervor.
Ei, laß sehen, mein Sohn, du führst auch Federn im Handel?
Amor, verkleideter Schelm! soll ich dich rupfen sogleich?
Und er lächelt, entlarvt, und legt auf die Lippen den Finger:
"Stille! sie sind nicht verzollt - stört die Geschäfte mir nicht!
Gebt das Gefäß, ich füll es umsonst, und bleiben wir Freunde!"
Dies gesagt und getan, schlüpft er zur Türe hinaus. -
Angeführt hat er mich doch: denn will ich was Nützliches schreiben,
Gleich wird ein Liebesbrief, gleich ein Erotikon draus.

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  • ENG English (Peter Palmer) , "Undeclared goods", copyright © 2009, (re)printed on this website with kind permission

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11. Ritterliche Werbung [sung text not yet checked]

"Wo gehst du hin, du schönes Kind?"
"Zu melken, Herr!" -sprach Gotelind.

"Wer ist dein Vater, du schönes Kind?"
"Der Müller im Tal!" -sprach Gotelind.

"Wie, wenn ich dich freite, schönes Kind?"
"Zu viel der Ehre!" -sprach Gotelind.

"Was hast du zur Mitgift, schönes Kind?"
"Herr, mein Gesichte!" -sprach Gotelind.

"So kann ich dich nicht wohl frein, mein Kind."
"Wer hat's Euch geheißen?" -sprach Gotelind

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  • ENG English (Charles James Pearson) , "Chivalrous Courting", copyright ©, (re)printed on this website with kind permission

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12. Die Schwestern [sung text not yet checked]

Wir Schwestern zwei, wir schönen,
So gleich von Angesicht,
So gleicht kein Ei dem andern,
Kein Stern dem andern nicht.

Wir Schwestern zwei, wir schönen,
Wir haben [lichtebraune]1 Haar',
Und [flichst]2 du sie in einen Zopf,
Man kennt sie nicht fürwahr.

Wir Schwestern zwei, wir schönen,
Wir tragen gleich Gewand,
Spazieren auf dem Wiesenplan
Und singen Hand in Hand.

Wir Schwestern zwei, wir schönen,
Wir spinnen in die Wett',
Wir sitzen an einer Kunkel[,]
Wir schlafen in einem Bett.

O Schwestern zwei, ihr schönen,
Wie hat sich das Blättchen [gewend't]3!
Ihr liebet einerlei Liebchen --
[Und jetzt]4 hat das Liedel ein End'.

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  • DUT Dutch (Nederlands) [singable] (Lau Kanen) , "De zussen", copyright © 2012, (re)printed on this website with kind permission
  • ENG English (Siân Goldthorpe) (Christian Stein) , "The sisters", copyright ©, (re)printed on this website with kind permission
  • FRE French (Français) (Stéphane Goldet) (Pierre de Rosamel) , "Les sœurs", copyright © 2012, (re)printed on this website with kind permission
  • ITA Italian (Italiano) (Giulio Cesare Barozzi) , "Le sorelle", copyright © 2012, (re)printed on this website with kind permission

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Confirmed with Eduard Mörike, Gedichte, Dramatisches, Erzählendes, Zweite, erweiterte Auflage, Stuttgart: J.G. Cotta'sche Buchhandlung Nachf., 1961, pages 63-64.

1 Brahms: "nußbraun"
2 Brahms: "flichtst"
3 Brahms: "gewandt"
4 Brahms: "Jetzt"

Research team for this text: Siân Goldthorpe , Sharon Krebs [Guest Editor]

13. Schön Rohtraut [sung text not yet checked]

Wie heißt König [Ringangs]1 Töchterlein?
  Rohtraut, Schön-Rohtraut.
Was tut sie denn den ganzen Tag,
Da sie wohl nicht spinnen und nähen mag?
  Tut fischen und jagen.
O, daß ich doch ihr Jäger wär'!
Fischen and Jagen freu'te mich sehr.
  -- Schweig' stille, mein Herze!

Und über eine kleine Weil',
  Rohtraut, Schön-Rohtraut,
So dient der Knab' auf Ringangs Schloß
[In]2 Jägertracht und hat ein Roß,
  Mit Rohtraut zu jagen.
O, daß ich doch ein Königssohn wär'!
Rohtraut, Schön-Rohtraut lieb' ich so [sehr]3.
  -- Schweig' stille, mein Herze!

Einstmals sie ruh'ten am Eichenbaum,
  [Da lacht]4 Schön-Rohtraut:
Was siehst [mich]5 an so wunniglich?
Wenn du das Herz hast, [küsse]6 mich!
  Ach! erschrak der Knabe!
Doch [denket]7 er: mir ist's vergunnt,
Und küssset Schön-Rohtraut auf den Mund.
  -- Schweig' stille, mein Herze!

Darauf sie ritten schweigend heim,
  Rohtraut, Schön-Rohtraut;
Es jauchzt der Knab' in seinem Sinn:
Und würdst du heute Kaiserin,
  Mich [sollt's]8 nicht kränken:
Ihr tausend Blätter im Walde wißt,
Ich hab' Schön-Rohtrauts Mund geküßt!
  -- Schweig' stille, mein Herze.

Authorship

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  • DUT Dutch (Nederlands) [singable] (Lau Kanen) , "Mooie Rohtraut", copyright © 2013, (re)printed on this website with kind permission
  • ENG English (Charles James Pearson) , "Pretty Rohtraut", copyright ©, (re)printed on this website with kind permission
  • FRE French (Français) (Stéphane Goldet) (Pierre de Rosamel) , "Belle Rohtraut", copyright © 2012, (re)printed on this website with kind permission

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1 Rheinberger: "Ringans"
2 Distler, Rheinberger, Schumann: "In der"
3 Blech: "wahr"
4 Blech: "Rohtraut,"
5 Distler, Rheinberger, Schumann, Smyth: "du mich"
6 Blech: "so küsse"
7 Rheinberger: "denkt"
8 Rheinberger: "soll's"

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14. Peregrina [sung text not yet checked]

Aufgeschmückt ist der Freudensaal.
Lichterhell, bunt, in laulicher Sommernacht
Stehet das offene Gartengezelte.
Säulengleich steigen, gepaart,
Grün-umranket, eherne Schlangen,
Zwölf, mit verschlungenen Hälsen,
Tragend und stützend das
Leicht gegitterte Dach.

Aber die Braut noch wartet verborgen
In dem Kämmerlein ihres Hauses.
Endlich bewegt sich der Zug der Hochzeit,
Fackeln tragend,
Feierlich stumm.
Und in der Mitte,
Mich an der rechten Hand,
Schwarz gekleidet, geht einfach die Braut;
Schön gefaltet ein Scharlachtuch
Liegt um den zierlichen Kopf geschlagen.
Lächelnd geht sie dahin; das Mahl schon duftet.

Später im Lärmen des Fests
Stahlen wir seitwärts uns beide
Weg, nach den Schatten des Gartens wandelnd,
Wo im Gebüsche die Rosen brannten,
Wo der Mondstrahl um Lilien zuckte,
Wo die Weymouthsfichte mit schwarzem Haar
Den Spiegel des Teiches halb verhängt.

Auf seidnem Rasen dort, ach, Herz am Herzen,
Wie verschlangen, erstickten meine Küsse den scheueren Kuß!
Indeß der Springquell, unteilnehmend
An überschwänglicher Liebe Geflüster,
Sich ewig des eigenen Plätscherns freute;
Uns aber neckten von fern und lockten
Freundliche Stimmen,
Flöten und Saiten umsonst.

Ermüdet lag, zu bald für mein Verlangen,
Das leichte, liebe Haupt auf meinem Schoß.
Spielender Weise mein Aug auf ihres drückend
Fühlt' ich ein Weilchen die langen Wimpern,
Bis der Schlaf sie stellte,
Wie Schmetterlingsgefieder auf und nieder gehn.

Eh' das Frührot schien,
Eh' das Lämpchen erlosch im Brautgemache,
Weckt' ich die Schläferin,
Führte das seltsame Kind in mein Haus ein.

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  • ENG English (Peter Palmer) , copyright © 2009, (re)printed on this website with kind permission
  • FRE French (Français) (Pierre Mathé) , copyright © 2009, (re)printed on this website with kind permission

Confirmed with Mörike, Eduard Friedrich. Gesammelte Schriften, Erster Band, G. J. Göschen'sche Verlagshandlung, 1878, pages 133-135.


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15. Zu viel [sung text not yet checked]

Der Himmel glänzt vom reinsten Frühlingslichte,
Ihm schwillt der Hügel sehnsuchtsvoll entgegen,
Die starre Welt zerfließt in Liebessegen,
Und schmiegt sich rund zum zärtlichsten Gedichte.

Am Dorfeshang, dort bei der luftgen Fichte,
Ist meiner Liebsten kleines Haus gelegen -
O Herz, was hilft dein Wiegen und dein Wägen,
Daß all der Wonnestreit in dir sich schlichte!

Du, Liebe, hilf den süßen Zauber lösen,
Womit Natur in meinem Innern wühlet!
Und du, o Frühling, hilf die Liebe beugen!

Lisch aus, o Tag! Laß mich in Nacht genesen!
Indes ihr sanften Sterne göttlich kühlet,
Will ich zum Abgrund der Betrachtung steigen.

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16. Nachts am Schreibepult [sung text not yet checked]

Primel und Stern und Syringe, von einsamer Kerze beleuchtet,
Hier im Glase, wie fremd blickt ihr, wie feenhaft, her!
Sonne schien, als die Liebste euch trug, da wart ihr so freudig:
Mitternacht summt nun um euch, ach! und kein Liebchen ist hier.

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  • ENG English (Peter Palmer) , "At my writing desk by night", copyright © 2009, (re)printed on this website with kind permission
  • FRE French (Français) (Stéphane Goldet) (Pierre de Rosamel) , "La nuit à l'écritoire", copyright © 2012, (re)printed on this website with kind permission

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17. Aus der Ferne [sung text not yet checked]

 [Weht, o wehet,]1 liebe Morgenwinde!
 Tragt ein Wort der Liebe hin und wieder!

Er:
 Vor der Stadt, wo du hinausgeritten,
 Auf dem Maultier, du mit den Begleitern, -
 Stund um Stunde sitz ich dort in Trauer,
 Wie ein scheuer Geist am hellen Tage.

Sie:
 Weder Freude hab ich, die mich freute,
 Weder Kummer, der mir nahe ginge,
 Als nur jene, daß du mein gedenkest,
 Als nur diesen, daß ich dich nicht habe.

Er:
 Ist ein Stein, darauf dein Fuß getreten,
 Fliegt ein Vogel, der vielleicht dich kennte,
 Jedem Höckenweibe möcht ichs sagen,
 Laut am offnen Markte könnt ich weinen.

 Weht, o wehet, liebe Morgenwinde!
 Tragt ein Wort der Liebe hin und wieder!

Er:
 Sollt ich Trost bei den Genossen suchen?
 Noch kein Fröhlicher hat wahr getröstet.

Sie:
 Kann ich Meinesgleichen mich vertrauen?
 Halb mit Neid beklagten sie mich Arme.

Er:
 In der Halle, wo sie abends trinken,
 Sang ein hübsches Mädchen zu der Harfe;
 Ich kam nicht zur Halle, saß alleine,
 Wie ein kranker Sperber auf der Stange.

Sie:
 Auf den Altan zogen mich die Mädchen:
 "Komm, die schönen Jünglinge zu sehen,
 Die vorüberziehn im Waffenschmucke."
 Ungern folgt ich, mit verdroßnen Augen.

 Weht, o wehet, liebe Morgenwinde!
 Tragt ein Wort der Liebe hin und wieder!

Er:
 Die Korallenschnur von deinem Halse,
 Die du noch zum Abschied mir gegeben,
 Tausendmal am langen Tage drück ich,
 Tausendmal bei Nacht sie an den Busen.

Sie:
 Dieses Balsamfläschchen an der Kette,
 Weg muß ichs von meinem Herzen nehmen,
 Mich befängt ein Liebeszauberschwindel,
 Wohlgeruch der Liebe will mich töten.

Er:
 Eine Nacht, ach, hielt ich dich im Arme,
 Unter Küssen dich auf meinem Schoße;
 Ein Jasminzweig blühte dir im Haare,
 Kühle Lüfte kamen durch das Fenster.

Sie:
 Heut im Bette, früh, es dämmert? eben,
 Lag ich in Gedanken an den Liebsten:
 Unwillkürlich küßt ich, wie du küssest,
 Meinen Arm, und mußte bitter weinen.

 Still, o stille nun, ihr Morgenwinde!
 Wehet morgen in der Frühe wieder!

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  • FRE French (Français) (Pierre Mathé) , "À distance", copyright © 2019, (re)printed on this website with kind permission

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1 Kahn: "Weht"; other changes may exist not noted.

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18. Nur zu! [sung text checked 1 time]

Schön prangt im Silbertau die junge Rose,
Den ihr der Morgen in den Busen rollte,
Sie blüht, als ob sie nie verblühen wollte,
Sie ahnet nichts vom letzten Blumenlose.

Der Adler strebt hinan ins Grenzenlose,
Sein Auge trinkt sich voll von sprüh'ndem Golde;
Er ist der Tor nicht, daß er fragen sollte,
Ob er das Haupt nicht an die Wölbung stoße.

Mag denn der Jugend Blume uns verbleichen,
Noch glänzet sie und reizt unwiderstehlich;
Wer will zu früh so süßem Trug entsagen?

Und Liebe, darf sie nicht dem Adler gleichen?
Doch fürchtet sie; auch fürchten ist ihr selig,
Denn all ihr Glück, was ist's? - ein endlos Wagen!

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19. Auf eine Lampe [sung text not yet checked]

Noch unverrückt, o schöne Lampe, schmückest du,
An leichten Ketten zierlich aufgehangen hier,
Die Decke des nun fast vergessnen Lustgemachs.
Auf deiner weißen Marmorschale, deren Rand
Der Efeukranz von goldengrünem Erz umflicht,
Schlingt fröhlich eine Kinderschar den Ringelreihn.
Wie reizend alles! lachend, und ein sanfter Geist
Des Ernstes doch ergossen um die ganze Form--
Ein Kunstgebild der echten Art. Wer achtet sein?
Was aber schön ist, selig scheint es in ihm selbst.

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  • ENG English (Emily Ezust) , "On a lamp", copyright ©

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20. Nachts [sung text not yet checked]

Horch! auf der Erde feuchtem Grund gelegen,
Arbeitet schwer die Nacht der Dämmerung entgegen,
Indessen dort, in blauer Luft gezogen,
Die Fäden leicht, unhörbar fließen
Und hin und wieder mit gestähltem Bogen
Die lustgen Sterne goldne Pfeile schießen.

Im Erdenschoß, im Hain und auf der Flur,
Wie wühlt es jetzo rings in der Natur
Von nimmersatter Kräfte Gärung!
Und welche Ruhe doch und welch ein Wohlbedacht!
Mir aber in geheimer Brust erwacht
Ein peinlich Widerspiel von Fülle und Entbehrung
Vor diesem Bild, so schweigend und so groß.
Mein Herz, wie gerne machtest du dich los!
Du schwankendes, dem jeder Halt gebricht,
Willst, kaum entflohn, zurück zu deinesgleichen.
Trägst du der Schönheit Götterstille nicht,
So beuge dich! denn hier ist kein Entweichen.

Authorship

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  • FRE French (Français) (Stéphane Goldet) (Pierre de Rosamel) , "De nuit", copyright © 2012, (re)printed on this website with kind permission

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21. Antike Poesie (An Goethe) [sung text not yet checked]

Ich sah den Helikon in Wolkendunst,
Nur kaum berührt vom ersten Sonnenstrahle:
Schau! Jetzo stehen hoch mit einem Male
Die Gipfel dort in Morgenrötebrunst.

Hier unten spricht von keuscher Musen Gunst
Der heilge Quell im dunkelgrünen Tale;
Wer aber schöpft mit reiner Opferschale,
Wie einst, den echten Tau der alten Kunst?

Wie? soll ich endlich keinen Meister sehn?
Will keiner mehr den alten Lorbeer pflücken??
Da sah ich Iphigeniens Dichter stehn:

Er ist's, an dessen Blick sich diese Höhn
So zauberhaft, so sonnewarm erquicken.
Er geht, und frostig rauhe Lüfte wehn.

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22. Erinna an Sappho [sung text not yet checked]

"Vielfach sind zum Hades die Pfade", heißt ein
Altes Liedchen -- "und einen gehst du selber,
Zweifle nicht!" Wer, süßeste Sappho, zweifelt?
Sagt es nicht jeglicher Tag?

Doch den Lebenden haftet nur leicht im Busen
Solch ein Wort, und dem Meer anwohnend ein Fischer von Kind auf
Hört im stumpferen Ohr der Wogen Geräusch nicht mehr.
- Wundersam aber erschrak mir heute das Herz. Vernimm!
Sonniger Morgenglanz im Garten,
Ergossen um der Bäume Wipfel,
Lockte die Langschläferin (denn so schaltest du jüngst Erinna!)
Früh vom schwüligen Lager hinweg.
Stille war mein Gemüt; in den Adern aber
Unstet klopfte das Blut bei der Wangen Blässe.

Als ich am Putztisch jetzo die Flechten löste,
Dann mit nardeduftendem Kamm vor der Stirn den Haar-
Schleier teilte - seltsam betraf mich im Spiegel Blick in Blick.
Augen, sagt ich, ihr Augen, was wollt ihr?
Du, mein Geist, heute noch sicher behaust da drinne,
Lebendigen Sinnen traulich vermählt,
Wie mit fremdendem Ernst, lächelnd halb, ein Dämon,
Nickst du mich an, Tod weissagend!
-- Ha, da mit eins durchzuckt' es mich
Wie Wetterschein! wie wenn schwarzgefiedert ein tödlicher Pfeil
Streifte die Schläfe hart vorbei,
Daß ich, die Hände gedeckt aufs Antlitz, lange
Staunend blieb, in die nachtschaurige Kluft schwindelnd hinab.
Und das eigene Todesgeschick erwog ich;
Trockenen Augs noch erst,
Bis da ich dein, o Sappho, dachte,
Und der Freundinnen all,
Und anmutiger Musenkunst,
Gleich da quollen die Tränen mir.

Und dort blinkte vom Tisch das schöne Kopfnetz, dein Geschenk,
Köstliches Byssosgeweb, von goldnen Bienlein schwärmend.
Dieses, wenn wir demnächst das blumige Fest
Feiern der herrlichen Tochter Demeters,
Möcht ich ihr weihn, für meinen Teil und deinen;
Daß sie hold uns bleibe (denn viel vermag sie),
Daß du zu früh dir nicht die braune Locke mögest
Für Erinna vom lieben Haupte trennen.

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23. Johann Kepler [sung text not yet checked]

Gestern, als ich vom naechtlichen Lager den Stern mir in Osten
Lang betrachtete, den dort mit dem roetlichen Licht,
Und des Mannes gedachte, der seine Bahnen zu messen,
Von dem Gotte gereizt, himmlischer Pflicht sich ergab,
Durch beharrlichen Fleiss der Armut grimmigen Stachel
Zu versoehnen, umsonst, und zu verachten bemueht:
Mir entbrannte mein Herz von Wehmut bitter; ach! dacht ich,
Wussten die Himmlischen dir, Meister, kein besseres Los?
Wie ein Dichter den Helden sich waehlt, wie Homer von Achilles'
Goettlichem Adel geruehrt, schoen im Gesang ihn erhob,
Also wandtest du ganz nach jenem Gestirne die Kraefte,
Sein gewaltiger Gang war dir ein ewiges Lied.
Doch so bewegt sich kein Gott von seinem goldenen Sitze,
Holdem Gesange geneigt, den zu erretten, herab,
Dem die hoehere Macht die dunkeln Tage bestimmt hat,
Und euch Sterne beruehrt nimmer ein Menschengeschick;
Ihr geht ueber dem Haupte des Weisen oder des Toren
Euren seligen Weg ewig gelassen dahin!

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24. Keine Rettung [sung text not yet checked]

Kunst! o in deine Arme wie gern entflöh ich dem Eros!
Doch du Himmlische hegst selbst den Verräter im Schoß.

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25. Nach dem Kriege [sung text not yet checked]

Bei euren Taten, euren Siegen
Wortlos, beschämt, hat mein Gesang geschwiegen.
Und manche, die mich damals schalten,
Hätten auch besser den Mund gehalten.

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26. In ein Autographen-Album [sung text not yet checked]

Mein Wappen ist nicht adelig,
Mein Leben nicht untadelig,
Und was da wert sei mein Gedicht,
Fuerwahr, das weiss ich selber nicht.

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27. Impromptu (An Mörikes Hündchen Joli) [sung text not yet checked]

Die ganz' Welt ist in dich verliebt
Und läßt dir keine Ruh,
Und wenns im Himmel Hundle giebt
So sind sie grad wie du!

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28. Die Enthusiasten [sung text checked 1 time]

Die Welt wär' ein Sumpf, stinkfaul und matt,
Ohne die Enthusiasten:
Die lassen den Geist nicht rasten.
Die besten Narrn, die Gott [selbst]1 lieb hat,
Mit ihrem Treiben und Hasten!
Ihr eigen Ich vergessen sie,
Himmel und Erde fressen sie
Und fressen sich nie satt.

Authorship

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Original poem headed with "In C. Künzels Album"
1 omitted by Schoeck.

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29. Trost [sung text not yet checked]

Ja, mein Glück, das lang gewohnte,
Endlich hat es mich verlassen!
-- Ja, die liebsten Freunde seh' ich
Achselzuckend von mir weichen,
Und die gnadenreichen Götter,
Die am besten Hülfe wüssten,
Kehren höhnisch mir den Rücken.
Was beginnen? werd' ich etwa,
Meinen Lebenstag verwünschend,
Rasch nach Gift und Messer greifen?
Das sei ferne! Vielmehr muß man
Stille sich im Herzen fassen.

Und ich sprach zu meinem Herzen:
Laß uns fest zusammenhalten!
Denn wir kennen uns einander,
Wie ihr Nest die Schwalbe kennet,
Wie die Zither kennt den Sänger,
Wie sich Schwert und Schild erkennen,
Schild und Schwert einander lieben.
Solch ein Paar, wer scheidet es?

Als ich dieses Wort gesprochen,
Hüpfte mir das Herz im Busen,
Das noch erst geweinet hatte.

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Confirmed with Mörike, Eduard Friedrich. Gesammelte Schriften, Erster Band, G. J. Göschen'sche Verlagshandlung, 1878, page 139.


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30. Auf ein Ei geschreiben [sung text not yet checked]

Ostern ist zwar schon vorbei,
Also dies kein Osterei;
Doch wer sagt, es sei kein Segen,
Wenn im Mai die Hasen legen?
Aus der Pfanne, aus dem Schmalz
Schmeckt ein Eilein jedenfalls,
Und kurzum, mich tät's gaudieren,
Dir dies Ei zu präsentieren,
Und zugleich tät es mich kitzeln,
Dir ein Rätsel drauf zu kritzeln.

Die Sophisten und die Pfaffen
Stritten sich mit viel Geschrei:
Was hat Gott zuerst erschaffen,
Wohl die Henne? wohl das Ei?

Wäre das so schwer zu lösen?
Erstlich ward ein Ei erdacht:
Doch weil noch kein Huhn gewesen,
Schatz, so hat's der Has gebracht.

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Available translations, adaptations or excerpts, and transliterations (if applicable):

  • ENG English (Peter Palmer) , "Inscribed on an Egg", copyright © 2010, (re)printed on this website with kind permission
  • FRE French (Français) (Pierre Mathé) , copyright © 2017, (re)printed on this website with kind permission

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31. Auf einen Klavierspieler [sung text not yet checked]

Hört ihn und seht sein dürftig Instrument!
Die alte, klepperdürre Mähre,
An der ihr jede Rippe zählen könnt,
Verwandelt sich im Griffe dieses Knaben
Zu einem Pferd von wilder, edler Art,
Das in Arabiens Glut geboren ward!
Es will nicht Zeug, noch Zügel haben,
Es bäumt den Leib, zeigt wiehernd seine Zähne,
Dann schüttelt sich die weiße Mähne,
Wie Schaum des Meers zum Himmel spritzt,
Bis ihm, besiegt von dem gelaßnen Reiter,
Im Aug die bittre Träne blitzt -
O horch! nun tanzt es sanft auf goldner Töne Leiter!

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  • ENG English (Sharon Krebs) , "On a pianist", copyright © 2010, (re)printed on this website with kind permission
  • FRE French (Français) (Pierre Mathé) , copyright © 2017, (re)printed on this website with kind permission

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32. Restauration (Nach Durchlesung eines Manuskripts mit Gedichten) [sung text not yet checked]

    nach Durchlesung eines Manuskripts mit Gedichten

Das süße Zeug ohne Saft und Kraft!
Es hat mir all mein Gedärm erschlafft.
Es roch, ich will des Henkers sein,
Wie lauter welke Rosen und Kamilleblümelein.
Mir ward ganz übel, mauserig, dumm,
Ich sah mich schnell nach was Tüchtigem um,
Lief in den Garten hinterm Haus,
Zog einen herzhaften Rettich aus,
Fraß ihn auch auf bis auf den Schwanz,
Da ward ich wieder frisch und genesen ganz.

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  • ENG English (Peter Palmer) , "Restorative", copyright © 2009, (re)printed on this website with kind permission

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33. Gebet [sung text checked 1 time]

Herr, schicke was du [willt]1,
Ein Liebes oder Leides;
Ich bin vergnügt, daß beides
Aus Deinen Händen quillt.

Wollest mit Freuden 
Und wollest mit Leiden
Mich nicht überschütten!
Doch in der Mitten,
Liegt holdes Bescheiden.

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  • CAT Catalan (Català) (Salvador Pila) , copyright © 2019, (re)printed on this website with kind permission
  • ENG English (Emily Ezust) , "Prayer", copyright ©
  • ENG English (Bertram Kottmann) , "Prayer", copyright © 2004, (re)printed on this website with kind permission
  • FRE French (Français) (Guy Laffaille) , "Prière", copyright © 2011, (re)printed on this website with kind permission
  • FRE French (Français) (Stéphane Goldet) (Pierre de Rosamel) , "Prière", copyright © 2012, (re)printed on this website with kind permission
  • ITA Italian (Italiano) (Amelia Maria Imbarrato) , "Preghiera", copyright © 2008, (re)printed on this website with kind permission
  • SPA Spanish (Español) (Martin Zubiria) , "Plegaria", copyright © 2010, (re)printed on this website with kind permission

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1 the modern form, "willst", is often used instead.

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34. Der Hirtenknabe (Zu einer Zeichnung L. Richters) [sung text checked 1 time]

Vesperzeit,
Betgeläut'
Aus den Dörfern weit und breit.
Hirtenbüblein auf der Heide
Bei der Weide
Seine Hände alsobald
Über'm Käpplein falt't,
Schlägt die Augen unter sich,
Betet inniglich.

Sieh da! Engel Hand in Hand
Ihrer viere, fahrend über Land;
Wie sie ihn erblicken,
Winken sich und nicken,
Machen halt im Nu,
Treten still herzu,
Stimmen an zum Glockenklang
Ihren Lobgesang.

Authorship

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  • FRE French (Français) (Stéphane Goldet) (Pierre de Rosamel) , "Le pâtre", copyright © 2012, (re)printed on this website with kind permission

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35. Auf ein Kind (das mir eine ausgerissene Haarlocke vorwies) [sung text not yet checked]

Mein Kind, in welchem Krieg hast du
Die gelben Haare lassen müssen?
Ein Rosenzweig hat sie im Sprunge dir entrissen!
Du weißt es kaum und lachst dazu.
Gott gebe, daß in künftger Zeit
Nie kein Verlust, noch ander Leid
Dich bitterer im jungen Herzen
Als dieser leichte Raub mag schmerzen!

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Available translations, adaptations or excerpts, and transliterations (if applicable):

  • FRE French (Français) (Stéphane Goldet) (Pierre de Rosamel) , "A propos d'un enfant (qui m'a montré une boucle de cheveux arrachée)", copyright © 2012, (re)printed on this website with kind permission

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36. Zu einer Konfirmation [sung text not yet checked]

Bei jeder Wendung deiner Lebensbahn,
Auch wenn sie glückverheißend sich erweitert
Und du verlierst, um Größres zu gewinnen:
-- Betroffen stehst du plötzlich still, den Blick
Gedankenvoll auf das Vergangne heftend;
Die Wehmut lehnt an deine Schulter sich
Und wiederholt in deine Seele dir,
Wie lieblich alles war, und daß es nun
Damit vorbei auf immer sei, auf immer!

Ja, liebes Kind, und dir sei unverhohlen:
Was vor dir liegt von künftgem Jugendglück,
Die Spanne mißt es einer Mädchenhand.
Doch also ward des Lebens Ordnung uns
Gesetzt von Gott; den schreckt sie nimmermehr,
Der einmal recht in seinem Geist gefaßt,
Was unser Dasein soll. Du freue dich
Gehabter Freude; andre Freuden folgen,
Den Ernst begleitend; dieser aber sei
Der Kern und sei die Mitte deines Glücks!

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37. Muse und Dichter [sung text not yet checked]

"Krank nun vollends und matt! Und du, o Himmlische, willst mir
Auch schon verstummen - o was deutet dies Schweigen mir an?
Gib die Leier!" - "Nicht doch, dir ist die Ruhe geboten.
Schlafe! träume nur! still ruf ich dir Hülfe herab.
Deinem Haupte noch blühet ein Kranz; und sei es zum Leben,
Sei's zum Tode, getrost! meine Hand windet ihn dir."
"Keinen Lorbeer will ich, die kalte Stirne zu schmücken:
Laß mich leben, und gib fröhliche Blumen zum Strauß!"

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38. Auf dem Krankenbette [sung text not yet checked]

Gleichwie ein Vogel am Fenster vorbei mit sonnebeglaenztem
Fluegel den blitzenden Schein wirft in ein schattig Gemach,
Also, mitten im Gram um verlorene Jahre des Siechbetts,
Überraschet und weckt leuchtende Hoffnung mich oft.

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39. Der Geprüfte [sung text not yet checked]

Ist's möglich? Sieht ein Mann so heiter aus,
Dem, was der Väter Fleiss erst gründete,
Was vieler Jahre stille Tätigkeit,
Kraft und Geduld und Scharfsinn ihm gewann,
In einer Stunde frass der Flamme Gier??
Ihn hebt die Flut des herrlichen Gefühls,
Davon die brüderliche Menschheit rings
Im schönen Aufrur schwärmt und Ehre mehr
Als Mitled zollt verängnishel'gem Unglück.
Es dringt dieselbe Macht, die so ihn schlug,
Die ew'ge, granzenloser Libe voll,
Aus so viel tausend Herzen auf ihn ein,
Und wie zum erstenmal in ihre Tiefe
Hinunter staunend, wirft er lanchend weg
Den Rest der Schmerzen. Ihm hat sich ein Schatz
Im unerforschten Busen aufgetan,
Und nichts besutzend, ward er überreich,
Den nun erst einen Menschen fühlt er sich!
Indem er heute noch, sein neues Glück
Zu baun, den späten Gipfel grüsst,
Magst du, o feige Welt, erkennen, was
Der Mensch vermag, wenn ihn ein Gott beseelt.

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40. Besuch in Urach [sung text not yet checked]

Nur fast so wie im Traum ist mir's geschehen,
Daß ich in dies geliebte Tal verirrt.
Kein Wunder ist, was meine Augen sehen,
Doch schwankt der Boden, Luft und Staude schwirrt,
Aus tausend grünen Spiegeln scheint zu gehen
Vergangne Zeit, die lächelnd mich verwirrt;
Die Wahrheit selber wird hier zum Gedichte,
Mein eigen Bild ein fremd und hold Gesichte!

Da seid ihr alle wieder aufgerichtet,
Besonnte Felsen, alte Wolkenstühle!
Auf Wäldern schwer, wo kaum der Mittag lichtet
Und Schatten mischt mit balsamreicher Schwüle.
Kennt ihr mich noch, der sonst hieher geflüchtet,
Im Moose, bei süß-schläferndem Gefühle,
Der Mücke Sumsen hier ein Ohr geliehen,
Ach, kennt ihr mich, und wollt nicht vor mir fliehen?

Hier wird ein Strauch, ein jeder Halm zur Schlinge,
Die mich in liebliche Betrachtung fängt;
Kein Mäuerchen, kein Holz ist so geringe,
Daß nicht mein Blick voll Wehmut an ihm hängt:
Ein jedes spricht mir halbvergeßne Dinge;
Ich fühle, wie von Schmerz und Lust gedrängt
Die Träne stockt, indes ich ohne Weile,
Unschlüssig, satt und durstig, weitereile.

Hinweg! und leite mich, du Schar von Quellen,
Die ihr durchspielt der Matten grünes Gold!
Zeigt mir die urbemoosten Wasserzellen,
Aus denen euer ewigs Leben rollt,
Im kühnsten Walde die verwachsnen Schwellen,
Wo eurer Mutter Kraft im Berge grollt,
Bis sie im breiten Schwung an Felsenwänden
Herabstürzt, euch im Tale zu versenden.

O hier ist's, wo Natur den Schleier reißt!
Sie bricht einmal ihr übermenschlich Schweigen;
Laut mit sich selber redend will ihr Geist,
Sich selbst vernehmend, sich ihm selber zeigen.
- Doch ach, sie bleibt, mehr als der Mensch, verwaist,
Darf nicht aus ihrem eignen Rätsel steigen!
Dir biet ich denn, begier'ge Wassersäule,
Die nackte Brust, ach, ob sie dir sich teile!

Vergebens! und dein kühles Element
Tropft an mir ab, im Grase zu versinken.
Was ist's, das deine Seele von mir trennt?
Sie flieht, und möcht ich auch in dir ertrinken!
Dich kränkt's nicht, wie mein Herz um dich entbrennt,
Küssest im Sturz nur diese schroffen Zinken;
Du bleibest, was du warst seit Tag und Jahren,
Ohn ein'gen Schmerz der Zeiten zu erfahren.

Hinweg aus diesem üppgen Schattengrund
Voll großer Pracht, die drückend mich erschüttert!
Bald grüßt beruhigt mein verstummter Mund
Den schlichten Winkel, wo sonst halb verwittert
Die kleine Bank und wo das Hüttchen stund;
Erinnrung reicht mit Lächeln die verbittert
Bis zur Betäubung süßen Zauberschalen;
So trink ich gierig die entzückten Qualen.

Hier schlang sich tausendmal ein junger Arm
Um meinen Hals mit inn'gem Wohlgefallen.
O säh ich mich, als Knaben sonder Harm,
Wie einst, mit Necken durch die Haine wallen!
Ihr Hügel, von der alten Sonne warm,
Erscheint mir denn auf keinem von euch allen
Mein Ebenbild, in jugendlicher Frische
Hervorgesprungen aus dem Waldgebüsche?

O komm, enthülle dich! dann sollst du mir
Mit Freundlichkeit ins dunkle Auge schauen!
Noch immer, guter Knabe, gleich ich dir,
Uns beiden wird nicht voreinander grauen!
So komm und laß mich unaufhaltsam hier
Mich deinem reinen Busen anvertrauen! -
Umsonst, daß ich die Arme nach dir strecke,
Den Boden, wo du gingst, mit Küssen decke!

Hier will ich denn laut schluchzend liegen bleiben,
Fühllos, und alles habe seinen Lauf! -
Mein Finger, matt, ins Gras beginnt zu schreiben:
Hin ist die Lust! hab alles seinen Lauf!
Da, plötzlich, hör ich's durch die Lüfte treiben,
Und ein entfernter Donner schreckt mich auf;
Elastisch angespannt mein ganzes Wesen
Ist von Gewitterluft wie neu genesen.

Sieh! wie die Wolken finstre Ballen schließen
Um den ehrwürdgen Trotz der Burgruine!
Von weitem schon hört man den alten Riesen,
Stumm harrt das Tal mit ungewisser Miene,
Der Kuckuck nur ruft sein einförmig Grüßen
Versteckt aus unerforschter Wildnis Grüne -
Jetzt kracht die Wölbung, und verhallet lange,
Das wundervolle Schauspiel ist im Gange!

Ja nun, indes mit hoher Feuerhelle
Der Blitz die Stirn und Wange mir verklärt,
Ruf ich den lauten Segen in die grelle
Musik des Donners, die mein Wort bewährt:
O Tal! du meines Lebens andre Schwelle!
Du meiner tiefsten Kräfte stiller Herd!
Du meiner Liebe Wundernest! ich scheide
Leb wohl! - und sei dein Engel mein Geleite!

Authorship

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